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Veröffentlicht: 12.12.2012, 16:50 Uhr

Thomas Mann: Briefe III: 1924-1932 Man hat mich nachgerade abgenutzt

Für diese Jahre fehlen seine Tagebücher, doch die Briefe, die Thomas Mann von 1924 bis 1932 schrieb, bieten mehr als nur Ersatz, wenn es um Einblick in sein Leben geht.

von Wolfgang Schneider
© Verlag

Mancher wünscht ihm den „Tod des Verräters“. Ein „Nazi-Mensch“ sendet ihm ein verkohltes Exemplar der „Buddenbrooks“. Goebbels denunziert ihn als „schreibende Mischung zwischen Indianern, Negern, Mauren und weiß der Teufel was sonst noch“. Ein Literaturprofessor erklärt den lebensmüden Hanno Buddenbrook zur widerwärtigsten Figur der gesamten deutschen Literatur, und ein junger Gelehrter namens Hans Kasdorff setzt ihm mit „geistigem Nazitum“ zu - „aber so sollte man eigentlich nicht heißen, wenn man gegen mich schreibt“, kommentiert der Erfinder des verschmitzten Hans Castorp.

Begonnen hatten die Anfeindungen gegen Thomas Mann mit dessen Bekenntnis zur Weimarer Republik, zu dem 1922 der Mord an Walther Rathenau den Anstoß gegeben hatte. Es sind politisch hysterische Zeiten, die sich in Manns Briefen der Jahre von 1924 bis 1932 spiegeln. Akribisch kommentiert, sind sie ein Höhepunkt der achtbändigen Briefedition innerhalb der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“. Denn von 1933 an sind die Tagebücher komplett erhalten, und die turbulenten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sind ebenfalls in den Tagebüchern von 1918 bis 1921 festgehalten. Für die Zwischenzeit aber bleiben die Briefe das wichtigste Auskunftsmittel über die Lebensumstände des Autors.

Klubsessel im Kopf

Thomas Manns Erfolgskurve verlief antizyklisch. Nach den Jahren des verschwiegenen Laborierens an den „Betrachtungen“ und dem 1924 erschienenen „Zauberberg“ wurde er zum öffentlichen Autor. Lesetourneen, rege Publizistik, offizielle Reisen nach Paris und Warschau - er war der Stresemann der deutschen Literatur und machte sich auch dadurch Feinde. Der Agonie der Weimarer Republik kontrastierte sein Aufstieg zum Weltruhm: Im Monat der Börsenpanik von 1929 wurde ihm der Literaturnobelpreis zugesprochen, hinzu kamen bald die Einkünfte aus der Volksausgabe der „Buddenbrooks“ mit ihrer Millionenauflage.

Hatten Nachkriegshunger und Inflation noch in die eigene Familie hineingewirkt, so blieb ihm das Massenelend vor 1933 fremd. Auch dadurch wurde der „Pöbelhass“ auf den Mann mit dem „Klubsessel im Kopf“ (Hanns Johst) weiter geschürt. Viele der damaligen Vorwürfe wurden übrigens in den siebziger Jahren wiederholt und variiert, nur diesmal nicht von rechts, sondern von links.

Wider den Nationalsozialismus

Thomas Mann hatte früher als die meisten anderen das Katastrophenpotential des Nationalsozialismus erkannt und attackierte ihn in imponierenden Brandreden wie der „Deutschen Ansprache“. Auch in den Briefen erregt er sich über das „Megaphon-Deutschtum“ und die „vermuffte Romantik“; die „Bluts- und Rassenfrage“ bezeichnet er als „albernste Puschel der Epoche“. Manche Briefe lesen sich wie Vorstudien zum Deutschlandbuch „Doktor Faustus“; dabei geht es um die Krise in ihren intellektuellen Vibrationen und geistesgeschichtlichen Unterspülungen.

1930 formuliert er bündig sein politisches Credo: „Ich drücke alles ans Herz, was wider den Nationalsozialismus steht, sogar die katholische Kirche und auch den Kommunismus, der doch irgendwie des Geistes ist, die Gerechtigkeit und das Glück will.“ Diese strategische Allianz lässt beim Blick auf die stalinistische Sowjetunion schon um 1930 manchmal zu viel Kulanz walten: ein „großes soziales Experiment“, heißt es einmal.

Der schauerliche Hauch des Nichts

Freundschaften und kollegiale Verhältnisse sind Zerreißproben ausgesetzt. Dem späteren Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, Hans Friedrich Blunck, schreibt Mann im Dezember 1930 noch verbindliche Worte: „Zu Ihrem großen Roman, der von so edlem Ehrgeiz eingegeben und mit so fester Hand gemeistert ist, darf ich Sie herzlich beglückwünschen und Ihnen angesichts dieser Leistung meinen aufrichtigen Respekt ausdrücken.“ Mit diesem Respekt war es bald vorbei.

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