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Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse : Das Gesetz der Mutter

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Bild: Verlag

Hauptsache, neurotisch: Thomas Meyers Entwicklungsroman im Stile Woody Allens ist eine religiöse Emanzipationsgeschichte - mit zuverlässig witzigen Pointen.

          In seinen Tübinger Poetik-Vorlesungen, die 2002 unter dem Titel „Wie man Fanatiker kuriert“ erschienen, erzählt der Autor Amos Oz einen Witz über zwei Stereotype der jüdischen Mütter. Die eine sagt zu ihrem Kind: „Iss dein Frühstück auf, oder ich bringe mich um“, die andere: „Iss dein Frühstück auf, oder ich bringe dich um.“ Mit einer solchen Mutter hat man es auch im Debütroman des 1974 in Zürich geborenen Thomas Meyer zu tun, mit einer Mama, wie sie im Buche steht, deren Regiment man nur über ihre oder über die eigene Leiche entkommt. Ihren fünfundzwanzig Jahre alten Sohn Mordechai Wolkenbruch nennt sie noch immer „Motti“ und schenkt ihm auch dann noch Milch nach, wenn er schon längst keine mehr will.

          Bislang hat Motti immer brav getan, was die orthodoxe Mutter und die Tradition ihm vorschreiben. Bärtig und unauffällig gekleidet, hat er im väterlichen Versicherungsunternehmen ausgeholfen und als beflissener Student die Ökonomie-Seminare an der Zürcher Universität besucht. Doch als die Mutter ihren Sohn verkuppeln will und zu diesem Zweck lauter Frauen auftut, die ihr aufs unerfreulichste ähnlich sehen, weicht Motti von dem „scharf gezogenen Pfad“ ab, der ihn wie alle Juden von der Geburt über die Beschneidung, von der Bar Mitzwa über die regelmäßige Sabbatfeier, von der Heirat mit einer von der Mutter ausgesuchten Frau zur Gründung einer Familie bis zur Beerdigung führen sollte.

          Denn er ist in Laura aus dem Seminar verliebt. Und die ist keine Orthodoxe im langen Rock, sondern eine aparte Schickse in Jeans. Mit ihr will er glücklich werden. Mottis Mutter findet das lächerlich. Glück ist für sie etwas aus „gojischen Märchenbüchern“. Ihr Sohn, der sich seinen Bart abrasiert und sich eine urbane Hornbrille zulegt, entpuppt sich in ihren Augen immer deutlicher als „Merder der Jiddischkajt“.

          Mit einiger Chuzpe

          Der Rabbi schickt Motti schließlich auf eine Reise nach Israel, um Motti an seine religiösen Wurzeln zu erinnern. Amüsant genug, wohnt Mottis Verwandtschaft ausgerechnet in Tel Aviv, jener wohl säkularsten Stadt im ganzen Land, in der Scharen von Partygängern und Horden von unreinen Hunden die Straßen bevölkern. Nach dem Besuch im Yogastudio von Mottis Tante, in dem zwischen „Schalom“ und „Om“ nicht groß unterschieden wird, kommt es folglich nicht zum spirituellen, sondern zum erotischen Höhenflug, was Motti erst recht in seinem Abweichlertum bestärkt. Jerusalem mit seinen orthodoxen Vierteln wäre eine bessere Adresse gewesen, um ihn auf den ihm vorgezeichneten Pfad zurückzubringen.

          Wie vor ihm Woody Allen, sein prominenter Geistesverwandter, schöpft Meyer, der selbst einer jüdischen Familie entstammt, beim Erzählen seines Entwicklungsromans, der zugleich eine religiöse Emanzipationsgeschichte ist, aus einem Reservoir von Klischees. Er spitzt sie zu und entwirft mit einiger Chuzpe sein fiktives Porträt des weitgehend den Blicken der Öffentlichkeit entzogenen Milieus orthodoxer Juden in der Zürcher Diaspora. Wenn einem seine Figuren dabei auf angenehme Art nahekommen, so deshalb, weil Meyer bei aller Freude am Karikieren mit Wohlwollen auf sein Personal blickt.

          Auf dem steinigen Weg der Emanzipation

          Zudem sind nicht nur Passagen der Dialoge, sondern auch der Erzählerstimme in Jiddisch gehalten, wobei man neben tradiertem Vokabular auch Wortneuschöpfungen wie „blizbrief“ für die E-Mail findet. Wenngleich als Stilisierung erkennbar, schafft dieser Kunstgriff eine besondere Authentizität. Hat man sich erst einmal eingelesen, entstehen daraus zuverlässig immer neue komische Effekte, etwa wenn Motti im Internet nach „naket froj“ sucht, mit dieser Sucheingabe aber nur auf „seltsame Kunst“ stößt.

          Um Abstand von Familie und Religion zu gewinnen, muss er nicht nur seine Sprache verändern: „Mit ,nackte frau’ erzielte ich schon bessere Resultate.“ Es gilt, auf dem steinigen Weg der Emanzipation weit höhere Hindernisse zu überwinden, denn Laura, der sich Motti zunächst nähert, ist in Sachen Emanzipation eben schon weiter fortgeschritten und will längst nicht so wie der tragikomische Antiheld in Meyers feinem Roman. Die mütterlichen Gesetze und religiösen Dogmen sind weniger leicht zu beseitigen als ein Bart. Doch allen erlittenen Tiefschlägen zum Trotz entwickelt Mottis Weg ins Ungewisse einer selbstgewählten Freiheit eindeutig mehr Strahlkraft als das fanatische Festhalten am Althergebrachten.

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