http://www.faz.net/-gr3-q1aa

: Traurige Häfen des Verlangens

  • Aktualisiert am

Aus der evolutionären Psychologie lernen wir, wie tief verwurzelt manche menschlichen Verhaltensweisen in der Stammesgeschichte sind. So versuchen wir in Räumen, etwa bei Empfängen, unwillkürlich eine Wand im Rücken zu haben - eine einst elementare Vorsichtsmaßnahme, um gegen Angriffe aus dem Hinterhalt gefeit zu sein.

          Aus der evolutionären Psychologie lernen wir, wie tief verwurzelt manche menschlichen Verhaltensweisen in der Stammesgeschichte sind. So versuchen wir in Räumen, etwa bei Empfängen, unwillkürlich eine Wand im Rücken zu haben - eine einst elementare Vorsichtsmaßnahme, um gegen Angriffe aus dem Hinterhalt gefeit zu sein. Vor Bildern in Museen bewegen wir uns in der Regel nach angelernten Mustern: Wir gehen vor und zurück, untersuchen den Farbauftrag und verschaffen uns verschiedene Ansichtswinkel. Man würde sich nicht so verhalten, als sei das Dargestellte real, etwa zurückspringen bei einem gefährlichen Tier von Dalí oder um das Nachtcafé van Goghs einen Bogen machen.

          Es macht den Charme der Kommentare des amerikanischen Lyrikers Mark Strand zu Gemälden Edward Hoppers aus, daß er den Betrachter immer als Teil des Bildes annimmt, eine teilnehmende Beobachtung wie in der Ethnographie unternimmt. Am Lokal etwa, in dem die "Nighthawks" hocken, werde man nicht hineingezogen, "sondern an ihm entlanggeführt", der Sog zum perspektivischen Fluchtpunkt außerhalb des Bildes drängt den Betrachter weiter. Doch setzt die Betrachtung eine dialektische Bewegung in Gang, ein Oszillieren zwischen Attraktion und Abstoßung: "Das Lokal ist eine Insel im Licht, die jeden, der möglicherweise vorbeigeht - in diesem Fall uns -, vom Ziel seiner Reise ablenkt." Da das Leben aber ein ständiges Weiterschreiten ist, wäre das Erreichen des Fluchtpunkts der Tod. Die "Ablenkung" des Betrachters wird daher zur "Rettung".

          Ausdrücklich vermeidet Strand in seinen kurzen Texten, die vom Szenischen und Formalen ausgehen, alle sozialen und historischen Lesarten; er geht nicht werkchronologisch vor und unternimmt nur ganz selten kunsthistorische Vergleiche, etwa zur Tradition amerikanischer Landschaftsmalerei. Er will Hopper nicht irgendwo "verorten", sondern gerade umgekehrt die Wahrnehmung sehr bekannter Bilder wieder neu in Gang setzen. Das Recht zu diesem Dilettantismus leitet sich aus einer Geistesverwandtschaft ab, die doch nie behauptet, besser als andere zu wissen, was sich hinter den rätselhaften Szenarien verbirgt. So bemerkt er zu "A Woman in the Sun", es sei "sinnlos", darüber zu spekulieren, was dem Schlaf der gerade erwachten Frau vorausging: "Ihre Vergangenheit bleibt wie ihr Rücken im Schatten." Aber Hoppers Bilder verweigern auch die Zukunft. Obwohl sie gerade dazu einzuladen scheinen, würden sie banal, sobald man um den gefrorenen Augenblick herum eine Geschichte ausspinnen würde. Das Gefühl der unaufhebbaren Fremdheit ist für das Schauen konstitutiv. Oft erblicken Figuren etwas offenbar Bedeutsames außerhalb des Bildes, das dem Betrachter verborgen bleibt, etwa in dem großartigen "Pennsylvania Coal Town" von 1947. Doch die Botschaft des Lichts ist nicht für uns bestimmt. Hoppers Räume seien "traurige Häfen des Verlangens", das ewig ungestillt bleibt: "Es ist beunruhigend. Wir wollen weitergehen. Und etwas treibt uns an, gerade wenn etwas anderes uns zum Bleiben zwingt. Es lastet auf uns wie Einsamkeit. Unser Abstand zu allem wächst."

          Als schwächere Bilder erscheinen dann gerade diejenigen, die zuviel erzählen. Etwa "Excursion into Philosophy" von 1959, auf dem ein Mann zu sehen ist, der neben einer schlafenden Frau auf dem Bett sitzt, ein aufgeschlagenes Buch neben sich. Hopper selbst hatte zudem angeblich dazu geäußert, das Buch sei "Platon, zu spät noch einmal gelesen". Dies ist eine der wenigen Stellen, wo Strand richtig polemisch wird: Das Bild werde "zu einem Cartoon, zu einer hoffnungslos vereinfachten Ansicht - von was?". Immerhin erkennt Strand hier die Gefahr, daß Hoppers einsame Menschen auch ins existentialische Klischee umschlagen und als Dekoration im Wartezimmer des Psychotherapeuten enden können. Vielleicht habe Hopper, so Strand, mit dem Hinweis auf Platon absichtlich in die Irre führen wollen: Das Bild heiße "schließlich nicht ,Erkundungen bei Platon' oder ,Die Grenzen Platons' oder ,Postkoitale Traurigkeit und Platonismus'".

          Als leitmotivisch wiederholtes Thema erscheint immer wieder die Reflexion über das Wesen der Zeit, des Augenblicks, des scheinbar stillgestellten "Dazwischen" - in einem lebenslangen, nie zur Ruhe kommenden Unterwegssein. Schon früh hat man in Strands Lyrik, die etwa im Suhrkamp-Band "Dunkler Hafen" (1997) auf deutsch vorliegt, ein literarisches Pendant zu Hoppers Malerei gesehen: der existentielle Grundton, die Arbeit mit einfachen und eingängigen formalen Mitteln, die Beiläufigkeit der Gegenstände - private Szenen, Skizzen aus der amerikanischen Provinz, Naturbeschreibungen -, die plötzlich in Momente innerweltlicher Epiphanie umschlagen.

          Strands erster Gedichtband "Sleeping With One Eye Open" erschien 1964, ein Jahr nach der Entstehung von "Sun in an Empty Room", laut Strand Hoppers "letztes großes Bild, die Vision einer Welt ohne uns, nicht bloß ein Ort, der uns ausschließt, sondern ein Ort, der von uns geleert ist". In Strands Debüt findet sich das Gedicht "Keeping Things Whole", das mit den Versen endet: "Alle haben wir Gründe / uns zu bewegen / Ich bewege mich / um die Dinge ganz zu lassen." Edward Hopper zeigt, was Gegenstände, Orte und Menschen tun, wenn wir sie aus den Augen verlieren.

          RICHARD KÄMMERLINGS

          Mark Strand: "Über Gemälde von Edward Hopper". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Wiebke Meier. Schirmer/Mosel, München 2004. 104 S., Abb., geb., 14,80 [Euro].

          Weitere Themen

          Wundversorgung

          Tanztheater Pina Bausch : Wundversorgung

          Bettina Wagner-Bergelt wird Direktorin am Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Die Entscheidung ist schwach. Die Ära der nächsten vorläufigen Lösung beginnt.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Aus Protest gegen May : Zwei Minister verlassen Mays Kabinett

          Nach der Einigung auf einen Austrittsentwurf bricht Theresa May ihre Regierung weg. Aus Protest gegen ihre Brexit-Pläne treten die Minister Raab und McVey sowie zwei Staatssekretäre zurück. Der EU-Sondergipfel zum Brexit soll am 25. November in Brüssel stattfinden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.