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Thomas Hettche: Der Fall Arbogast : Ein jeder tötet, was er liebt

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1953 nimmt der BIlliardtisch-Vertreter Hans Arbogast die Anhalterin Marie Gurth in seinem Wagen mit. Es folgt eine kurze Liebesgeschichte, die für die junge Frau mit dem Tod endet. Thomas Hettche begibt sich auf eine fesselnde Gradwanderung zwischen Liebe und Gewalt.

          Es ist eine der ältesten Geschichten der Welt, die Thomas Hettche in seinem neuen Roman erzählt. Nur geht sie bei ihm schlechter aus als üblich. Hans Arbogast ist ein einigermaßen unbescholtener, verheirateter Billardtisch-Vertreter Ende Zwanzig, als er die junge Anhalterin Marie Gurth am 1. September 1953 in seinem Borgward, Modell Isabella, mitnimmt. Was zwischen ihnen geschieht, ist eine Liebesgeschichte von wenigen Stunden, vielleicht aber auch nur Sex auf engstem Raum. Die Ekstase jedenfalls endet für Marie im Tod.

          Mit der Beschreibung dieser tragischen Begegnung zwischen Hans Arbogast und Marie Gurth setzt der Roman ein. Das Buch lebt von diesen ersten sieben Seiten. Diese Schilderung von beklemmender Intensität zeigt einen Schriftsteller, der gelernt hat, souverän mit seiner Kunst umzugehen. Jeder Satz steht wie gemeißelt. So ganz anders schildert er die körperliche Liebe dieser beiden vom Schicksal verurteilten Menschen als etwa noch das schwarzweiße, psychopathische Grauen der Leiber in seinem vielbeachteten Wenderoman "Nox". Jetzt zeigt sich, daß der Sprachvirtuose Hettche seine Themen nicht mehr nur kaltblütig inszeniert und seziert, sondern den Menschen neben Obsessionen auch Gefühle zugesteht. Denn das, was den Leser in den Bann zieht und nicht mehr losläßt, ist das komplizenhafte Einverständnis, das Arbogast und Marie nicht als Täter und Opfer, sondern als Liebende erscheinen läßt. "Sie küßte ihn auf die Wange und sprach dabei fast unhörbar leise und so nah, daß ihre Lippen an seiner Haut zärtlich die Wörter formten und ihr feuchter Atem zu seinem Auge hinaufstrich." Und später: "Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und hielt sein Gesicht in beiden Händen. Sein Blick ertrank in ihrem. Nie hatte ihn jemand so geküßt."

          Die Nähe von Sexualität und Morbidität

          So könnte sie entstanden sein, jene Mischung aus Liebe und Gewalt, die beide gesucht haben. Dann wäre Arbogast unschuldig. Doch wer einmal so heftig geliebt hat, dem nimmt man die Unschuld nicht mehr ab. Mit der wahren Geschichte eines mutmaßlichen Justizirrtums, der die Öffentlichkeit über Jahre bewegte, hat Hettche sich einen ungewöhnlichen Stoff ausgesucht, um sein zentrales Thema von Körper und Gewalt fortzuführen. Die Nähe von Sexualität und Morbidität könnte an Thomas Manns "Tod in Venedig" erinnern, in romantischer Auslegung gar an den Liebestod von Tristan und Isolde. Der Einbruch der Leidenschaft in eine bis dahin scheinbar gesicherte Existenz ist auch Hettches Thema, nur dient der Tod ihm nicht als vielgestaltige, allegorisierende Konfiguration, ist bei ihm nicht Auflösung, sondern Bedingung. Im "Fall Arbogast" erfolgen die Entwürdigungen erst nach dem Tod, nicht vorher. Doch wie von Mann gefordert, ist auch diese Liebe wie "aller Ästhetizismus pessimistisch-orgiastischer Natur, das heißt des Todes".

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