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Törleß war nichts dagegen

 ·  Guido Bachmann erkundet die Seelenlage eines Internatsschülers

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In keinem Lehrbuch der Biologie ist sie verzeichnet: die Blutwegschleckschnecke, die ihre schleimige und ziemlich unappetitliche Spur durch den neuen Roman von Guido Bachmann zieht. Schon im ersten Teil seiner Autobiographie, die 1997 unter dem Titel "Lebenslänglich" erschien, hatte er das wenig sympathische Kriechtier in einer Traumphantasie erscheinen lassen. Diesmal jedoch gehört die Schnecke zur imaginären Welt einer Romanfigur. Ausgedacht haben soll sie sich der fünfundzwanzigjährige Matthias, der sich aufgrund seiner Wahnvorstellungen in der Klinik "Sommerweide" aufhält, einer luxuriösen Anstalt irgendwo in Bachmanns heimatlicher Schweiz. Dort wird dem intelligenten, wohlhabenden jungen Mann eine Vorzugsbehandlung zuteil: Abgeschirmt von allen störenden Einflüssen, flicht er Tausende von Papierkörben und darf unter geduldiger Anleitung nach Herzenslust Musikinstrumente traktieren. In wöchentlichen Gesprächen versucht die ehrgeizige Ärztin Sibylle, hinter die Ursachen der psychischen Störungen ihres Lieblingspatienten zu kommen, wobei sie vor allem die Frage beschäftigt, ob Matthias tatsächlich ein Muttermörder ist, wie er es hartnäckig behauptet.

Wir befinden uns also in der beliebten Sphäre literarischer Seelenzergliederung. Mit klinischer Genauigkeit werden etwa diagnostische Befunde über die verschiedenen Stufen des chronischen Alkoholmißbrauchs dargeboten, der nicht unbeteiligt an den widerwärtigen Schneckenvisionen ist. Das nüchterne Protokoll einer Krankengeschichte hat Bachmann dennoch nicht verfaßt. Vielmehr verschmilzt die Sprache des Erzählers zunehmend mit den Vorstellungen seines Protagonisten, die sich den Regeln der herkömmlichen Logik entziehen.

So entstehen allmählich die Konturen einer wahnhaften Welt, die von Zahnräubern und bedrohlichen Geistlichen bewohnt wird und in der fleischfressende Pflanzen darauf lauern, wehrlose Hunde und kleine Kinder zu verspeisen. Zentrum dieser Wahnwelt ist die Stadt Megalopolis, ein Gegenbild zum realen London, wo Matthias vor der Einlieferung in die Privatklinik verwirrt und verwahrlost aufgegriffen wurde. Zur Identifikation mit dem unglücklichen Patienten laden diese Halluzinationen gewiß nicht ein, doch schildert Bachmann seinen Protagonisten mit so viel erzählerischem Respekt, daß er nie zu einer lächerlichen oder bedrohlichen Figur wird.

Der Roman, in dem immer wieder Werke von Bach, Mahler und Bruckner gespielt werden, ist selbst wie eine komplizierte Fuge angelegt. Wenige Grundthemen werden in einer suggestiven Bildersprache immer wieder neu variiert und zusammengefügt. Zu den zentralen Motiven zählen Matthias' Haß auf seine Eltern, ein religiös fundierter Größenwahn und wissenschaftliche Allmachtsphantasien, in denen sich der ehemalige Student als künftiger Nobelpreisträger feiert. Enthusiastisch rühmt Matthias die Fortschritte der modernen Biologie und beschreibt sich selbst als Klon des Verräters Judas, den er mit dem ehemaligen Liebhaber seiner Mutter gleichsetzt. Bachmann beschreibt hier eindringlich den zwanghaften Gedanken einer blasphemischen Selbsterschaffung, der die aufgeklärten Vorstellungen von der Autonomie und Eigenverantwortlichkeit des Individuums auf eine groteske Spitze treibt. Zugleich gibt er ein anschauliches Beispiel dafür, wie stark die aktuellen Entwicklungen in den Naturwissenschaften auch die literarische Einbildungskraft befördern: Vom Klonen und von Stammzellen können Romanfiguren erst seit kurzem träumen. Matthias' Besichtigung des Nullmeridians in Greenwich wird schließlich zum Symbol für den vergeblichen Versuch, hinter den Ursprung aller tradierten Maßstäbe zurückzukehren. Überhaupt verbirgt sich in dem kunstvollen und tatsächlich auch spannungsreichen Arrangement wahnhafter Ideen mehr Methode, als zunächst scheint.

Aus hypertrophen Phantasiebildern erwächst allmählich das Psychogramm einer unglücklichen Jugend. Bachmann geht mit den Instanzen der bürgerlichen Erziehung ins Gericht: Elternhaus, Schule und Kirche - sie alle haben bei der Entwicklung des sensiblen Knaben versagt. Mit unverkennbarer Lust am obszönen Detail beschreibt der Autor die Quälereien, die dem zwölfjährigen Matthias im Internat widerfuhren. Im Vergleich dazu erscheinen die bekannten Verwirrungen des Zöglings Törless fast harmlos. Die Vergewaltigung durch einen älteren Jungen ist nicht einmal die schlimmste Demütigung für Matthias; quälender ist noch eine erzwungene Schnecken-Mahlzeit im Morgengrauen. Kein Wunder, daß diesem Kriechtier in den Wahnvorstellungen des erwachsenen Patienten so große Bedeutung zuteil wird und daß seine Phantasien immer wieder um die Verletzung von Körpergrenzen kreisen.

Seit seinem ersten Roman "Gilgamesch" (1967) hat Guido Bachmann, inzwischen zweiundsechzig Jahre alt, selbst zusehends die Rolle des Grenzüberschreiters angenommen. Hatte er damals den Großteil der Leser und Kritiker durch die ausführliche Darstellung homosexueller Handlungen provoziert, lotete er in den folgenden Jahren unbekümmert um literarische Moden noch stärker die Möglichkeiten einer assoziativen Schreibweise aus, die in kühnen Bildern alte mythologische Überlieferungen mit der kritischen Schilderung moderner Lebenswelten verknüpft. In "Sommerweide" hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Seelenzustände, die gemeinhin als "krank" und "unnormal" gelten, aus der Innenperspektive eines Betroffenen zu schildern. Daß ihm die heikle Gratwanderung zwischen Sensationslust und Pathologisierung gelingt, liegt vor allem an Bachmanns erzählerischem Können, das die allzu vertrauten und abgegriffenen Klischees über Geisteskranke meidet und einen ganz eigenen Ton anschlägt. Es ist eine verstörend düstere Welt, in die der Schriftsteller seine Leser diesmal führt; eine Welt, in der - so viel sei von dem überraschenden Ende des Romans verraten - keine Heilung möglich ist.

SABINE DOERING

Guido Bachmann: "Sommerweide". Roman. Lenos Verlag, Basel 2002. 272 S., geb., 19,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.05.2003, Nr. 116 / Seite 34
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