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Thomas Melle: Sickster Ich muss doch ein Gleißen sein

16.09.2011 ·  Schmerz ist eine heiße Waffe: Thomas Melle entwirft in „Sickster“ ein düsteres Bild unserer Zeit. Der Roman erzählt eine abenteuerliche und traurige, anrührende und menschliche Geschichte.

Von Nicole Henneberg
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Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich durch die Schwarzenviertel schleppten auf der Suche nach einem wütenden Kick“ - so beginnt Allen Ginsbergs schmerzerfülltes „Geheul“ über eine Gesellschaft, die dem Geld und dem billigen, sentimentalen Schein huldigte. Alles, was sich gegen Mainstream und Autorität versündigte, wurde geächtet, ebenso wie Schwarze, Schwule und Drogensüchtige. „Gott schütze Amerika“: vor ambivalenten Gefühlen, Melancholie und Eigensinn. Ginsbergs bittere, auf die Herrschenden zielende Frage: „Welche Sphinx aus Zement und Aluminium schlug ihre Schädel auf und fraß ihre Hirne und Vorstellungen?“ treibt sein monumentales Gedicht „Howl“ an, in dem sich eine ganze Generation von „Hipstern“ - musik- und subkulturbegeisterten jungen Städtern - verstanden und gerettet fand.

Es ist kein Zufall, dass Thomas Melles Roman schon mit seinem Titel „Sickster“ auf diese revoltierende, sich ausgegrenzt fühlende Generation der frühen fünfziger Jahre anspielt, denn eine ähnliche Wut und empörte Trauer durchzieht seine abenteuerliche und traurige, anrührende und zutiefst menschliche Geschichte. Sie erzählt von drei klugen, gut ausgebildeten jungen Leuten, die an einer perfekt vernetzten, sich dabei ständig auflösenden und neu konfigurierenden Welt abprallen wie an einem Spiegel. Gnadenlos werden sie auf sich selbst zurückgeworfen, nur: Da finden sie nichts, was ihnen Halt bieten könnte.

„Ich muss doch eine Rakete sein“

Die eindrucksvollste Figur und ein echter Gewinn für die Literatur ist Magnus Taue, ein hochbegabter, junger Mann um die dreißig. Als Kind hielt man ihn für ein Genie, er wurde bewundert und als „Plattenbauprinz“ gehänselt. Dabei, so erinnert er sich, fühlte er sich mit seiner kindlich-egoistischen Hippie-Mutter hoffnungslos überfordert. Er rettet sich in ein Bonner Jesuiteninternat, saugt Bildung und Selbstbewusstsein auf und geht nach dem Abitur ins Paradies der Selbstverwirklicher und Möchtegernkünstler: nach Berlin. Nach zehn Jahren sind von seinen Träumen nur noch Fetzen übrig.

An seinem Drehbuch-Traum ist er gescheitert, dafür steckt er in einem gehassten und, wie er findet, amoralischen Job und versucht, sich abends in seiner schäbigen Wohnung Mut zu machen: „Ich muss doch eine Rakete sein und ein Geschoss, ich muss doch ein Gleißen sein und tausend Geschosse, die sich in alle Himmelsrichtungen verlieren“ - aber er wird nur immer trauriger. Also zieht er sich an und geht aus, taucht in das Berliner Clubleben ein, genießt brutale Musik und jubelt einem russischen Gitarristen zu, der sich auf offener Bühne den Fingernagel ausreißt und die Saiten ins blutende Fleisch drückt. Perfekt und ekstatisch kehren sich in dieser Szene die inneren Bewegungen von Magnus nach außen, jeder seiner fiebrigen Nerven findet hier einen Punkt zum Anknüpfen: in den selbstvergessenen Tanzbewegungen ringsum, den starken Körpergerüchen, den Lichtblitzen.

Ressentiments und schlecht verheilte Wunden

Sein Gegenspieler Thorsten benutzt den Club, um auf der Tanzfläche eine Siegerperformance abzuliefern: Vor den Augen des staunenden Publikums inszeniert er seine „Erleuchtung“ unter einem Laserstrahl. Ein auffallend schöner Mann, der Selbstbewusstsein und Kompetenz ausstrahlt, sich an seinem Managerjargon berauscht - und seine Zweifel mit Alkohol zuschüttet. Als die beiden sich im imperialen Glaspalast eines Ölkonzerns wiedertreffen, erkennen sie einander als Schulkameraden aus Bonn: Magnus, dünnhäutig und verkrampft, dabei herablassend lächelnd, schreibt das hauseigene Werbeblatt, Thorsten hat sich zum Manager hochgekämpft, mit dem diffusen Gefühl, dass in seinem Leben nichts stimmt. Mit Spott und Detailfreude schildert Thomas Melle die inneren Gesetze dieses Konzerns, der seine Präsentationen als Mysterienspiele inszeniert und seine Angestellten wie debile Schauspieler behandelt: Ihre realen Aufgaben sind lächerlich, der äußere Druck ist gnadenlos. Im gläsernen Aufzug schwebt Thorsten zu Magnus herab, doch statt eines deus ex machina stolpert eine ratlose Brad-Pitt-Imitation heraus.

Man muss „Sickster“, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, auch als politischen Roman lesen, der dank seines psychologisch klugen, moralisch aufgeladenen Blicks engagiert Stellung bezieht. Bis in die feinsten Verästelungen von Wortwahl und Gestik hinein leuchtet er die soziale Prägung der Figuren aus und zerlegt ihren in der Kleinstadt gewachsenen und familiär geprägten Ehrgeiz in seine Einzelteile. All die Ressentiments, unreflektierten Hoffnungen und schlecht verheilten Wunden reagieren dabei wie in einem chemischen Prozess auf das Elixier Großstadt mit ihrem leeren Himmel und ihren sozial unterkühlten Räumen.

Ein blutender, weinender Odysseus

Warum ein Mensch so und nicht anders reagiert und wozu er fähig ist, wenn man ihn in ein extremes Umfeld schickt - davon erzählt der Roman überzeugend und beklemmend nah an der Wirklichkeit. Laura, Thorstens bienenfleißige Freundin, sagt ihrem Körper den Kampf an, während Magnus, dem unverkennbar die Sympathie des Autors gehört, immer wütender wird: „Sollte das faule Tümpelwasser ihnen doch endlich aus den Hirnen spritzen, damit ihre Blicke nicht mehr so stanken vor Feigheit und Buckeltum“, denkt er in der U-Bahn angesichts der Verhärmten und Schweigenden um ihn herum. Wie Salingers empfindsamer „Fänger im Roggen“ beschimpft er die Angepassten und Gleichgültigen und hetzt durch eine Stadt voller Dreck und Scherben, bevölkert von Verrückten und Einsamen. Er sucht einen Menschen, einen einzigen, der ihm wirklich zuhört. Aber die ganze Realität scheint ihm im Internet aufgegangen, es ist nicht mehr erkennbar, was echt ist, was ironisches Zitat - oder ist das eine inzwischen sinnlose Frage?

Unzählige Botschaften stürmen kichernd, verführerisch und widersprüchlich auf ihn ein: ein blutender, weinender Odysseus, mit Stadtplänen und Netzausdrucken bewaffnet, der an einer Waschanleitung scheitert, weil er ihr „Geheimnis“ nicht lesen kann. Grausam, liebevoll und präzise sind diese Passagen geschrieben, in denen Thomas Melles ohnehin vibrierende, hochmelodische Sprache zu glühen beginnt.

Der Epilog führt ins Helle

Wie der Autor selbst ist auch sein Held Magnus ein Theorie-Fan und macht sich, hochgerüstet mit Roland Barthes, Deleuze und Luhmann, illusionslose Gedanken über Naivität, die Erlebnishorizonte von Zunge und Auge, über virtuelle Erotik und sein Verhältnis zum Begehren und zur Liebe, die ihm im Kern betrügerisch erscheint. Nach seinem Zusammenbruch in einer psychiatrischen Klinik eingesperrt, fordert er ermutigt von Laura, die er dort kennenlernt und in die er sich schüchtern verliebt, die Macht heraus. „Wer hat das Recht, über vermeintlich Schwächere zu bestimmen und sie in Gruppen einzuteilen?“, fragte Jack Nicholson wunderbar süffisant in Milos Formans Verfilmung von „Einer flog über das Kuckucksnest“, und als sein Bruder im Geiste erfüllt sich Magnus wenigstens diesen einen Traum - nach der bodenlosen Enttäuschung, die ihm die Welt der Vernünftigen und Erfolgreichen beschert hat: Er zettelt eine Revolte an, stürmt mit seinen Leidensgenossen die Konzernzentrale und tischt den alarmierten Presseleuten ein groteskes Märchen auf, das in Minuten um die Welt geht.

Das tragische Ende soll hier nicht verraten werden - oder ist es ein hoffnungsvolles? Der Epilog jedenfalls führt ins Helle: Die Leser respektive Zuschauer „stehen auf und verlassen den Kinosaal. Draußen weht frische Luft. Sie gehen weiter und verlieren sich in einer Straße. Aber es war schön, oder? Ja, sagen Sie. Ja.“

Thomas Melle: „Sickster“. Roman. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2011. 288 S., geb., 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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