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Tom Wolfe: Back to Blood Im weißen Anzug gegen den Rest der Welt

 ·  „Back to Blood“ ist keine stilistische oder inhaltliche Herausforderung, aber eine perfekt unterhaltende Lektüre und ein rundum entspannter Roman.

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Der Zauber der Romane Tom Wolfes entfaltet sich stärker für jene, die zuvor einen ganz anderen Text von ihm gelesen haben, ein nur wenige Seiten langes Manifest, das vielleicht nicht zufällig im magischsten Monat unserer Zeit erschien, dem November 1989. In dieser literarischen Unabhängigkeitserklärung mit dem Titel „Die Jagd auf das milliardenfüßige Biest“ betont Wolfe die empirische Basis der Literatur. Weil wir in solch schwindelerregenden Zeiten leben, sei der Stoff für Romane die urbane Wirklichkeit der Gegenwart, er liege auf der Straße, und dorthin hätten ihm die Schriftsteller auch gefälligst zu folgen. Wolfe forderte einen „Realismus, der den Einzelnen in einer intimen und unauflöslichen Beziehung zur ihn umgebenden Gesellschaft abbildet“. Es war eine emphatische Bekräftigung des aufklärerischen und gesellschaftlichen Auftrags der Literatur, der eine anthropologische Überzeugung zugrunde lag, die von der gesellschaftlichen Bedingtheit individueller Schicksale.

In Wolfes Büchern sollen nicht seine früheren Liebesbeziehungen, Träume oder seine Kindheitserlebnisse verhandelt werden, sondern das, was auf der Straße der großen Städte passiert, wo der Geist der Zeit tanzt. Das überzeugte und begeisterte all jene, die von seitenlangen Teetassenbeschreibungen, Regenwetterbeobachtungen und dialogarmen Liebesgeschichten gelangweilt waren und dennoch nicht darauf verzichten wollten, Belletristik zu lesen, und zwar sowohl, um gut unterhalten zu werden wie auch um etwas Neues zu lernen.

Der neue Tom Wolfe auf dem Nachttisch

Dieser fröhliche Ruf des Hinaus in die Welt passt gut in unsere postideologische, unübersichtliche Zeit, und er klingt so schön und hallt noch nach, so dass man Wolfe längst auch die schwächere literarische Umsetzung verziehen hat. Seit Jonathan Franzen ist auch klar, dass es keinen Gegensatz zwischen biographischem Material und einer weitgehenden literarischen und weltdeutenden Ambition geben muss. Aber egal. Dieser Gestus des Hinaustretens und der jungenhafte Übermut dieser wahnsinnigen Geste - hier sind mein Stift und mein Block und du, Welt, wo bist du? - sind von solcher Anmut, dass man schon ein arger Besserwisser sein muss, um die darauf folgenden Romane mit dem ursprünglichen Programm zu konfrontieren. Bei manchen wäre es kein Problem: Selbst heute fällt es schwer, eine bessere Diagnose Manhattans und der Dinge, die uns vom Wahnsinn der Finanzbranche noch drohen sollten, vom Zerfall der Gesellschaft und der Manipulation der Medien zu finden als im „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Andere Romane trafen aber keinen kulturhistorischen Nerv, sondern bloß daneben.

„Back to Blood“ ist nun ein völlig entspannter Roman, an dem man vor allem den gnadenlosen schwarzen Humor des Autors schätzen sollte. Wolfe hat sich im fortgeschrittenen Alter diskret von dem Interesse für die Zeitgenossen und der Neugier auf die Abseitigkeiten der Gegenwart entfernt und kultiviert schon sehr seine eigenen, bisweilen sehr amüsanten Spleens. Um seinen Spaß mit dem Leser zu teilen, wendet er manchen wirksamen Trick an, beispielsweise die Beschreibung sprachlicher Distinktionsmechanismen auf niedrigem Niveau: Der korrekte Gebrauch ganz normaler Sätze wird als Ausweis besonderer Kultiviertheit betont, so dass der durchschnittliche Leser sich ganz en passant narzisstisch stimuliert fühlen darf. Bald wird Wolfe besonders mutige, anziehende und erfolgreiche Charaktere dadurch beschreiben, dass sie den neuen Tom Wolfe auf dem Nachttisch liegen haben.

Duschen Frauen wirklich nackt?

So zeigt Wolfe seine gesammelten Tricks, manche davon sind wirklich toll: Die ganze Doofheit und manipulative Penetranz eines auf die Therapie von Pornosucht spezialisierten Psychiaters schildert Wolfe mit zunehmender Gnadenlosigkeit, man kommt aus dem Lachen gar nicht mehr heraus.

Irritierend ist der Blick des Autors auf weibliche Wesen, auf Sex und Pornografie und Nacktheit und die Bilder davon und die Rede darüber und ganz allgemein den Umstand, dass es so etwas alles überhaupt gibt. Wolfe hat da die enervierende Albernheit eines stets schief denkenden Jungen, der es nicht fassen kann, dass Frauen primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale haben und womöglich nackt duschen. In dieser Perspektive wird die geschlechtliche Routine der Menschheit - schließlich kommt fast jeder Mensch nach einem Zeugungsakt zur Welt - zu einer sensationellen zeitdiagnostischen Erkenntnis, die mit einer Menge Großbuchstaben und Ausrufezeichen transportiert wird. Man liest all das verklemmte Kichern über Küssen und so schulterzuckend.

Held und Verräter

Letztlich ist die empirische Ausbeute nach der Lektüre begrenzt, das soll aber wohl so sein: Man erfährt über Miami genau das, was man als Kenner der Fernsehserie „Miami Vice“ vorher dort vermutet hat, dass es also ein tropisch buntes Treiben ist unter einer Hammer-Sonne, dass die Kunstwelt eitel ist und ein bisschen kriminell, dass die Migranten sich so durchwurschteln, der Kampf nach Anerkennung hart ist und Geld die Welt regiert, aber manche leisten Widerstand. Das menschliche Treiben ist auch dort rührend und grotesk, es gibt Schweine und Helden, und obwohl Porno auf dem Vormarsch ist, gibt es doch die wahre Liebe und die Freundschaft.

Virtuos führt der Autor uns an unserer eigenen Nase von Kapitel zu Kapitel. Wolfe vertraut, wie die alten Erzähler auf dem „Djemaa el Fna“, dem zentralen Marktplatz in Marrakesch, auf Muster immergrüner Geschichten, die noch jedes Publikum fasziniert haben. Nestor Camacho, der Polizist, dessen Eltern aus Kuba flüchten konnten, vollbringt eine Heldentat und rettet ein Menschenleben, aber weil er damit zugleich eine Flucht aus Kuba vereitelte, gilt er seinen Leuten als Verräter. Der angesehene Künstler, der gefragte und im Fernsehen brillante Wissenschaftler sind, mit den Augen der Unschuldigen betrachtet, nur Hochstapler. Politiker und Polizisten suchen in jeder Lage ihren Vorteil, aber nicht alle, der Einzelne kann einen Unterschied machen. Die Herkunft der eigenen Familie kann überhöht oder verleugnet werden, auch die eigene Geschichte lässt sich im Nachhinein erfinden. So ist der aus Haiti stammende Professor Lantier, der unbedingt den französisch-normannischen Anteil seiner Genealogie präsentieren möchte, wie aus einem Buch von Pierre Bourdieu entstiegen. Der Leser wird bei „Back to Blood“ nicht aus der Wohlfühlzone herausgeführt, nicht provoziert oder mit ungewohnten Ideen behelligt, andererseits bereut man die mit dem Buch verbrachte Zeit auch nicht. Man ist in den Händen eines Profis.

Tom Wolfe: Back To Blood. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Blessing Verlag,
München 2013. 768 S., geb., 24,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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