http://www.faz.net/-gr3-po0x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.10.2004, 12:00 Uhr

Triumph der Witzfiguren

Faulheit lohnt sich wieder: Javier Marías ist Experte für alles / Von Wolfgang Schneider

Juan Deza wurde im Spanischen Bürgerkrieg von seinem besten Freund verraten. Er hatte Glück im Unglück, denn die Falangisten stellten ihn nicht an die Wand; er kam mit Gefängnis davon. Später verschwendete er keinen Gedanken mehr an den Verräter; jegliches Rachegelüst war ihm fremd: "Es gibt Menschen, deren Beweggründe kein Nachforschen verdienen . . . Was dieser ehemalige Freund mit mir gemacht hatte, war so unentschuldbar, daß seine ganze Person sofort aufhörte, mich zu interessieren."

Hauptfigur des Romans ist allerdings nicht Juan Deza, sondern sein Sohn Jaime. Dem geht die Sache nicht aus dem Kopf. Wie konnte der Vater Kindheit und Jugend gemeinsam mit diesem besten Freund verbringen, "ohne sein Wesen oder zumindest sein mögliches Wesen zu erahnen"? Und damit sind wir im heißen thematischen Kern des neuen Großwerkes von Javier Marías, dessen erster Teilband nun mit dem Untertitel "Fieber und Lanze" auf deutsch erschienen ist: "Wie ist es möglich, daß ich heute nicht dein Gesicht morgen erkenne, das schon da ist oder hinter dem entsteht, das du zeigst, oder hinter der Maske, die du trägst, und das du mir erst dann vorführen wirst, wenn ich es nicht erwarte?"

Möglich ist dies, wenn man sich nicht auf Physiognomik versteht, jene alte Kunst des Deutens von Gesichtern und darüber hinaus der ganzen Erscheinung eines Menschen. Es ist kein Zufall, daß Jaime Deza, den man sich als Alter ego des Autors denken darf, eine außerordentliche physiognomische Begabung entwickelt. Anders als sein Vater hat er den Blick, der durch die Oberfläche der Gegenwart dringt. Verborgene Absichten lassen sich erkennen, eben weil sie niemals ganz verborgen sind. Schicksal und Charakter seien "begrifflich dasselbe", heißt es an einer Stelle. Wenn diese kardinale Gleichung stimmt und man den Charakter eines Menschen aus seinem Äußeren lesen kann, kennt man demnach auch seine Zukunft. "Man sieht, wer eines Tages wen verlassen wird, wenn einem ein Ehepaar vorgestellt wird." Man sieht den "zitternden Kiefer des konfusen Ehrgeizlings", das "Verziehen einer Lippe bei der Vorbereitung der Lüge". In solchen Formulierungen zeigt sich allerdings auch schon das Dilemma allen Gesichterdeutens: Es kann keine zuverlässigen Gesetze formulieren, sondern muß sich ganz auf Intuitionen verlassen.

Wie dem auch sei: Als Jaime Deza Gelegenheit bekommt, sein Talent als eine Art Profiler in den Dienst des britischen Geheimdienstes zu stellen, scheint eine faszinierende Geschichte auf den Weg zu kommen, ein physiognomischer Agententhriller, der in mancher Hinsicht an Marías' vielgelobten Campus-Roman "Alle Seelen" von 1989 anschließt. Hier berichtete ein Spanier von seinem Lektoren-Leben in Oxford, einem Ort kultivierter Langeweile, vieler Heimlichkeiten und verschrobener Rituale. Autobiographische und fiktive Anteile gingen bereits in diesem frühen Werk jene kalkulierte Durchmischung ein, die auch "Dein Gesicht morgen" bestimmt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ai Weiwei im spanischen Cuenca Ein Ritter von aufrechter Gestalt

In der Kathedrale von Cuenca wird Cervantes in den Kontext von Ai Weiwei und der spanischen Moderne gestellt: Eine Hommage auf Sonderlinge, Abweichler und Normverletzer. Mehr Von Paul Ingendaay, aus Cuenca

21.08.2016, 08:33 Uhr | Feuilleton
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Kaminers Deutschlandreise Allgäu, die Himmelspforte

Für den Sender 3Sat soll ich in Deutschland auf Reisen gehen und erkunden, wie aus Kultur Heimat wird. Erlebt habe ich, dass Menschen beides schaffen, in allen Teilen des Landes. Mehr Von Wladimir Kaminer

22.08.2016, 17:31 Uhr | Feuilleton
Kabul in Afghanistan Tote nach Angriff auf Amerikanische Universität

Bei einem Angriff auf die Amerikanische Universität in Kabul sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Zu dem Angriff bekannte sich zunächst niemand. Mehr

25.08.2016, 15:40 Uhr | Politik
Kaminers Deutschlandreise So ist der Humor der Friesen

Wer in Nordfriesland auf einer Düne filmen will, hat es mit fünf Behörden zu tun. Hinter denen steckt manchmal ein und dieselbe Person. So ist das in einer Gegend, deren Bewohnern die Natur nichts anhaben kann. Mehr Von Wladimir Kaminer

25.08.2016, 17:03 Uhr | Feuilleton