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Thomas Gsella: Warte nur, balde dichtest du auch! Der Dichtung eine Gosse

22.12.2009 ·  Expeditionen in ein lyrisches Paralleluniversum: Mit seiner „Offenbacher Anthologie“ gelingt dem Dichter und früheren Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella das Kunststück, Lyrik und das Reden über sie zugleich zu parodieren.

Von Richard Kämmerlings
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Tony Kempbell ist auch dabei: „einmal so einen / in die Finger kriegen / einmal voll auf die Zwölf / diesem Bush diesem Wurm / von Rumsfeld / einmal ins Nirvana prügeln / den Saukopp Cheney / zack boing klatsch“, so geht das Gedicht „Na wartet“ des ehemaligen Amish-Pfarrers und Harley fahrenden Bikers, das einfühlsam von einem Kritiker namens „Thomas Steinfeld“ kommentiert wird: „Dass Alter milde stimme, hoffen die Oberen von alters her und wissen, dass Unmildes unversöhnlicher sein mag als Jugend, deren Feuer sich nach dem Wind dreht ...“

Für die kongeniale Vorstellung dieser „neuen Stimme des urbanen, widerständigen Amerika“ möchte man glatt den überfälligen „Preis der Offenbacher Anthologie“ verleihen, hätte sich den nicht schon „Iris Radisch“ mit ihrer Lektüre von „Tralala / Tralala / Dingeldong und Upsassa“ gesichert: „Bei keiner anderen Lyrikerin der kanadischen Arktis findet Melancholie als Nachweh kopernikanischer Entzauberung so scheinbar leichten wie just darum unendlich traurigen Ausdruck wie bei der elffachen Mutter Ayak Kimaugruk.“

Expeditionen ins Paralleluniversum

Dem Dichter und früheren Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella ist das Kunststück gelungen, Lyrik und das Reden über sie zugleich zu parodieren. Als notwendige multikulturelle Entgrenzung der bekanntlich auf deutschsprachige Autoren beschränkten Frankfurter Anthologie dieser Zeitung unternimmt Gsella vom anderen Mainufer aus Expeditionen in ein lyrisches Paralleluniversum und beeindruckt überdies mit aussagekräftigen Autorenphysiognomien.

Vom verseschmiedenden Bau-Mafioso Branimir Dukic über die an Albaniens Küste lebende „Alliterationslautlyrikerin“ Amelie Berisha Schmöll („Weltenraum XII: L“) bis zum „dichtenden Steiger“ Erwin Günter Katschulski genannt „Pommes“ („Komm mich nich mit die da oben ...“) reichen die Steilvorlagen, die von Doppelgängern prominenter Vertreter des Literaturbetriebs eiskalt versenkt werden. Dass „gelegentliche, meist kleine Rechtschreib- und Grammatikfehler die Lesefreude nicht schmälern“, gehöre zur „Aura jener seltsam verrätselten Verse, die die junge Kölnerin Cindy Hartwig seit nunmehr neun Jahren ins Netz stellt“, bemerkt „Jan Wagner“, und „Jens Bisky“ greift bei den Essener Straßenmusikanten von „El Duo Veneciano“ zur großen Orgel und bemüht den edlen Wettstreit der Musen: „Was will, was kann das Gedicht? Erzählerisch ist es dem Roman, bildlich der Malerei, an Gestalt der Skulptur unterlegen.“ Wer in dieser kleinen Phrasenkunde nicht vertreten ist, ärgert sich mehr als die respektvoll verspotteten Kollegen.

Thomas Gsella: „Warte nur, balde dichtest du auch!“ Offenbacher Anthologie. Nicht herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 112 S., Abb., br., 7,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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