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Tibetisches Hochland - Kham : Christoph Ransmayr: „Der fliegende Berg“

  • Aktualisiert am

Der Himalaya und sein höchster Gipfel: der Mount Everest Bild: REUTERS

Zu einer Besteigung des „Fliegenden Bergs“ überredete der Erzähler seinen Bruder Liam. Trotz dessen labiler Gesundheit reisen die beiden Iren ins tibetische Hochland.

          Ein Schuß war das nicht, eher ein dumpfes Grollen, das Geräusch einer Steinlawine, die im Gebirge niedergeht und den Wanderer unter sich begräbt. Die Stille danach hallt dann um so lauter, und während der eine Bergsteiger auf der Suche nach dem verschütteten Gefährten so lange in der Geröllhalde wühlt, bis seine Finger nur noch nagellose blutige Stümpfe sind, liegt der andere in unerreichbarer Tiefe unter Steinen und Schnee.

          Ein Jahr lang hat der Erzähler geschwiegen, ein Jahr lang um Liam getrauert, seinen Bruder, der ihm das Leben gerettet und dabei sein eigenes eingebüßt hatte. Vorwürfe hat er sich gemacht, die gemeinsame Expedition zum Phur-Ri, zum „Fliegenden Berg“ im tibetischen Hochland, durch seine labile Gesundheit in Gefahr gebracht, Warnungen nicht beachtet, Vorzeichen nicht gedeutet zu haben. Es braucht seine Zeit, bis er Worte findet, das zu beschreiben, was er im Frühling 2002, im chinesischen Jahr des Pferdes, erlebte. Und als er dann, heimgekehrt auf die sturmgebeutelte Insel vor der Südspitze Irlands, auf der er zuvor mit dem Bruder gelebt hatte, seinen Bericht beginnt, hat er inzwischen zu einer Sprache gefunden, die dem Ereignis gerecht wird: Stockend, fast atemlos beginnt er, dann holt er tief Luft, erzählt fließender, spricht, tönt, singt den Zuhörer tief in einen Kosmos hinein, der weiter reicht und länger anhält, als man es erwartet hätte.

          Elf Jahre lang hat Christoph Ransmayr keinen Roman mehr veröffentlicht. Geschwiegen hat er nicht: Bei S. Fischer erschien unterdessen eine Reihe von schmalen Büchern, die kleinere Arbeiten zur Literatur, zur Kunst oder auch zum Reisen versammeln, die aber gleichzeitig und anscheinend programmatisch verschiedene literarische Formen wie Theaterstück, Rede oder Verhör ausloten. Am weitesten zurück reicht dabei der Band „Strahlender Untergang“, Ransmayrs Debüt aus dem Jahr 1982, das der Autor achtzehn Jahre später leicht bearbeitet neu herausgegeben hat. Seine Form ist die eines vierteiligen Verszyklus in freien Rhythmen, zum Inhalt hat es eine aus vierfacher Perspektive beschriebene Versuchsanordnung, in der ein Mensch in einem Wüstengefängnis ohne Schutz vor der Sonne zugrunde geht. Liest man den Text, so hört man ihn auch unwillkürlich; man hat eine Stimme im Ohr, die kurzatmig und mit vielen Pausen gegen den Lärm des Wüstenwindes anbrüllt. Am Ende steht die Vision des Verdurstenden, des Vertrocknenden, der sich in eine gewaltige Eislandschaft halluziniert.

          Wissenschaftler aus China bestiegen im Mai 2005 den Mount Everest, um den Berg zu vermessen

          Seine Strategie ist hartnäckig und schlicht

          Versepen sind selten geworden, seit der Roman sie als Erzählform abgelöst hat. In den vergangenen Jahren erreichten sie den deutschen Buchmarkt vorwiegend als Übersetzungen: Anne Carsons „Rot“, Les Murrays „Fredy Neptune“, und, mit eingestreuten Prosaminiaturen, Amos Oz' „Allein das Meer“. In der deutschen Literatur der letzten Jahre aber steht Durs Grünbeins Descartes-Epos „Vom Schnee“ einigermaßen solitär da, ansonsten muß bis in die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zurückgehen, um auf Theodor Däublers „Nordlicht“ oder Albrecht Schaeffers „Parcival“ zu stoßen.

          Furore aber machten die modernen Versuche, eine unzeitgemäße Form wieder zur Darstellung der Gegenwart zu nutzen, zuverlässig schon durch dieses Spannungsverhältnis, durch einen Ton, der unweigerlich auf einen größeren Zusammenhang des Erzählten zielt, der Mündlichkeit fingiert, eine gemeinsame Rezeption nahelegt und auch den Stoff immer etwas ins Mythische erhebt. Geht das schief, dann nimmt das Raunen überhand, die Sache wird ganz ungenießbar. Im günstigsten Fall aber entsteht ein formbewußter Erzähltext von großer Schönheit.

          Und auch wenn Ransmayr sich nun in seiner Vorrede dagegen verwahrt, daß man „Der fliegende Berg“ wegen des Flattersatzes als Dichtung mißverstehen möge, trägt sein Buch epische Züge in diesem Sinn, etwa die deutliche Herkunft aus dem mündlichen Erzählen, die Offenheit für Transzendenz, schließlich den Umgang mit Leitmotiven und Metaphern, wie er ebenfalls die Gattung von jeher prägt, etwa wenn Liam immer wieder pointiert als „Master Kaltherz“ vorgestellt wird. Liam nämlich, der die Expedition von langer Hand plant, gibt sich ungerührt angesichts der menschlichen Begegnungen auf dem Weg und scheint dabei nicht einmal die detaillierten Berichte über Massenhinrichtungen in China bemerkenswert zu finden. Zuvor allerdings muß er den seereisenden Bruder Padraic zur Rückkehr nach Irland, zum Klettertraining und dann zum neuerlichen, diesmal gemeinsamen Aufbruch bewegen. Seine Strategie ist hartnäckig und schlicht: Er schickt ihm Fotos aus der Heimat, ruft Erinnerungen an die gemeinsame, vom Vater dominierte Kindheit wach, und als Padraic schließlich darauf eingeht, stellt er sich dieser Vergangenheit ebenso, wie er um den Bruder ringt.

          Ob nicht der Berg die Brüder gefunden hat?

          Dabei gibt es einiges, woran er sich ungern erinnert: die langen Fußmärsche und Bergtouren der Kindheit, die in den Augen des irlandbesessenen Vaters „Manöver“ sind, Vorbereitungen auf den Kampf gegen die englischen Besatzer, wenn der denn eines Tages endlich offen ausbrechen sollte. Tatsächlich dienen sie aber dem gegenteiligen Ziel: Sie legen die Knaben nicht auf ihre Heimat fest, sondern ermöglichen ihnen den Ausbruch in die Höhen ganz anderer Berge, als sie sie in Irland finden.

          Wenn sie später in Tibet von den Nomaden, die sie an ihr Ziel bringen sollen, gefragt werden, wo sie eigentlich herkommen, sprechen die Brüder mit einigem Recht von ihrem Meer - nicht nur wegen Padraics Beruf oder weil sie ihr Lager in den letzten Jahren auf einer Insel aufgeschlagen hatten, sondern auch, weil ihre Klettertouren, die sie auf die Besteigung des „fliegenden Berges“ vorbereiten sollten, immer vom Meeresspiegel aus begannen. Die Brüder ließen sich mit dem Schiff an die Steilküste treiben und versuchten dann, irgendwie den Fels hinaufzukommen.

          Immer wieder spricht Padraic dabei vom Fliegen, wenn er zwischen den Extremen des Meeresspiegels und des höchsten Gipfels vermitteln will. „Schwimmend hatte ich manchmal das Gefühl, / über Abgründen, Tälern, / Gipfeln dahinzufliegen“, heißt es über das Klettern in Irland. Angekommen, läßt er sich „mit dem enttäuschten Seufzer / eines aus Flugträumen Erwachten / gleich wieder in die Schwerelosigkeit, / ins Meer zurückfallen.“ Ein fliegender Berg ist ihm da gar nicht so undenkbar, einer, der nach der Überlieferung der Tibeter an seinem Saum mit Fahnenstangen festgenagelt werden muß, damit er nicht davonfliegt. Und Padraic fragt sich schließlich, ob nicht der Berg die Brüder gefunden habe statt umgekehrt.

          Klüger, kalkulierter und mutiger

          Irland jedenfalls ist ihnen nicht nur Trainingslager und Startplatz zur Suche. Die brüderliche Vergangenheit läßt wenigstens den Erzähler nicht mehr los; sie ist vermittelt über die assoziationsartige Erinnerung an frühere Touren, wenn ihm etwa aus dem nächtlichen Murmeln des Yangtsekiang das Schnarchen seines längst verstorbenen Vaters tönt. Denn so klar konturiert hier Irland, dort Tibet, hier das Meer, dort die Berge sind, so sehr ist das alles eben auch ineinander verwoben, wenn etwa die Frauen aus den Hochtälern ganz selbstverständlich Korallenketten tragen.

          Es ist diese Überfülle an Eindrücken, an erinnerungsgesättigter Gegenwart, der sich Padraic im lang aufgeschobenen Erzählen stellt, vorbereitet zwischen der ersten und der zweiten Reise nach Tibet. Und so, wie Liam seinen Bruder auf dem fliegenden Berg in einer Krisensituation zurück ins Leben holte, indem er dem Erschöpften alles ins Ohr sprach, was ihm aus der irischen Vergangenheit in den Sinn kam, so erzählt nun auch Padraic den toten Liam zurück - und dies ist von jeher ein exzellenter Anlaß für Literatur. Auch die eigene Rettung holt er dabei nach, wenn er seinen Bericht mit der wuchtigen, gleichwohl paradoxen Zeile „Ich starb“ beginnt; auch der Liebe zum Bruder versichert er sich so wie der Liebe seines Bruders zu ihm.

          So ist dem Buch bei aller stupenden Sprachgewalt, die Ransmayr klug zu zügeln weiß, um sich ihr dann wieder ganz zu überlassen, auch ein Moment des Innehaltens, der Überlegung, des Stockens eingeschrieben. Zwischen dem Erlebten und der Schilderung liegt ein Schleier, und wenn die literarische Form dieses Buches noch einer Rechtfertigung bedarf, so liegt sie hier begründet: Klüger, kalkulierter und mutiger jedenfalls hat lange kein Autor mehr vom Gang ins Eis erzählt. Und von der Bruderliebe auch.

          Literatur

          Christoph Ransmayr: „Der fliegende Berg“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 368 S., geb., 19,90 Euro.

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