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Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent Allein gegen den Wahnsinn der Welt

15.08.2009 ·  Turbulenzen einer Woche im September: Terézia Moras neuer Roman ist ein bestechend hellsichtiger Kommentar zu den Auswüchsen einer auf Luft gebauten Geschäftswelt. Der Autor erzählt klug wie gewinnend - und mit gleißender Poesie.

Von Tilman Spreckelsen
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An einem Dienstagmorgen träumt Darius von einem Flug mit unbekanntem Ziel. Die Landung ist hart, der Flughafen klein, zu welcher Stadt er gehört, erschließt sich für Darius nicht. Warum ist er hier? Warum besteht sein ganzes Gepäck aus dem silberfarbenen Köfferchen mit dem Laptop? Offenbar wurde er zu einem Meeting einbestellt, denn plötzlich sitzt er mit anderen um einen ovalen Tisch. Einer vom Vorstand redet unverständliches Zeug, neben Darius sitzen Kollegen, die längst nicht mehr bei der Firma sind; andere, die Führungspositionen einnehmen, fehlen. Darius wundert sich sehr. Dann steht er auf und geht hinaus, immer noch ohne die geringste Ahnung, was er da eigentlich sollte.

Immerhin, später im Traum gelingt es ihm, sich etwas besser zu orientieren. Im Wachen ist ihm das nicht vergönnt, so sehr sich der knapp Dreiundvierzigjährige auch bemüht. Er ist Mitarbeiter einer amerikanischen Firma für kabellose Netze, zuständig für den deutschsprachigen Bereich sowie Osteuropa, und so umfassend die Aufgabe ist, so allein wird er damit gelassen. Sein Büro ist mit Elektroartikeln zugemüllt, seine Kollegen sitzen in London, Kalifornien oder in Ostasien, und weil in diesem Kommunikationsunternehmen die Kommunikation zunehmend problematisch wird – Darius erreicht seine Vorgesetzten so gut wie nie am Telefon, seine E-Mails bleiben ohne Antwort –, muss er sich selbst knifflige Fragen beantworten oder Verantwortung für Dinge übernehmen, die ihm zuwider sind: Warum hat er nach zwei Jahren immer noch keinen ordentlichen Arbeitsvertrag? Warum muss er seine Sozialabgaben selbst entrichten? Warum will niemand die von seiner Firma entwickelten Netzwerksysteme kaufen? Und was tun mit den 40 000 Euro, die ihm ein säumiger armenischer Kunde in bar vorbeibringen lässt, statt die eigentlich viel höhere Rechnungssumme zu überweisen?

Gespräche mit Abwesenden

Terézia Mora schildert in „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, nach dem Erzählungsband „Seltsame Materie“ von 1999 und dem meisterlichen Roman „Alle Tage“ von 2004 ihr drittes Buch, eine Woche im September des vergangenen Jahres, und dies fast ausschließlich aus der Perspektive von Darius Kopp: Am Anfang steht ein Wochenende auf dem Land, es folgen berufliche Turbulenzen und ein Besuch bei der kranken Mutter, dann ein Zusammenbruch und eine neuerliche Fahrt aufs Land, diesmal mit ungewissem Ausgang. Darius selbst belässt es nicht beim Wahrnehmen, Reden und Reagieren auf das, was an ihn anbrandet, sondern – und das macht den Reiz dieses Buches aus – bezieht die vermutete Reaktion seiner Umwelt mit ein. Immer wieder führt er lange imaginäre Gespräche mit Abwesenden, deren Meinung ihm wichtig ist, allen voran seine Frau Flora und sein Freund Juri.

Weil er diese Gewohnheit, mögliche Einwände oder Kommentare seiner Nächsten zu antizipieren, auch in tatsächlichen Gesprächen beibehält, ist nicht nur für den Leser manchmal unklar, was davon tatsächlich ausgesprochen wird und was nur in Darius Kopf hallt. Auch Darius, in guten Momenten ein gewinnender Gesprächspartner, verliert gegen Ende des Buches die Kontrolle über diese haarscharfe Grenze zwischen Denken und Sagen. Nachdem er einmal seinem gedachten Ärger lautstark Luft macht, muss er glauben, dass sich von diesem Moment an ein ganzer Regionalexpress gegen ihn zusammenrotten wird. Und deshalb wird aus diesem Buch, das man zunächst als erhellenden Kommentar zu Auswüchsen einer auf Luft gebauten Geschäftswelt lesen kann, noch viel mehr: Es geht um Kommunikation, um Erkennen und Verfehlen des anderen, um offene und geschlossene Netzwerke zwischen Menschen, die es oft genug nur zu gut meinen und dann doch im Zorn auseinandergehen. Lässt man sich darauf ein, ist es allzu leicht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Da wird eine stehengebliebene Bahnhofsuhr zum Fanal, und der Anruf aus dem Krankenhaus mit den beruhigenden Worten einer Schwester über den Zustand der Mutter sind für Darius nichts als Türöffner für weitreichende Spekulationen: Was, wenn der tröstende Anruf gar nicht aus Deutschland, sondern aus einem fernöstlichen Callcenter stammt?

Wunderbare Vielstimmigkeit

Moras glasklare Sprache ist dabei nicht komplizierter als zur adäquaten Abbildung von Darius Welt unbedingt erforderlich. Weil diese aber von den Einbrüchen der anderen Welten bestimmt ist, weil Darius sich diesen Einbrüchen mitunter geradezu lustvoll hingibt, kommt es in dem Roman zu einer wunderbaren Vielstimmigkeit. Mora scheint sämtliche Stillagen zwischen Ruppigkeit und Säuseln, vergifteter Geschäftskommunikation und ehrlicher Entrüstung vollkommen zu beherrschen und die Modulationswechsel gleich mit, so dass man das Buch mehr noch hört als liest. Das verlangt dem Leser einiges ab, belohnt ihn dafür durch den fröhlichen Bruch mit erzählerischen Konventionen und einer neuen spielerischen Präzision, etwa wenn Mora eine Art Zeitlupe durch einen simplen Tempuswechsel erreicht: „Das Radio spielte einen Song, den Kopp so mag, dass er aufhören muss, das zu tun, was er gerade tut.“

Dass bisschen Gegenwart, das Darius über sein persönliches Umfeld hinaus wahrnimmt, erreicht ihn häppchenweise über das Netz: Schweinegrippe, Bankencrash, Politik, all das sind fragmentarische Signale aus einer Welt, die ihren Zusammenhang längst verloren hat. Für ihn, der sich viel auf seine fröhliche Art einbildet, seinen unbedingten Willen, alles rosarot zu sehen, für den Vielfraß aus Überzeugung, der sich die Welt lieber einverleibt, als sie zu deuten, geht mittlerweile alles den Bach runter und wird durch Liegenlassen nur noch schlimmer: Fällige Abrechnungen und Steuererklärungen oder der kaputte Fernseher sind dabei noch die harmlosen Symptome; schwerer wiegt, dass er sich anbahnende Geschäfte nicht weiter verfolgt, den Kauf seines Asthmamittels verschiebt oder sogar die eigentlich glückliche Ehe mit der sensiblen Flora aufs Spiel setzt – dass die Erzählerin, die ihren Text auch sonst gern mit diskreten Verweisen spickt, die Hochzeit von Darius und Flora zwei Tage vor dem 11. September stattfinden lässt, ist ein anrührender Hinweis darauf, was eine Ehe alles überstehen kann, auch wenn sie unter keinem guten Stern zu stehen scheint.

Die sollen die Macht haben?

Am Ende weiß auch Darius, dass es so nicht weitergeht. Aber wie entkommt man dem Wahnsinn der Welt? Sein Vater fand zu DDR-Zeiten für sich eine simple Lösung gegenüber allzu weit reichenden Zumutungen bei der Arbeit: „Die sollen die Macht haben? Über mich?“, sagt er, und als die Wende kommt, lässt er sich scheiden und kommt als selbständiger Unternehmer zu Wohlstand. Andere werden darüber krank oder fallen einfach tot vom Fahrrad. Ein ehemaliger Kollege von Darius wird lieber Hausmeister, als sich einen neuen Job zu suchen. Eine Sekretärin wirft ihrem Kotzbrocken von Chef den Bettel hin, ohne etwas Neues in Aussicht zu haben. Und der freundliche Mann vom Empfang in Darius Bürogebäude knackt den Jackpot – man sieht ihn nicht wieder.

All dies schildert Mora so klug wie gewinnend, so selbstverständlich wie eigensinnig, hellsichtig bis zum Gleißen und voller Poesie. Wer nicht allzu hartgesotten durch die Welt geht, wird auf den allerletzten Seiten dieses überwältigenden Romans, wenn Darius endlich die wegdriftende Flora zurückzuholen sucht, ein paarmal schlucken müssen. Oder sich wenigstens ein bisschen räuspern.

Terézia Mora: „Der einzige Mann auf dem Kontinent“. Roman. Luchterhand Verlag, München 2009. 384 S., geb., 21,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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