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Titanic: Das totale Promi-Massaker Hier kommen die Abrechnungen des Jahres

Moral ohne Tabu: Seit drei Jahrzehnten massakriert das Satiremagazin „Titanic“ mit Vorliebe Prominente und Wichtigtuer - jetzt geballt in einem Sammelband.

© Verlag Vergrößern

Wer nichts kann, ist dumm. Wer nichts kann und dafür bekannt ist, ist prominent. Prominenz, das ist in erster Linie Penetranz, aber ohne das aktive Prinzip dahinter. Prominenz ist damit kurz: das Ranzige. Ein Blick in Wikipedia bestätigt das: „Bereits der ranzige Geruch (und auch Geschmack) verhindert, dass man ranzige Produkte verzehrt, da er Ekel erregt.“

Das Ranzige wiederum ist in erster Linie verdorbenes Fett, aber nicht einfach so verdorben, sondern aufwendig, kunstvoll verdorben durch zum Exzess ausartende Oxidationsvorgänge. Heißt: Prominenz atmet uns in sich selbst potenzierender Weise den Sauerstoff weg und macht daraus Gestank. Sie täuscht mit System. Ich bin wertvoll wie Arganöl, deutet die Prominenz an, schleckt man sie aber ab, erweist es sich als gammeliges Industriefett. Manchmal wird der Betrug ehrlicherweise schon im Namen angedeutet: Silber-Eisen. Prominenz ist die Geißel der Mediengesellschaft. Wenn sie eines verdient hat, dann dieses Buch. „Das totale Promi-Massaker“: Abgesaugtes Fett aus drei Jahrzehnten „Titanic“.

Seine Bergbezwingereien sind ihnen herzlich egal

Sie alle bekommen ihres weg: Die Schumis („im Grunde genommen sind doch beide nur ganz gewöhnliche grandiose Arschgeigen. Besonders der eine“), Alice Schwarzer (als nacktes „Bild-Girl“), Boris Becker, bei dem es reicht, eines seiner Stuss-Interview zu zitieren, der wegen eines „Fickliesel“-Spruchs beinahe seine Show verloren habende (und mittlerweile wegen fehlender Sprüche in dieser Richtung seine Show tatsächlich verloren habende) Johannes B. Kerner und überhaupt die gesamte vakuumierte Moderatorenriege, des weiteren Politiker mit Geltungsdrang (also alle) sowie unerreichbare Frauenschwärme von Bill Kaulitz über Jörg Haider („Haider heißt jetzt Wix“) bis zu Dieter Wedel, dessen Erinnerungen, „Komm, laß uns bumpsen“, die „Titanic“ im exklusiven Vorabdruck hatte: „Ich lebte zu der Zeit mit zwei Frauen zusammen. Sie wussten nichts voneinander. Dagmar Berghoff lebte in der Küche, Hannelore Elsner im Schlafzimmer... Unser Glück platzte, als ich Thea Dorn in meinem Schuhschrank unterbrachte.“ Das Prinzip besteht darin, stets ein Tabu zu brechen - Systemstelle Hitlerwitz -, trotzdem aber den tatsächlichen Aufmerksamkeitswahn der traktierten Kurzzeit-Unsterblichen zu unterbieten.

Titanic. Das totale Promi-Massaker © Abb. a. d. bespr. Band Vergrößern Hauptberuf Nobelpreisträger: Die „Titanic“ blickt auf Günter Grass

Die Sprache ist eine perfekte Kopie des „Bild“-Idioms, Gegen-Boulevard also. Das ist natürlich so moralisch wie es kein zweites Magazin in Deutschland wagt, geradezu missionarisch. Man darf vielleicht verallgemeinern, was die Redaktion über Reinhold Messner verlauten lässt: Dessen Bergbezwingereien ohne Sauerstoffgerät (siehe oben: Oxidation) sei ihnen herzlich egal. „Unerträglich ist nur der bloße Gedanke, dies naßkalte Gepickel sei in irgendeiner Weise vorbildlich und dieser denkfaule verklemmte Gesell eine Art ‚Volksheld‘, wie der Spiegel behauptet, der derlei Pennäler-Prahlereien neuerdings heiß unterstützt.“

Jeder Dreck und Rotz geht als Satire durch

Ein kleines Vermarktungsproblem könnte darin bestehen, dass ein sehr ähnlich anmutender „Titanic“-Sammelband vor zwei Jahren „Das Erstbeste aus 30 Jahren“ feilbot, jetzt also, streng geurteilt, nurmehr das Zweitbeste übrig sein kann. Und tatsächlich gehören zum Lustigsten die lakonischen Bildwitze, von denen viele auch den Titel zierten (der Fokus des letzten Buchs). Dass deren Treffsicherheit trotz aller Generationenwechsel nicht abgenommen hat, bewies jüngst die Ausgabe zur Zwickauer Neonazi-Terrorzelle: ein Hitlerporträt plus Aufruf „Der Verfassungsschutz bittet um Mithilfe: Wer kennt diesen Mann?“ Es waren für den neuen Band denn auch noch zahlreiche bildgestützte Qualitäts-Kalauer übrig wie der „Wertstoff-Wahnsinn“: „Das Aus für den gelben Sack“ steht da quer über dem Konterfei unseres zerknautscht dreinblickenden Außenministers. „Und was wird aus der gelben Tonne?“ fragt ein kleines Eckbildchen über dem Porträt Rainer Brüderles.

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Zwischen den guten Witzen findet sich leider auch Bemühtes, lahme Satiren, die in den letzten Jahren zugenommen haben. Doch bei knapp sieben Cent pro Seite wollen wir nicht meckern, zumal es dann ja auch wieder Martin Sonneborns legendäre „Telefonterror“-Nummern gibt, einige Eckhard-Henscheid-Klassiker, darunter der berühmte Hanns Dieter Hüsch-Text („jeder Dreck und Rotz und Schleim geht hier als Kabarett und Satire und gar Aufklärung durch“), köstlich Überdrehtes, das Oliver Maria Schmitt unseren Medienstars abgewürgt hat, oder Hans Zipperts Kompromittierungen des kollektiven Unterbewusstseins wie etwa durch die mitfühlende Reportage über den Rödelheimer Serbenführer Dragoslav Brutalovic, der das Amt im Jahr 1994 von Rabaukian Verstümlovic erbte, weil dieser an Schlagringallergie erkrankt war, und der jetzt alle Hände voll zu tun hat mit den täglichen Massakern, zu denen dienstags und freitags schließlich noch die Vergewaltigungen kommen, der aber gute Miene zum bösen Spiel macht.

„Titanic. Das totale Promi-Massaker“. Herausgegeben von Oliver Maria Schmitt, Mark-Stefan Tietze, Hans Zippert. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2011. 352 S., geb., 25,- €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.12.2011, 18:29 Uhr