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Teresa Präauer: Für den Herrscher aus Übersee Den Dingen Schwingen schenken

 ·  Mit Anlauf den Hügel hinunter: Die Wiener Künstlerin und Autorin Teresa Präauer folgt in ihrem Romandebüt den Vögeln und lehrt den Leser das Fliegen. Es ist alles nur eine Frage der Perspektive.

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Wer diesen kleinen, schmalen Prosaband öffnet, erlebt eine warme, aber kräftige Sprachwindböe und wird in die Höhe getragen. „Unter ihnen ist das Land geteilt in Felder, gelb und braun, dazwischen sind kleine Seen und Flüsse.“ Das Buch empfängt den Blick wie ein Gemälde von Pieter Brueghel: „Bäume, die Früchte tragen, und solche, an denen das Laub schon rot ist.“ Was unten zu sehen ist, wird detailreich beschrieben, der Überblick genießt die eigene Anmut.

Protagonisten im Relief: „Der Großvater und die Großmutter wohnen in einem Haus auf einem Hügel. In ihrem Garten wohnen viele Vögel, von denen wir schreiben und lesen lernen. Unsere Eltern sind fort. Sie reisen um die Welt und schicken uns jeden Tag eine Karte.“ „Wir“ - das sind zwei Geschwister. Dann gibt es noch eine Japanerin - und natürlich die „Fliegerin“. „In einem bohnenförmigen Fluggerät, unten drei Räder, hinten ein Propeller, oben ein weißer Schirm, der geschnitten ist wie ein Lindenblütenblatt, sitzt, den Helm über den Kopf gezogen, die Handschuhe über den Fingern, ein Tuch um den Mund, die Fliegerin.“ Wir begleiten sie, stets in einem Schwarm Vögel aufgehoben. Die historischen Assoziationen sind klar, Amelia Earhart zum Beispiel, denn irgendwann kommt eine Postkarte mit einer „Fliegerin“ und Autogramm. Aber diese Zuschreibungen verblassen, wenn man selbst zu fliegen beginnt.

Abheben, stürzen, weiterwollen

“Für den Herrscher aus Übersee“ heißt das Prosadebüt der Wiener Autorin und Künstlerin Teresa Präauer. Man darf sich als Leser vollkommen unbelastet nähern, sollte das Buch in die Hand nehmen, hin und her wiegen, das Titelbild studieren. Es zeigt zwei Kinder, rotzfrech das eine, schüchtern, skeptisch das andere.

Mehrere Stimmen also, ein Spektrum, das der Band vereint, wunderbar zum Vorlesen geeignet. Präauer formt ihre lyrische Sprache wie ein Stück Ton, dreht und wendet sie, eigen, manchmal aufdringlich, dann fast unangenehm schlicht getaktet, wenn es heißt: „Die Früchte tragen“, „die Fliegerin fliegt“, „der Wind bläst“ und „der Großvater brummt“. Horcht man dem länger nach, intoniert sie so beiläufig verwundet-sanft - ganz ohne ein Adjektiv und stets mit wunderbar gesetzten Wendungen -, wie der Flugwind das Gesicht streift. Ihr Prosagemälde zeigt den Hof, die zwei zurückgelassenen Kinder, wie sie die Felder hinablaufen, mit einer aufgeschnallten Flugmontur, Anlauf nehmen zum Abheben, stürzen, weiterwollen.

Flugstunden am Küchentisch

Der Großvater erzählt dann den Erschöpften, wie er einmal im Krieg mit seinem Flugzeug abstürzte und auf eine Japanerin traf. Wir sehen sie in der Wiese der Liebe folgen, den Großvater den Verstand verlieren, im Hintergrund ihre herabgefallenen, rauchenden Flugzeuge. Der rüde Großvater hat etwas sonderbar Reales, er spricht und handelt, wie ihn eine Schriftstellerin vom Jahrgang 1979 gekannt haben kann: Diese knorrigen alten Männer, wie es sie heute fast nicht mehr gibt, die sich gern eher brüsk als verzärtelnd um ihre Enkel kümmern.

Er jedenfalls sagt stolz von sich, er sei der „Dunkelste und Tapferste“. Die Großmutter in ihren bunten Kleidern jagt ihn dann auch mal mit der Flinte. Die Kinder balancieren durch diese unschuldige Träumerei und verwirrte Alterssorge überlegen hindurch. Sie wollen nur eins: fliegen, herunterschauen, frei sein. Wie einst der Großvater. Der gibt also Flugstunden mit Teller und Besteck und stürmt „den Hügel hinunter“.

Postkartenpanorama

Teresa Präauer nimmt sich Zeit für Nebendinge, und doch packt sie in wenige Worte ganz große Schwüre. Das „Ich“ ist eines der Kinder. „Der Bruder und ich sind zwei. Wir sehen einander ähnlich, obwohl der Bruder jünger ist. Wir haben die gleichen Haare, die gleichen Augen, die gleichen Finger, die gleichen Zehen, und unter den Nägeln sind wir gleich schwarz, wenn wir aus dem Garten kommen und uns an den Küchentisch setzen.“ Sie lernen vom Fasan, wie man sich am Ende eines großen Gusses richtig schüttelt, „und bald, sagen wir weiter, werden wir die besten Flieger des Landes sein“.

Schlaglichtprosa erhellt diese Welt, in der die Kinder in den großen Weltahnungen des Großvaters leben, in der Wirklichkeit aber zugleich Zigaretten holen. Sie wissen: „Wenn die Kartenpanoramen um unser Zimmer im Kreis verlaufen und sich ihre Reihe schließt, kommen die Eltern wieder.“ Auf den Postkarten sind Motive von überall, „manchmal ist die Luft voll mit Sternen, manchmal mit Mücken, manchmal mit Staub. Und manchmal können auch die Kinder auf diesen Karten fliegen, und manchmal liegen ein paar Frauen splitternackt im Gras, und wir müssen uns selbst zusammenreimen, was das alles miteinander zu tun hat.“

Peripheres Sehen, zur Schrift gebracht

Das Lesen müssen sie noch dem Großvater überlassen, der munter dichtet, was nicht dort steht, die Sache damit aber interessanter für alle macht. Das Vorbild liebt dann den Exkurs: „Ich bin in den Himmel hinauf geflogen und habe mit dem Zählen der Tage aufgehört.“ Die Liebesgeschichte zwischen dem Großvater und der Japanerin zeigt jedoch: Es ist keine heile, einfache Welt. Wunsch und Vorstellung zu bewahren macht Arbeit. Übertreiben, Flunkern, Legendenbauen - all das ist nötig, eine Trennung vom Leben, eine von vielen: „Dass der Bruder und ich zwei sind, schadet manchmal.“

Über solche Mühen erhoben, unantastbar, gleiten die Vögel durch den Text. Sie sind die besten Flieger und haben „für jeden Halbkreis der Welt seitlich am Kopf ein Auge angebracht“. Teresa Präauers Text blickt mit dieser Art Auge: ein peripheres Sehen, das, zur Schrift gebracht, sanft berührt und viel verspricht.

Teresa Präauer: „Für den Herrscher aus Übersee“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 137 S., geb., 16,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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