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Thomas Mann: Briefe III: 1924-1932 Man hat mich nachgerade abgenutzt

 ·  Für diese Jahre fehlen seine Tagebücher, doch die Briefe, die Thomas Mann von 1924 bis 1932 schrieb, bieten mehr als nur Ersatz, wenn es um Einblick in sein Leben geht.

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Mancher wünscht ihm den „Tod des Verräters“. Ein „Nazi-Mensch“ sendet ihm ein verkohltes Exemplar der „Buddenbrooks“. Goebbels denunziert ihn als „schreibende Mischung zwischen Indianern, Negern, Mauren und weiß der Teufel was sonst noch“. Ein Literaturprofessor erklärt den lebensmüden Hanno Buddenbrook zur widerwärtigsten Figur der gesamten deutschen Literatur, und ein junger Gelehrter namens Hans Kasdorff setzt ihm mit „geistigem Nazitum“ zu - „aber so sollte man eigentlich nicht heißen, wenn man gegen mich schreibt“, kommentiert der Erfinder des verschmitzten Hans Castorp.

Begonnen hatten die Anfeindungen gegen Thomas Mann mit dessen Bekenntnis zur Weimarer Republik, zu dem 1922 der Mord an Walther Rathenau den Anstoß gegeben hatte. Es sind politisch hysterische Zeiten, die sich in Manns Briefen der Jahre von 1924 bis 1932 spiegeln. Akribisch kommentiert, sind sie ein Höhepunkt der achtbändigen Briefedition innerhalb der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“. Denn von 1933 an sind die Tagebücher komplett erhalten, und die turbulenten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sind ebenfalls in den Tagebüchern von 1918 bis 1921 festgehalten. Für die Zwischenzeit aber bleiben die Briefe das wichtigste Auskunftsmittel über die Lebensumstände des Autors.

Klubsessel im Kopf

Thomas Manns Erfolgskurve verlief antizyklisch. Nach den Jahren des verschwiegenen Laborierens an den „Betrachtungen“ und dem 1924 erschienenen „Zauberberg“ wurde er zum öffentlichen Autor. Lesetourneen, rege Publizistik, offizielle Reisen nach Paris und Warschau - er war der Stresemann der deutschen Literatur und machte sich auch dadurch Feinde. Der Agonie der Weimarer Republik kontrastierte sein Aufstieg zum Weltruhm: Im Monat der Börsenpanik von 1929 wurde ihm der Literaturnobelpreis zugesprochen, hinzu kamen bald die Einkünfte aus der Volksausgabe der „Buddenbrooks“ mit ihrer Millionenauflage.

Hatten Nachkriegshunger und Inflation noch in die eigene Familie hineingewirkt, so blieb ihm das Massenelend vor 1933 fremd. Auch dadurch wurde der „Pöbelhass“ auf den Mann mit dem „Klubsessel im Kopf“ (Hanns Johst) weiter geschürt. Viele der damaligen Vorwürfe wurden übrigens in den siebziger Jahren wiederholt und variiert, nur diesmal nicht von rechts, sondern von links.

Wider den Nationalsozialismus

Thomas Mann hatte früher als die meisten anderen das Katastrophenpotential des Nationalsozialismus erkannt und attackierte ihn in imponierenden Brandreden wie der „Deutschen Ansprache“. Auch in den Briefen erregt er sich über das „Megaphon-Deutschtum“ und die „vermuffte Romantik“; die „Bluts- und Rassenfrage“ bezeichnet er als „albernste Puschel der Epoche“. Manche Briefe lesen sich wie Vorstudien zum Deutschlandbuch „Doktor Faustus“; dabei geht es um die Krise in ihren intellektuellen Vibrationen und geistesgeschichtlichen Unterspülungen.

1930 formuliert er bündig sein politisches Credo: „Ich drücke alles ans Herz, was wider den Nationalsozialismus steht, sogar die katholische Kirche und auch den Kommunismus, der doch irgendwie des Geistes ist, die Gerechtigkeit und das Glück will.“ Diese strategische Allianz lässt beim Blick auf die stalinistische Sowjetunion schon um 1930 manchmal zu viel Kulanz walten: ein „großes soziales Experiment“, heißt es einmal.

Der schauerliche Hauch des Nichts

Freundschaften und kollegiale Verhältnisse sind Zerreißproben ausgesetzt. Dem späteren Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, Hans Friedrich Blunck, schreibt Mann im Dezember 1930 noch verbindliche Worte: „Zu Ihrem großen Roman, der von so edlem Ehrgeiz eingegeben und mit so fester Hand gemeistert ist, darf ich Sie herzlich beglückwünschen und Ihnen angesichts dieser Leistung meinen aufrichtigen Respekt ausdrücken.“ Mit diesem Respekt war es bald vorbei.

Die Krise führt, wie üblich, zu kulturellen Sparmaßnahmen: „Junglehrer-Abbau“ und Orchester-Auflösungen im Zeichen der Wirtschaftskrise - der Schriftsteller antwortet auf viele Not- und Bittbriefe. „Sehen Sie auch soviel Elend um sich herum? Hunger und Not! Es war wohl noch nie so schlimm“, heißt es 1926 in einem Brief an Ida Herz, und das waren schon die besseren Jahre der ungoldenen Zwanziger. An Weihnachtsgeschenken für Katia mangelt es allerdings nie: „eine schöne Handtasche, eine Armbanduhr aus weißem Golde, Murano-Vasen, warm gefütterte Handschuhe und eine Taschenlampe zum Beleuchten der Kleinen zu später Stunde ...“ Am Ende sinken aber auch Thomas Manns Honorare in den Keller: „Ich habe heute die Quartalsrechnung bekommen. Es weht mir der schauerliche Hauch des Nichts daraus entgegen“, schreibt er im Januar 1932 entgeistert an Samuel Fischer: eine „runde Null“ als Frucht des miesen Herbst- und Weihnachtsgeschäfts.

Im Scheinwerferlicht 

Oft geht es in den Briefen um den „Zauberberg“ - Thomas Mann als Rezeptionssteuermann. Es ärgert ihn die in Medizinerkreisen grassierende Verwechslung von Kur- und Kulturkritik, es ärgern ihn naive Leser, die das unerhört dichte musikalische Themengewebe des Romans nicht erkennen, aber noch mehr ärgern ihn jene Kritiker, die in dem Buch bloß ein „allegorisches Puppenspiel“ ohne erzählerische Vitalität sehen. Viel ist auch von den religionsgeschichtlichen und mythologischen Studien zu „Joseph und seine Brüder“ die Rede. Die jüdische Thematik ist in Zeiten des wachsenden Antisemitismus ein politisches Statement. In einem Brief an Martin Buber äußert Thomas Mann Sympathie für den Zionismus, die auch unterschwellig deutlich wird, wenn er 1925 aus Kairo schreibt, er habe diesen Tages die Pyramiden und die Sphinx besichtigt, allerdings „behängt mit Arabergesindel“.

Jahr für Jahr fiebert er der Bekanntgabe des Nobelpreises entgegen, demonstriert jedoch Gleichgültigkeit. Er wisse, „dass das Scheinwerferlicht, in das man durch die Verleihung gerät, große Unbequemlichkeiten und Störungen der Gemütsruhe mit sich bringt“. Als 1926 Grazia Deledda den Preis bekommt, gibt er zu bedenken: „Ich bin als Kandidat nachgerade abgenutzt, und ... nach der Krönung der sardischen Novellentante ist die Ehre nicht mehr groß.“ Mit vierundfünfzig Jahren war er dann immer noch ein junger Nobelpreisträger; von den insgesamt etwa 7000 Seiten seiner Romane und Erzählungen waren 1929 erst 2800 publiziert. Zukünftiges im Sinn, schreibt er deshalb an Max Rychner: „Ich muss hoffen, dass ich es zu Jahren bringe, obgleich ich zuviel rauche, überhaupt recht mangelhaft Disciplin halte und dem Leben nicht Nein sagen kann.“

Der Gipfel des Wahnsinns

Meisterwerke des deutschen Briefs sind hier vertreten, wie das große Selbstbezichtigungs- und Selbstentschuldigungsschreiben an Gerhart Hauptmann - souveräne Abbitte für das wenig schmeichelhafte Porträt Hauptmanns als Mynheer Peeperkorn im „Zauberberg“. Einer der anrührendsten Briefe ist die Verteidigung Klaus Manns gegen dessen Verächter, die den jungen Pop-Literaten eher als Papa-Literaten sahen, der bloß auf dem Ruhm des Namens Mann surft. Das Klischee des kalt-strengen Paterfamilias, der den Kindern in der neueren Familienbiographik so viel zu leiden gibt, wird hier nicht bestätigt.

Die Korrespondenz schwillt an in diesen Jahren. Der Briefschreiber präsentiert sich jedoch fast immer als erstaunlich angenehmer Zeitgenosse, als das apollinische Gegenstück zum weltverdrossenen Mann des Tagebuchs. Mehr als dreihundert Briefe macht diese Ausgabe dem Publikum erstmals zugänglich. Mehr als 1500 Seiten umfasst sie mitsamt dem Kommentarband, der zum Verständnis der politischen Konflikte und Skandale unentbehrliche Informationen liefert. Zu Silvester 1932, wenige Wochen vor der noch nicht absehbaren Emigration, versucht sich Thomas Mann in einem Brief an Hermann Hesse in politischem Optimismus: „Wir sind aber, glaube ich, über den Berg. Der Gipfel des Wahnsinns scheint überschritten.“ Das muss man allerdings nicht kommentieren.

Thomas Mann: „Briefe III: 1924-1932“. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Hrsg. von Thomas Sprecher, Hans R. Vaget und Cornelia Bernini. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2011. Textband 674 S., Kommentarband 863 S., zus. im Schuber, geb., 95,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
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