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Toni Morrison: Gnade : Das Sklavenmädchen ist zwanzig Pesos wert

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Bild: Rowohlt

In „Gnade“ kehrt die amerikanische Nobelpreisträgerin Toni Morrison eindrucksvoll zu ihren Wurzeln zurück. Der Roman übertrifft selbst ihr Meisterwerk „Menschenkind“.

          Ein heller Schatten liegt auf der Titelseite von Toni Morrisons jüngstem Roman: Die transparente Illustration einer Landkarte, die in der deutschen Ausgabe von „A Mercy“ fehlt. Gekrümmte Linien wie Venen, die sich auf der Haut abzeichnen; Flüsse und Berge wie Narben im Gesicht, obgleich die Namen, die in alten Lettern auf der Karte stehen, von der Unschuld des Landes erzählen.

          Chesapeake Bay, Cape Hatteras; Powhatans, Name der mächtigen indianischen Konföderation, die zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts im Krieg mit den Siedlern der englischen Virginia Company lag. „Ich möchte gewissermaßen die Landkarte einer kritischen Geographie entwerfen“, so Morrison in „Schwarze Angelegenheit“, ihrem berühmten Essay, in dem sie über den Afrikanismus in der amerikanischen Literatur spricht, „und diese Karte dazu benutzen, so viel Raum für Entdeckungen, intellektuelle Abenteuer und detaillierte Erkundungen zu eröffnen, wie es einst die ersten kartographischen Darstellungen der Neuen Welt taten – ohne das Mandat für Eroberungen allerdings.“ Auf der ihrem Roman vorangestellten Karte hat Morrison mit eigener Hand die von den europäischen Kolonisten eingeführten Namen getilgt und die Ostküste der Vereinigten Staaten für die Ureinwohner des Landes reklamiert: In „Gnade“, so der um den Wert eines Artikels ärmere deutsche Titel, erkundet sie das Versprechen der Freiheit, das der Vision des amerikanischen Traums zugrunde liegt – genauer: die Arglist dieses Versprechens, die den Glanz der Freiheit überschattet. Muhheakantuck, am Mount Marcy entspringt ein Fluss.

          Blendende Gold des Nebels

          Das blendende Gold des Nebels, glühendes, zähes Licht: Als Jacob Vaark zu Beginn durch die Brandung und den Schlick ans Ufer watet, hat er das Gefühl, er kämpfe sich „durch einen Traum“. Vaark ist ein im Armenhaus der Alten Welt aufgewachsener und durch das überraschende Erbe eines ihm fremden Verwandten zu Grundbesitz gekommener Abenteurer, ein junger Kaufmann, der im Oktober 1682 an der Küste von Virginia an Land geht und einer Wegspur der Lenape-Indianer Richtung Maryland folgt, um bei einem seiner säumigen Geschäftspartner die Schulden einzutreiben. Als die einzige katholische unter den englischen Kolonien ist Maryland „römisch bis ins Mark“, die Tempel der Priester stehen „wie Menetekel an öffentlichen Plätzen“: Die tiefe Verachtung, die der Protestant Vaark in der Provinz auf Schritt und Tritt empfindet, mündet bei seiner Ankunft auf der Plantage des portugiesischen Pflanzers D’Ortega in komplizierte Gefühle aus Ekel und Neid, die Toni Morrison in wenigen, präzise gesetzten Strichen aufzeichnet, eindringlich und leicht. Senhor D’Ortegas Söhne stecken bei schwüler Hitze unter gepuderten Perücken, seine Frau ist auf verschwenderische Weise töricht und so blasiert wie er. In Jublio, D’Ortegas Palast aus honigfarbenem Stein, brennen tagsüber Kerzen, und obwohl Vaark den neureichen Katholiken verabscheut, verlangt es ihn nach ähnlichem Wohlstand, nach sozialem Status, nach Kindern für ihn und seine liebenswerte, dralle Frau.

          Drei tote Babys und der tödliche Unfall seiner fünfjährigen Tochter haben Vaarks Leben verdunkelt: Als D’Ortega ihm zur teilweisen Begleichung der Schulden statt Geld einen seiner Sklaven anbietet, nimmt er auf Flehen einer Mutter deren kleine, vielleicht siebenjährige Tochter in Besitz. „Der Glanz des Reichtums“, so Morrison in ihrem Essay „Vom Schatten schwärmen“, „entsteht in der Sklaverei von Armut, Hunger und Schulden“; erst eine „Flotte voller kostenloser Arbeitskräfte“, so Morrison in ihrem Roman, in dem sich das Lebensthema der 1931 in Ohio geborenen Schriftstellerin aufs Eindrucksvollste kristallisiert, „machte einen Müßiggang möglich, wie ihn D’Ortega pflegte“. Vaark hat nur Häme übrig für einen Wohlstand, „der auf der Arbeit von Gefangenen beruhte, die in Gefangenschaft zu halten nur umso mehr Gewalt erforderte“. Das Sklavenmädchen, das er aus Mitleid in Zahlung nimmt, ist zwanzig Pesos wert.

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