27.11.2009 · Es ist das Buch, über das auch Thomas-Mann-Freunde lieber schweigen. Jetzt sind die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ in der kommentierten Ausgabe von Hermann Kurzke erschienen.
Von Edo ReentsWarum sind die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ eigentlich noch lesenswert? Sie sind es wegen ihrer gedanklichen Unabschließbarkeit; man wird mit ihnen nicht fertig, weil Thomas Mann selbst mit ihnen nicht fertig wurde: „Ein Dokument, scheint mir, liegt vor, nicht unwert, von Heutigen und sogar von Späteren gekannt zu sein, wenn auch allein um seines zeitlich symptomatischen Wertes willen, in der Unendlichkeit seiner geistigen Aufgeregtheit, in seinem Eifer, von allen Dingen auf einmal zu reden.“
Man soll nichts künstlich aktualisieren. Aber was Thomas Mann hier zum Ausdruck bringt, das Heiß- und Leerlaufen politischer Argumente, muss heutigen Lesern nicht erklärt werden. Man stelle sich vor, jemand mit der Beredsamkeit des unpolitischen Betrachters, gewissermaßen Naphta und Settembrini in Personalunion, wie es Thomas Mann ja war, säße bei Anne Will und redete alles in Grund und Boden.
Ein Rückzugsgefecht großen Stils
So etwas kann entlasten. Für Thomas Mann hatte das jedenfalls diese Funktion: einerseits als dann freilich aus dem Ruder gelaufene Antwort auf den als „Zivilisationsliterat“ durch die gut sechshundert Seiten geisternden Bruder Heinrich, dessen Zola-Essay mit den ehrabschneidenden Bemerkungen über den „Buddenbrooks“-Autor den handgreiflichsten Anlass für die „Betrachtungen“ bot; andererseits gab es die werkökonomische Funktion in Hinsicht auf den dafür dann eigens liegengelassenen „Zauberberg“, der andernfalls den gedanklichen Ballast der „Betrachtungen“ noch zu verdauen gehabt hätte. Die Zusammenhänge sind bekannt.
Die zwischen August 1915 und Juli 1918 entstandenen und dann im September jenes Jahres, wenige Wochen vor Kriegsende publizierten „Betrachtungen“ sind ein Rückzugsgefecht großen Stils. Thomas Mann schrieb sie in dem Bewusstsein, sich mit ihnen schon auf verlorenem Posten zu befinden. Das erklärt ihre Militanz, wobei der Begriff des Militärisch-Militaristischen metaphorisch zu verstehen ist. „Militaristen“ sind auch die Romanfiguren Thomas Buddenbrook, Gustav Aschenbach und Joachim Ziemßen – Leistungsethiker, die es im Grunde unanständig finden, viele Worte zu machen. „Meinungen“, dies vielleicht die Quintessenz der „Betrachtungen“, „sind nicht rangverleihend.“ Das führt auf den Selbstwiderspruch, der dem Buch seine Ambivalenz verleiht: Thomas Mann opponiert gegen die Literarisierung und Demokratisierung Deutschlands, das er lieber musizierend und philosophierend sähe, leistet ihr jedoch selbst Vorschub, während er die Begriffspaare („Kultur vs. Zivilisation“, „Ironie vs. Radikalismus“, „Musik vs. Literatur“, „Metaphysik vs. Gesellschaftskritik“) mit der Kraft seiner zum Zerreißen gespannten Nerven wie auf einem Rangierbahnhof unermüdlich, aber den Leser irgendwann doch ermüdend hin- und herbewegt.
Zwillingsstellung zum „Zauberberg“
Dennoch sind die „Betrachtungen“ ein Schlüsselwerk, von dem Thomas Mann trotz manch haarsträubender Stelle und trotz seines republikanischen Bekenntnisses von 1922 im Grunde nie etwas zurücknahm. Offen gab er später zu, dass er zu jener Zeit „interessanter“ gewesen sei als während seines „demokratischen Optimismus Maienblüte“, der Jahre seiner Hitler-Gegnerschaft. Wie vertrackt, aber auch wie notwendig die Zwillingsstellung der „Betrachtungen“ zum danach wieder aufgenommenen „Zauberberg“ ist, der in der Synthesefigur Peeperkorn das zusammenführt, was dort unlösbar blieb, ergibt sich daraus, dass der Kriegsausbruch die „Betrachtungen“ mit auslöst, während er den Roman gewaltsam beendet.
Es ging Thomas Mann mit den „Betrachtungen“, sehr kurz gesagt, darum, eine verstockt-wortlose, an Zivilisiertheit angeblich nicht interessierte Nation zu verteidigen gegen die Entente, vor allem Frankreich. In dieser Frontstellung sah er im Großen seine eigene Position wiederholt, die er seinerzeit gegenüber dem politisch engagierten, demokratisch gesinnten Bruder Heinrich innehatte. Indem er den Obrigkeitsstaat verfocht, der ihm, so seine berühmte Formel, die „machtgeschützte Innerlichkeit“ gewährte, verteidigte er seine eigenen weltanschaulichen und ästhetischen Ansprüche als Schopenhauerianer-Wagnerianer-Nietzscheaner, als selektiver Leser Goethes, Dostojewkis und ganz vieler anderer. Mit einem gewissen Recht warf ihm Heinrich Mann daraufhin vor, „Elend und Tod der Völker auf die Liebhabereien seines Geistes zuzuschneiden“.
Ein Werk mit zweifelhaftem Ruf
Die „Betrachtungen“ sind dabei nicht eigentlich kriegstreiberisch; doch sie relativieren den Tod unter dem Blickwinkel eines tragischen Pessimismus und heißen den Krieg als Form der nationalen Selbstklärung und -behauptung gut. Deswegen und wegen ihrer undemokratischen Gesinnung haben sie bis heute einen zweifelhaften Ruf.
Sie werden ihn auch jetzt, wo sie zweibändig in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe vorliegen, nicht abschütteln können, was vielleicht auch ganz gut ist bei einem Autor, dem Zweifellosigkeit immer verdächtig war. Hermann Kurzke kennt die „Betrachtungen“ sehr gut, er hat darüber vor vierzig Jahren seine Dissertation geschrieben. Aber womöglich kennt er sie inzwischen schon zu gut. Denn anders ist es eigentlich nicht zu erklären, das ihm sein Kommentar in einer Weise apologetisch geraten ist, die über philologische Erschließung hinausgeht.
Ein narzisstisches Geistertheater?
Es ist nichts dagegen zu sagen, dass Kurzke seine Meinung über die „Betrachtungen“, die für ihn einst ein Dokument der so genannten Konservativen Revolution waren, geändert hat; und es ist zu begrüßen, dass er nicht mit der entrüstungsbereiten Wünschelrute den Text durchgeht. Ob aber die psychologische Einfühlung, die schon seine allenthalben als wohltuend gerecht empfundene Thomas-Mann-Biographie prägte, hier das Richtige ist, muss man bezweifeln. In der Nachfolge der ganz auf Manns Narzissmus konzentrierten Interpreten Hans Wysling und Manfred Dierks versteht er die „Betrachtungen“ als „narzisstisches Geistertheater“ – polemisch bis dorthinaus, aber nur, weil Thomas Mann quasi auf Gottessuche war: „Er erkennt, dass seine ganze Richtung eigentlich ein zustimmendes Verhältnis zum Christentum verlangt. Er erkennt, dass er religiös sein will.“ Woher weiß Kurzke das? Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Thomas Mann irgendwie fromm gewesen wäre.
„Die Entstehungschronologie der Betrachtungen ist im Einzelnen sehr kompliziert“, schreibt Kurzke. Inwiefern sie das ist, darüber erfahren wir wenig. Stattdessen: „So haben die Betrachtungen, wenn man sie richtig liest, eine spröde Eleganz, die noch die schlimmsten Stellen erträglich macht, weil sie als Rollenspiel erscheinen. Sie sind rhetorisch, nicht wahrhaftig, sind ironisch, nicht pathetisch.“ Auf der Suche nach Gott wird man so schwerlich fündig. Und was ist, wenn man das Buch nicht „richtig“ liest?
Eine Freilegung der Quellen
Vor dem Hintergrund einer unerlässlichen, von Mann selbst beanspruchten Unterscheidung wertet Kurzke es so: „Der Grundgestus des Buchs (wenn man das Sein, nicht das Meinen wertet) ist liberal.“ Wenn es sich so verhält, wofür sich Argumente finden ließen, dann passt das aber nicht zu der „unbestreitbaren Einseitigkeit“, die Kurzke gleichzeitig ausmacht. „Thomas Mann verharmlost die politischen Aspekte seines Buches zunehmend.“ Es ist wohl eher Kurzke, der das tut, indem er politische Äußerungen auf die seelische Disposition ihres Urhebers zurückführt.
Wenn Kurzkes Ausgabe für jede weitere Befassung mit den „Betrachtungen“ dennoch von unschätzbarem Wert ist, dann wegen der Freilegung der Quellen, die Thomas Mann in Form direkter oder indirekter Zitate, oft auch nur anspielungsweise verwendete. Das meiste davon war, nicht zuletzt dank Kurzkes eigener Forschung, schon bekannt; aber man hat es jetzt systematisch und, so weit sich das überblicken lässt, nahezu vollständig erschlossen.
Unweigerliche Selbstzitate
Kurzke macht dabei „Übernahmen aus eigenen Werken“ aus, „die manchmal über mehrere Zeilen gehen (sozusagen Selbstplagiate)“. Er selbst scheint aber auch Geschmack daran gefunden zu haben. Ein Vergleich der Anfangspassagen zur „Entstehungsgeschichte“ mit Kurzkes Biographie „Thomas Mann: Das Leben als Kunstwerk“ (Beck Verlag 1999) ergab eine Handvoll wörtlicher, zum Teil über mehrere Sätze gehender Übereinstimmungen. Es ehrt Kurzke, dass er sich nicht dauernd selbst zitieren will; aber es wäre korrekter gewesen, das Verfahren kenntlich zu machen. Wiederholungen sind bei der Kommentierung eines so beziehungsreichen Werks schwer zu vermeiden. Trotzdem hätte Kurzke das Urteil, er und sein Mitarbeiter Stephan Stachorski hätten „den Stellenkommentar auf Hochglanz poliert“, lieber anderen überlassen sollen.
„Ach, die Prinzipien und Aspekte kamen einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel, und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden, sondern auch nur, sie als Präparate gesondert- und sauberzuhalten, dass die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphta’s ,sittlich ungeordnetes All‘ zu stürzen.“ So kommentiert der „Zauberberg“-Erzähler die Probleme dieser sehr spezifischen Debattenkultur. Hermann Kurzke hat sich, darin liegt sein bleibendes Verdienst, ohne Scheu in dieses sittlich ungeordnete All gestürzt.