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Toine Heijmans: Irrfahrt : Wenn der Kaventsmann übernimmt

  • -Aktualisiert am

Sonderbare Wellen sind unterwegs : Weit mehr als illustrierend wirken die Zeichnungen von Jenna Arts zu Toine Heijmans Roman „Irrfahrt“ Bild: Arche Literatur Verlag

Toine Heijmans erzielte mit „Irrfahrt“ in den Niederlanden einen Überraschungserfolg. Sein packendes Debüt handelt von einem Grenzgang und von einem, der uns glauben macht, alles im Griff zu haben.

          Irrtümlich könnte man diesen Roman für ein harmloses Kinderbuch halten, wegen seines türkisblauen Umschlags, auf dem sehr sorgfältig hohe Wellen herausschlagen, darin ein kleines, schräg liegendes Segelboot, gemalt wie von Kinderhand, viel zu klein für dieses Meer. Man ahnt, etwas wird kentern. Aber wie hier wer während des Erzählens kentert, ahnt man nicht, bis zum Ende dieses spannenden Erstlings des holländischen Journalisten Toine Heijmans: „Irrfahrt“ wurde in den Niederlanden zum Überraschungserfolg. Vorblättern nicht erlaubt. Dann kann das auch hier funktionieren.

          Ein Mann, ein Vater, erzählt. Er befindet sich auf seiner Jolle, seit drei Monaten schon, er hat eine Auszeit genommen und sich einen Traum erfüllt. Er ist noch nicht in Seenot, doch kurz davor: „Die Wolken hatte ich nicht gesehen. Sie müssen sich hinter meinem Rücken zusammengezogen haben. Sie müssen auf Befehl aufmarschiert sein. Nun hängen sie vor dem Bug, in Gefechtsaufstellung.“ Der Mann tut, was man ihm geraten hat bei aufziehendem Unwetter: Er legt sein Handy in den Backofen. Faradayscher Käfig. Und er tut auch noch andere wichtige Dinge, nach Schiffen schauen, Kaffee trinken, die Positionsdaten ins Logbuch schreiben. Routine beruhigt. Denn: „Wenn das Denken aufhört, übernimmt das Meer.“

          Der unzuverlässigste Erzähler

          Das hat man erlebt mit Herman Melville, mit Joseph Conrad oder Hemingway. Die Tradition ist der Fels, an dem sich jeder weitere Roman über Mann und Meer zu brechen hat. Wie leicht kann das alles glitschig geraten, wenn falsch erzählt. „Irrfahrt“ aber beatmet alte Themen neu, zieht uns hinein durch Vergleiche aus einer merkwürdig flachen Welt. Vom Segelboot aus sehen die nahen Inseln aus „wie von Kinderhand aus schwarzem Karton geschnitten“. Über allem liegt eine unheimliche Einfachheit, ein Wunsch nach sicherer Ordnung und himmelblauem Glück. Kein Wunder: Der Mann trägt Verantwortung. Er hat seine kleine Tochter Maria für zwei Tage mit auf dem Boot. Maria ist ein starkes Mädchen, stärker als der Vater mit seiner Erwachsenenangst, die sich nicht so leicht vertreiben lässt wie Kinderangst. Die ist „wie eine Lampe, die man an- und ausknipst: Man braucht bloß etwas vorzusingen oder sich eine Geschichte auszudenken, schon muss Maria lachen und schläft ein.“ Doch plötzlich, es ist Nacht, die Böen kräftig, liegt sie nicht mehr in ihrem Bett, als der Vater sie unter der Decke mit der Hand berühren will, nur kurz, „ich darf sie nicht aufwecken. Wahrscheinlich hat sie sich eingeigelt.“ Nichts. Sie ist nicht da, und ihr Eisbär auch nicht.

          Man lässt mit dem schlaflosen Erzähler die Zweisamkeit auf See Revue passieren. Wie in einem Bilderbuch, das etwas zu schön gemalt ist. Doch heimlich schaut eine Geschichte hinter der Geschichte hervor wie ein Chamäleon, das ständig seine Farbe wechselt. Mal trägt es Abendkleid und feiert Vater-Tochter-Ausflüge als Glücksmomente, die niemand verpassen darf. Mal überschreitet es Grenzen, zieht sich aber sofort schuldbewusst zurück. Was ist hier eigentlich los? Heijmans gibt keine schnelle Auflösung, er beherrscht das Verzögern und zeigt nur dezent, wie die Welt um seine Hauptfigur sich verändert - oder dessen Wahrnehmung von ihr. Bald liegt die Nordsee nicht mehr glatt. Sonderbare Wellen sind unterwegs, Kaventsmänner, doppelt so groß wie andere Wellen: „Sie wissen sich keinen Rat mit sich selbst.“ Die Wellen „bekommen Kronen. Kleine, giftige Schaumkronen. Kleine, böse Gesichter.“ Das Erzählen erhält eine Gegenwärtigkeit, aus der sich seltener Fenster in die Vergangenheit öffnen.

          Toine Heijmans hat sich ganz in den Kopf dieses Mannes begeben, des unzuverlässigsten Erzählers überhaupt. Und so beschreibt sein Roman, auf dessen Bühne ein Mann schreckstarr seine Tochter auf dem Meer suchen geht, den Druck, ein guter Vater sein zu wollen, ohne recht zu begreifen, was das eigentlich ist. „Irrfahrt“ ist ein Angstbuch, notdürftig gehalten von der luftdichten Käseglocke, in die alles hineingeschrieben scheint. Und so liest man gebannt, wie aus dem schwankenden Märchen ein Abenteuer wird, „kalt wie Eis“. Ilja Braun hat es wunderbar aus dem Niederländischen übertragen, mit kühler Schlichtheit. Weit mehr als nur illustrierend sind die Schwarzweißzeichnungen von Jenna Arts, die eine unkontrollierbare Welt über wie unter Wasser erschließen, mit Wellen, die zu Krallen werden oder Segelbooten, die aussehen, als würden sie schlafen. „Irrfahrt“ handelt vom Grenzgang, während uns einer lange glauben macht, er habe alles im Griff. Heijmans macht es nicht leicht, den Punkt zu erkennen, an dem alles kippt. Darüber ist ihm ein feiner, packender Roman übers Abdriften gelungen.

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