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Sonntag, 12. Februar 2012
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Thomas Pynchon wird siebzig Der maskierte Messapparat

08.05.2007 ·  In seinen Büchern setzt Thomas Pynchon die Regeln des Erzählens außer Kraft. Die bekannten Tatsachen sind für ihn nur Symptome von etwas Tieferem. An diesem Dienstag wird der große Unbekannte der amerikanischen Literatur siebzig Jahre alt .

Von Dietmar Dath
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Wer sich beschleunigt bewegt, nimmt den Hintergrund seiner Bahn selbst im völligen Vakuum als wabernd warm wahr. Alles, was hypothetische Zeugen dieser Bewegung beherbergen könnte, scheint für so einen veränderlich Geschwinden eine numinose Schwarzkörperstrahlung abzugeben, die dem allmählichen Verdampfen von Singularitäten in der Raumzeit ähnelt. Dieser Effekt zählt zu den seltsamsten in der relativistischen Quantenwirklichkeit; aus ihm folgt unter anderem, dass die Bestimmung der Tatsachennatur eines Teilchens vom Bewegungszustand des Beobachters abhängt.

Der Mann, der diesen Sachverhalt 1976 entdeckt hat, trägt einen Namen, den sich Thomas Pynchon, der physikalisch beschlagenste Satiriker der Gegenwart, hätte ausgedacht haben können: Bill Unruh. Bis jetzt hat uns Pynchon, der seine Figuren gern „Oedipa Maas“, „Benny Profane“ oder „Webb Traverse“ nennt, eine erhellende erzählerische Behandlung der Unruhstrahlung vorenthalten. Fest steht jedoch, dass sie seinen Kritikern zu schaffen macht, weil er sich unaufhörlich beschleunigt von allem wegbewegt, was den uniformen Hintergrund gängiger Erzählweisen, Stoffentscheidungen und Themenvorgaben in der gehobenen Beziehungs-, Zeitgeschichts- und Problemliteratur der Gegenwart ausmacht.

Für manche gibt es ihn gar nicht

Gereizt über die verzupft verzettelte Verspieltheit, die Pynchons jüngstes tausendseitiges Ungeheuer „Against the Day“ prägt, hat sich der Rezensent der „New Republic“ neulich ereifert, das atme ja alles nicht, sei im Grunde ungeeignet für Erwachsene, weil fern vom Ernst des Lebens. Pynchon zieht das Schreiben dem Leben wohl wirklich vor; ob es ihn gibt, interessiert ihn weit weniger als die Fallensteller, die ihn so gern fotografieren würden.

Zwei oder drei Dinge, die man von ihm weiß: Er war Matrose bei der amerikanischen Navy, hat Physik studiert und stammt von Leuten ab, die samt ihren Nachkommen seit dem siebzehnten Jahrhundert das nördliche Amerika zu dem Land gemacht haben, dem er am meisten von allen Ländern misstraut und das er liebt. Je nachdem, wen man fragt und was man liest, ist er verheiratet, homosexuell, ein spendabler Philanthrop, ein Paranoiker mit Platzangst oder ein sechsdimensionales Faserbündel im zwölfdimensionalen Raum.

Für manche gibt es ihn gar nicht (mal soll ihn William Gaddis, mal John Barth und mal gleich die CIA erfunden haben). Plausible oder ungeheuerliche Biographica dieser Art verwendet Pynchon nirgends zur Selbstvergewisserung; allenfalls als Zutaten für Leim beim Verfugen.

Die Zombifizierung der Babyboomer

Dass einer, der so gern spielt, folglich ein großes Kind sei und bestenfalls ein génie crétineux, belegen Verächter gelegentlich mit seinem Hang zum Zotigen und den notorischen Blödelnamen seiner Figuren - als könnte dergleichen allein schon etwas über den Rang eines Erzählers sagen. Dass einer, wie im Roman „Die Enden der Parabel“, beim Nahen von V2-Raketen eine Erektion bekommt, könnte von Thor Kunkel sein, ist aber von Pynchon. Haarsträubende Einfälle an sich, so gern (und oft ein wenig hilflos) sie speziell bei diesem damit reich gesegneten Mann gelobt werden, können im Romanfach keine Gütegarantie sein.

Denn zwar vergisst man die Jagd nach der ungreifbaren belle in „V.“, wenn man ihr durchs Buch gefolgt ist, so wenig jemals mehr wie die komplizierten Kollusionen der geheimen Jenseitspost in „Die Versteigerung von No. 49“, das zahnradartige Ineinandergreifen tellurischer Technik und psychologischer Verkorkstheit in „Die Enden der Parabel“, die Zombifizierung der Babyboomer in „Vineland“, die Nichtvermessung der Nichtwelt in „Mason & Dixon“ oder die Heldentaten der Luftschifffahrer in „Against the Day“.

„Vaudeville als letzte Zuflucht der Oper“

Aber dergleichen Motive, Tropen, Kapriolen und Knallbonbons nähmen sich auch im Kopf eines Verrückten nicht deplaziert aus, der glaubt, die Marsmenschen regierten die Welt. Entscheidend also ist, was Pynchon mit diesem Geröll anfängt, mit den dicken Brocken seiner Themen wie den kleinen Kieseln seiner Witze. Und was tut er? Er beschwert damit Papier, damit es nicht wegfliegt; er rettet, indem er die aufs fad Tiefschürfende zielenden Erwartungen der Kritik auf seine riesenkindliche Art düpiert, die Erzählkunst vor dem Zugriff dieser Instanzen und damit vor der Instrumentalisierung als Schmiermittel des Meinungsblödsinns.

Man könnte das Verfahren „Vaudeville als letzte Zuflucht der Oper“ nennen. Ein Auftritt, aus „V.“: „Sie besaß einen Kleiderladen in der Rue du Quatre-Septembre. Trug heute nacht ein von Poiret inspiriertes Abendkleid, dessen Georgette die Farbe von Negerhaut hatte, äußerst reich bestickt, und über dem Kleid eine kirschfarbene Tunika, die unter der Brust zusammengerafft war; Empirestil.

Ein orientalischer Schleier bedeckte ihre untere Gesichtshälfte; hinten war er an einem kleinen Hut befestigt, der verwegen mit den Federn tropischer Vögel geschmückt war. Ein Fächer mit einem Bernsteingriff, Straußenfedern, Seidentroddel. Sandfarbene Strümpfe, gediegenes Muster über den Waden. Zwei brillantenbesetzte Schildkrötennadeln durch das Haar, silberne Netztasche, hochhackige Schuhe mit Lackleder an Spitze und Absatz.“

Das Genre „Pynchon“

Das ist - nur Böswillige werden's übersehen - ein Selbstporträt, nicht des Menschen, aber des Prosastilisten. Ein Vorbild für Nachahmer ist Pynchon vor allem dank der in solchen Passagen ausgestellten, hemmungslosen und eben deshalb keinen Schmus und keine billig zudringliche Stimmung aufkommen lassenden Kurtisanenkoketterie, in der die raffinierteste Lockung und das verrätseltste „ich bin nicht leicht zu haben“ eine so atemverschlagende Einheit eingehen, dass die Reaktion „das möchte ich auch können“ bei Lesern, die selbst schreiben, nicht ausbleiben konnte.

Die er rief, die Geister: backsteindicke Wälzer über nichtexistente Filme (“Infinite Jest“ von David Foster Wallace), historische Anatomiestunden über die Lust- und Angstsozialisation des Amerikaners sui generis (“The Royal Family“ von William T. Vollmann) und die Vorspiegelung falscher Scheinlügen (das Gesamtwerk von Don DeLillo, dem Meister der dreifachen Negation) musste Pynchon nicht selber schnitzen, um dennoch ihr Urheber zu sein. Während sich also inzwischen andere im Genre „Pynchon“ hervortun, weiß man noch immer nicht, in welchem Genre-Gehege er selbst sich gegebenenfalls vergattern ließe: Parafantasy? Metathriller? Postsciencefiction?

„Inner Space“ beherbergt Raketenbahnen

Zwei Sorten Außerkraftsetzung der Textgattung „Geschichte“ sind für die Pynchon-Lektüre von Interesse: die alternative und die geheime Historie. Bei ersterer geht es darum, sich vorzustellen, wie alles hätte werden können, wenn es anders gekommen wäre; bei letzterer darum, die bekannten Tatsachen als Symptome, Ausschnitte, Merkzeichen von etwas Tieferem (und wesenhaft Löchrigem) aufzufassen. Das Bewegungsgesetz von Pynchons Poetik verdankt beiden alles, ohne sich je auf eine davon festzulegen. Das muss so sein, denn sein Generalthema ist der Verlust des Zusammenhangs zwischen der menschlichen Einzelerfahrung und dem, was die Menschheit insgesamt weiß.

Diesen Zusammenhang sollten einmal Aufklärung und Bildung schaffen. Pynchon sucht die Verbindung woanders: Wenn der „inner space“ (J.G. Ballard) bei ihm Raketenbahnen beherbergt, dann nicht aus didaktischen, sondern aus ästhetischen Erwägungen. Was allen Menschen gemeinsam ist, kann ihm nur etwas Genussförmiges sein: die (durchaus intellektuelle) Funktionslust des Gattungswesens, das von sich weiß, dass es auch scheitern könnte. Diese Perspektive hat der Hermetiker Pynchon mit der Antihermetik der Idee „Pop“ gemein.

Unruhstrahlung des Erzählens

Deshalb konnte er als Stimmen-Gaststar bei den „Simpsons“ auftreten, denn auch die handeln, wie Pynchons Witzfiguren mit den abstrusen Namen, von der Menschwerdung der Charge durch Erreichen einer zweiten Unmittelbarkeit. Sie geschieht im Medium des über seine eigenen fehlbaren, brackigen, irren Quellen aufgeklärten Kunstschönen.

In der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Pilz beschreibt Pynchon dessen Wesen am Schluss von „Die Enden der Parabel“ mit den Worten: „Unterwegs nun zu der Art von Licht, in dem der Apfel endlich apfelfarben ist. Das Messer schneidet durch den Apfel wie ein Messer, das einen Apfel schneidet. Alles ist, wo es ist, nicht klarer als gewohnt, aber sicher gegenwärtiger.“ An diesem Dienstag wird der Mann mit dem feinsten Messorgan für die semantische Unruhstrahlung des Erzählens siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z., 08.05.2007, Nr. 106 / Seite 33
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