06.12.2007 · Großmutterkomplex: Philipp Tinglers Romandebüt
"Reiherbeize", "Auerhahnbalz", "Am Fischtal" - das klingt nach Waidmannslust und Landidylle. "Am Fischtal", eine dieser Straßen in bester Wohnlage in Berlin-Zehlendorf nahe der Krummen Lanke, hat Philipp Tinglers Roman den Namen gegeben. Dort hat Gustav, der Erzähler, seine Jugend in der großelterlichen Villa gleichen Namens unter dem strengen Regiment der Großmutter verbracht. Und dort, wo er mit Haferbrei, Kabeljau in Senfbutter und Roter Grütze großgezogen wurde, wo sich die Großmutter mit Bitterschokolade und Codeinpräparaten aus der Praxis des Arztgatten eher leidlich auf den beinen hielt, wo Blüthner-Flügel, KPM-Porzellan und schwere Seidenvorhänge die Einrichtung komplettierten, trifft Gustav nach dem Tod der Großmutter mit Schulfreundin Lili und einer Inventarliste ein, um der raffgierigen Verwandtschaft beim Ausräumen der Reichtümer zuvorzukommen.
Während die beiden aus dem Kuriosen zwischen uralten Konserven und vergammelten Bananen das Erlesene herauspicken, versucht Gustav sich auch innerlich am Auf- und Ausräumen. Das heißt vor allem, dass abgerechnet wird mit den Familienmitgliedern, den zahlreichen Tanten, den Eltern und Großeltern. Sie alle sind durch eine preußische Erziehung geschleust worden, haben die Verachtung aller Schwächen, all die Ge- und Verbote verinnerlicht, zu denen gehört, weder dick noch Schuhverkäufer werden zu dürfen, sie haben - wenn auch nur bedingt - den gediegenen Luxus dieses Haushalts genossen, dessen Zentrum und höchste Instanz die Großmutter war.
Dieser ganzen Sippe von Rassekaninchen, der in eiseskalter Atmosphäre die Pflicht zur Haltung eingetrichtert wurde, wird gründlich das Fell geschoren. Am Ende stehen alle nackt und elend da, innerlich zerquetscht unter den Regeln des brutalen Familienkodex, äußerlich aber aufrecht, wenn auch ziemlich neurasthenisch. Das ist streckenweise so amüsant wie bitter.
Der 1972 geborene Philipp Tingler hat beim Schreiben des Romans die eigene Jugend sicherlich im Blick gehabt. Die Biographie des Autors, der nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Philosophie heute in der Schweiz lebt, im Jahr 2001 beim Bachmann-Wettbewerb durchfiel, zahlreiche Zeitungs-, Zeitschriften- und Rundfunkbeiträge geschrieben hat und außerdem für Eiscreme und großstadttaugliche Kleinstwagen modelte, weist jedenfalls zahlreiche Parallelen zu der seines Romanhelden auf, und einige Anekdoten des Romans finden sich in Tinglers bereits veröffentlichter Kurzprosa so oder ähnlich wieder wie im Roman. Gäbe es diese Kongruenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit tatsächlich, müsste man Tingler bedauern. So möchte niemand groß geworden sein.
Dass in "Fischtal" die Sprache und die Perspektive den zweifelhaften Sozialisationserfolg des Familienerziehungsrezeptes spiegeln sollen, steht außer Frage. Leider unterläuft der Duktus des Erzählers aber immer wieder die Schärfe und das Groteske des Erzählten. Kommentare wie "Außerdem weiß man nie, wie lange ich, der Erzähler dieser Geschichte, noch durchhalten kann, also machen wir lieber Schluss" bereits auf Seite 29 produzieren einigen Ballast.
Die Sprache, die Unmengen von Alliterationen produziert und die sich mit Formulierungen wie "Da wanken die cremefarbenen Draperien leise im phantasmagorischen Hauch" an geschraubten Formulierungen abarbeitet, dürfte auch Leser gelegentlich ins Wanken bringen. Und warum muss alles dreimal gesagt werden? Warum immer wieder Seidenvorhänge, Bitterschokolade, Kabeljau? Auch die sprechenden Namen à la Thomas Mann - die Pflegerin von Gustavs Großmutter hört auf den Nachnamen Busenrost, die Putzfrau in Freundin Lilis Familie heißt Weichbrodt, die Mätresse des Großvaters Cosima Pechnest - verlieren in ihrer Häufung schnell an Komik.
Man ist einem Erstling gern einiges zu verzeihen bereit, aber irgendwann ist das Maximum der Selbstbespiegelung erreicht. Hier schießt sie in der Mischung aus Redundanz und Geziertheit oft über das erträgliche Maß hinaus. "Ich bin nicht nur dankbar, dass ich Berliner bin, sondern ich bin auch dankbar für meinen Bauchnabel. Ich habe eine ganze Theorie über meinen Bauchnabel. Er dürfte ungefähr so aussehen wie der von Nastassja Kinski, denn in beiden Fällen war mein Großvater der für die Abnabelung zuständige Arzt", liest man auf Tinglers Homepage.
Es scheint, als sei er in "Fischtal" über weite Strecken der Versuchung erlegen, eine Theorie dieser Nabelschau auszuformulieren, anstatt die Strenge des Familienkosmos auch durchweg auf die Form des Romans zu übertragen. Die noch bitterbösere Milieustudie, die "Fischtal" hätte werden können, büßt so viel von ihrer Schärfe ein und provoziert immer wieder auch das, was ein Roman besser nicht provozieren sollte, nämlich Langeweile.
BEATE TRÖGER
Philipp Tingler: "Fischtal". Roman. Verlag Kein & Aber, Zürich 2007. 304 S., geb., 22,80 [Euro].