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Thommie Bayer: Heimweh nach dem Ort, an dem ich bin Das Leben ist ein Kurpark

 ·  In jeder Hinsicht klein: Thommie Bayer langweilt mit dem Glück und lässt den Leser vergeblich auf eine Dekonstruktion des Landleben-Wohlfühlgefüges warten.

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Eine Landidylle mit Garten, netten Nachbarn, hinreichend anspruchsvoller Musik, einfacher, aber frischer Küche und, ja, sprechender Katze. Dort hineingesetzt ein Schriftsteller, der gerade unrechtmäßig des Plagiierens von Textstellen verdächtigt wird, an Schreibblockade und überhaupt an einem allgemeinen Sinnverlust leidet und endlich dringend Ruhe braucht. Essen mit den netten Nachbarn, einsame Stunden in der Küche bei liebevoller Zubereitung des Abendmahls, philosophische Gespräche mit der Katze tragen das Ihrige zum Erholungsprozess bei.

Von ferne lärmen zwar drohend die Straßen von Berlin plus aufgebrachtem Verleger, doch ihre Aufgeregtheiten dringen nicht durch in die Abgeschiedenheit des Auenlandes. Was um Himmels willen, so fragt man sich recht bald, lese ich hier eigentlich? Und warum? Angebratener Fenchel mit einem „Stäubchen von Gemüsebrühe“, dazu „herrliches Brot vom Bäcker“, das ist jetzt nicht wirklich ernst gemeint? Das ist doch hier so eine Rotweintrinker-Toskana-Utopie, die gleich wieder irgendwie dekonstruiert wird?

Ein kleines Buch von umfassender Flauschigkeit

Wird sie nicht. Die Idylle ist eine Idylle, hell und rein und unverbrüchlich. Ohne doppelten Boden oder bösen Tratsch, zu schön, um wahr zu sein. Und der Ort macht sich nun daran, den Protagonisten kräftig durchzuläutern, durchdringt heilend sein verletztes Seelchen wie ein Orangenblüten-Aromaölbad und erweist sich derart hartnäckig als Therapiezentrum, dass all das Verhärtete und Verdrängte der letzten zehn Jahre gar nicht anders kann, als irgendwann ordnungsgemäß herauszubrechen. Alles, alles wird gut, sagt der Ort und sagt die sprechende Katze, sagen die netten Nachbarn und sagt das Buch. Behandlung erfolgreich, Verdrängung aufgelöst, Patient entspannt. Wie wunderbar einfach alles sein kann.

Ein kleines Buch ist „Heimweh nach dem Ort, an dem ich bin“ von Thommie Bayer in jeder Hinsicht, von allumfassender Flauschigkeit, die niemandem weh tut, nicht einmal seinem Personal, bis auf eine zwar schmerzhafte, aber auch befreiende Massage kurz vor Ende. Das Leben kann manchmal wirklich ein Kurpark sein. Menschlich ist das natürlich wunderbar, man gönnt ja jedem sein Glück. Aber für die Literatur ist das ungefähr das, was Hello Kitty für das Gegenwartsdesign ist: ästhetisch ohne Relevanz, überzuckert, bestenfalls liebenswert und ein prima Mitbringsel für Katzenfreunde.

Thommie Bayer: „Heimweh nach dem Ort, an dem ich bin“. Roman. Piper Verlag, München 2011. 160 S., geb., 16,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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