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Thomas Glavinic: Lisa Zeter und Mordio!

Als hätten Houellebecq, Bret Easton Ellis und Wolf Haas sich auf den kleinsten gemeinsamen nihilistischen Nenner geeinigt: Thomas Glavinic hört einem Paranoiker zu und hat mit "Lisa" eine furiose Geschichte über das Banale und Böse geschrieben.

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Nur den Fernseher haben die Einbrecher dagelassen. „War ein älteres Modell und zudem groß und sperrig und gestunken hat er, wenn er länger lief, weil mal die Käsesauce hinten reingeronnen ist.“ Allein für diese Idee muss man den neuen Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic bewundern. Dass Fernsehen meistens Käse ist und in flexiblen mobilen Zeiten außerdem ein Anachronismus, lässt sich kaum lakonischer in Szene setzen. Die Diebe haben also den Fernsehapparat ignoriert, dafür aber Dokumente und Ausweise mitgenommen. Der Bestohlene wird aus dieser Tatsache eine Weltsicht entwickeln, in der sich Angst, Ressentiments und Scharfsinn zu einem furiosen Gemisch vermengen.

Die Geburtsurkunde ist weg, der Personalausweis - das müsste nicht wirklich tragisch sein, wenn man am Tatort nicht DNA-Spuren einer Frau gefunden hätte. Diese Einbrecherin ist nicht irgendeine Kleinkriminelle, sondern, wie sich herausstellt, eine Verbrecherin von diabolisch-phantastischem Format. Ihre Gen-Fährte zeigt sie als Nomadin der Gewalt, die Europa mit Schreckenstaten überzieht: In Ungarn entführt sie eine Frau und erwürgt sie mit ihren eigenen Haaren, in Prag verübt sie zahlreiche Giftmorde, in der Nähe von Warschau hängt sie drei junge Adelige auf. In Genua schneidet sie einem Obdachlosen die Nieren heraus, bei Nantes wird ein alleinstehender Rentner in einem Topf mit seinen eigenen Eingeweiden erstickt.

Personifizierter Weltgeist

Der Ich-Erzähler, ein frisch von der Frau getrennter Spieleentwickler, verschanzt sich mit seinem Sohn in einer entlegenen Berghütte. Die Furcht, von der Lisa getauften Killerin aufgestöbert zu werden, hat den Mann selbst in eine Furie verwandelt: eine Furie der Rhetorik, einen koksenden, Tabletten schluckenden und saufenden Schwadroneur, der per livestream täglich mehrere Stunden ins Internet sendet. Diese Suada ist das Buch, ein großer Monolog, in dem alles Mögliche zusammenkommt: eine Abrechnung mit der sich kultiviert wähnenden Mittelschicht, eine gnadenlose Vivisektion von Paarbeziehungen, eine Brandrede gegen den Kulturpessimismus, eine Feier neuer Technologien und auch die Geschichte der obsessiven Suche nach einem Sinn- und Erklärungsmuster, das sich auf das in der Welt marodierende Böse projizieren ließe.

Wenn da draußen das enthemmte Grauen um sich greift, dann muss die Sprache sich ebenfalls lockern, ausufern, böse und gewalttätig werden. Gemäß dem Benn-Wort, dass jene, die reden, noch nicht tot sind, stemmt sich hier einer mit chemisch hochgepeitschter Wut gegen die Angst. Wäre „Lisa“ nun einfach der verbale Exzess eines einsamen Süchtigen, dann hätte man es mit einem tumben Thomas-Bernhard-Verschnitt zu tun, einer rasant hingetexteten Bösartigkeit. Aber Glavinic hat dieses sprachschnaubende Ich als derart unzuverlässige Größe angelegt, dass man als Leser auf der Hut sein muss. „Meinen Namen verrate ich nicht. Nennt mich Tom. Das ist eine Idee von mir. Ich bin eine Idee von Tom.“ Mit wem haben wir es also zu tun? Mit einem modernen Rumpelstilzchen? Mit dem personifizierten Weltgeist, der uns gehörig die Meinung geigt und am Ende den Ursprung alles Unheils enthüllt? Oder doch einfach nur mit dem Durchschnittsbürger, den ein paar Schicksalsschläge (der Einbruch, die Trennung) aus der Bahn geworfen haben?

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Veröffentlicht: 11.02.2011, 16:05 Uhr