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Terézia Mora: Das Ungeheuer Der einsamste Mann auf dem Kontinent

 ·  Erst ein komischer, dann ein tragischer Held. Kann das gutgehen? Terézia Mora setzt mit „Das Ungeheuer“ ihr großes Romanprojekt um den IT-Spezialisten Darius Kopp fort.

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Der Blick in den Spiegel gebiert Ungeheuer: „Die Kreuzung zwischen einem blonden, stupsnäsigen Jungen Mitte 40 und einem Reptil. Tränensäcke, Kehllappen. Ich sehe versoffen aus. Was ich auch bin. Geliebte, Geliebte, Geliebte...“ So klingt die verkaterte Morgenklage des Darius Kopp: das heisere Krächzen eines gescheiterten Lebenskünstlers mit Laptop, der als gerupfter Trauervogel in der Asche seiner Niederlagen hockt. Arbeitslos, verwitwet, versoffen, verwahrlost. Ein Wrack von einem Mann.

Als vor vier Jahren Terézia Moras zweiter Roman erschien, war Darius Kopp noch „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, wie der Romantitel lautet: ein IT-Spezialist, der für eine internationale Firma mit dem schönen Namen „Fidelis Wireless“ (drahtlos treu) in ganz Europa Produkte verkaufen soll, die niemand haben will und die das Unternehmen, sollte doch einmal ein Kunde zugreifen, meistens auch gar nicht liefern kann: „Sales engineer Darius Kopp. Seit 2 Jahren mutterseelenallein in einem 12 qm großen Arbeitskabuff in der ersten Etage eines sogenannten Businesscenters.“

Deutsches Jedermännchen des beginnenden 21.Jahrhunderts

Damals war Darius Kopp ein deutsches Jedermännchen des beginnenden 21.Jahrhunderts. Wohnort selbstverständlich Berlin, Berufsfeld selbstverständlich irgendwas mit IT und neuen Medien. Kopp war ein harmloser Durchschnittstyp aus dem Heer der neuen Angestellten: ein fröhlicher Business-Boy, der glaubte, es geschafft zu haben, ein williger Söldner der jüngsten Spielformen des Kapitalismus, also immer bereit, die bestehenden Verhältnisse gegen jedweden Vorwurf zu verteidigen: Wer sich nicht arrangiert, lebt verkehrt. Ein chronischer Positiv-Denker, der sich für unangreifbar und das Komasaufen mit seinen spätpubertären Freunden für eine angesagte Form der Wochenendgestaltung hielt. Kopps Rosenkranz kannte nur eine Gebetsformel: Es wird schon gutgehen.

Kurzum, Kopp war noch jenseits der vierzig ein großer Junge: heiter, gutmütig, schlicht und durchaus liebenswert. In der sensiblen Ungarin Flora, einer Übersetzerin, die sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält, findet er die Frau, mit der er teilen kann, was er für sein großes Glück hält: ein ganz normales Leben. Dann kommt die Krise: „Du bist die Liebe meines Liebes, sagte Darius Kopp zu seiner Frau. Sie standen am Rande einer Geburtstagsfeier. Du bist die Liebe meines Lebens. Und, ach ja, ich bin gefeuert worden.“

Ein Buch wie ein Roadmovie

Am Ende des Romans war Fidelis Wireless ein abgewickeltes Unternehmen und Kopp Mitglied der Armada arbeitsloser IT-Spezialisten. Das allein hätte ihn nicht umgeworfen, wie er im Rückblick weiß. Gemeinsam gingen sie durch die Welt, „im ständigen Geschrei der Angsthändler, aber wir hatten keine Angst, denn wir waren eine Einheit, zwei Rädchen, die ineinandergriffen. Obwohl wir im Grunde nie mehr in etwas anderem waren als in Krise, Zusammenbruch, Erholung, Zusammenbruch, manchmal parallel zur Börse, manchmal nicht.“ Was Kopp noch nicht weiß, nicht einmal ahnt: Wenn Flora eines nicht ist und niemals war, dann ein Rädchen, das fröhlich vor sich hinfunktioniert und sich durch nichts umwerfen lässt. Vor vier Jahren war Darius Kopp der einzige Mann auf dem Kontinent. In Terézia Moras neuem Roman „Das Ungeheuer“ ist er der einsamste Mann auf dem Kontinent. Denn Flora hat sich umgebracht.

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Terézia Mora: „Das Ungeheuer“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2013. 684 S., geb., 22,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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