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: Teigwaren der Globalisierung

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Die dünnen krausen Nudeln in einer kräftigen heißen Fleischbrühe mit diversen obenauf gelegten Zutaten, Râmen genannt, die aus einer tiefen Schale geschlürft werden, gehören zu den beliebtesten Gerichten in Japan. Râmen sind beispielsweise das Hauptthema von "Tampopo", dem Kultfilm des Regisseurs Itami Jûzô.

          Die dünnen krausen Nudeln in einer kräftigen heißen Fleischbrühe mit diversen obenauf gelegten Zutaten, Râmen genannt, die aus einer tiefen Schale geschlürft werden, gehören zu den beliebtesten Gerichten in Japan. Râmen sind beispielsweise das Hauptthema von "Tampopo", dem Kultfilm des Regisseurs Itami Jûzô. Und Râmen spielen auch in dem ersten ins Deutsche übersetzten Roman des japanischen Autors Ikezawa Natsuki eine wichtige Rolle. Sein Held entdeckt im Jahre 1959 in Japan eine Nudelsuppe, die "Instant Râmen" heißt und die ihn zum erfolgreichsten Geschäftsmann seiner Heimat macht, worauf er schließlich sogar zum Staatspräsidenten der Demokratischen Republik Navidad avanciert. Die Nudeln stehen für die Assimilation der Inselbewohner an die neue Zeit, den Einzug eines kapitalistischen Wirtschaftssystems und die ökonomische, politische und kulturelle Bindung an Japan, den potenten Nachbarn im Norden.

          Macias Guili regiert seine mikronesische Inselrepublik, das "kleinste Land der Welt", nach außen mit Umsicht und nach innen mit diktatorischem Nachdruck, bestrebt, seiner Nation durch geschickt lavierende Allianzen mit Japan eine relative Unabhängigkeit zu wahren. Dabei hat die Inselgruppe im Westpazifik einige Erfahrungen nicht nur mit den Japanern, sondern, seit dem siebzehnten Jahrhundert, mit ihren "Entdeckern", den Spaniern, und anschließend mit den Deutschen gemacht, den verspäteten Kolonialisten, die ihren Vorgängern das Inselreich im letzten Jahr des neunzehnten Jahrhunderts abkauften. "Die Spanier hatten sie die Existenz des Paradieses gelehrt, die Deutschen lehrten sie, wie groß die irdische Welt war." Und die Armeen Japans und der Vereinigten Staaten zeigten den Insulanern, "wie das Leben in der Hölle aussah". Immerhin verdanken sie den Japanern eine neue Eßkultur: "Die Japaner taten bei uns vieles, aber die größte Wohltat erwiesen sie uns damit, daß sie uns lehrten, wie Reis schmeckt."

          Von Politik im Großen und im Kleinen und vom Essen also handelt dieser Roman, von Kolonialisten- und Touristenträumen und vom Aufstieg und Fall eines Mannes, der nicht einmal sicher weiß, wer sein Vater war, und der sich zeit seines Lebens fragt, ob dieser japanische Fischer seine Mutter, die bei seiner Geburt starb, vergewaltigt hat: "Aber sicher, sicher habe ich ihr Gewalt angetan! Ich habe sie von Herzen geliebt!" Macias Guili selbst pflegt Kontakt nur noch mit drei Frauen - seiner japanischen Hausdame, die ihm allmorgendlich sein japanisches Frühstück serviert und ihn geschickt nach außen abschirmt, der Bordellbesitzerin Angelina und seiner Beraterin Emeliana, einer Einheimischen mit spirituellen Kräften, die ihn über Mythen und Magie an seine Herkunft erdet. Wie Guili selbst aus Melchor, der arm gebliebenen, abseits liegenden kleineren der drei Inseln, stammend, verkörpert sie die archaische Welt, die auch Macias so sehr in ihren zeitlosen Bann zieht, daß er darüber der Welt des Fortschritts, der Macht und des Gewinnstrebens abhanden kommt.

          Beständig changiert dieses farbige Epos zwischen realistischer Schilderung und magischen Episoden und webt Südsee-Bilder von Geisterwelt und Ahnenkult, von glasklarem Wasser, Palmen und kreischendem Vogelgestöber vor Sonnenaufgang mit konsumkritischen und globalisierungsskeptischen Passagen zusammen. "Fangen wir am Morgen an. Tauchen doch alle interessanten Geschichten aus dem Zwielicht früher Stunden auf." So setzt dieser Roman ein, der seinen Helden nach wenigen Wochen Erzählgegenwart und zahlreichen Rückblenden und Exkursen in die nahe und ferne Vergangenheit der mythischen, der Traumwelt zurückgibt, die sich als die stärkere Kraft erweist.

          Der Autor Ikezawa Natsuki, Jahrgang 1945, der mehrere Jahre in Griechenland lebte und sich zunächst als Lyriker und Übersetzer amerikanischer Literatur einen Namen machte, hat mit diesem 1993 im Original erschienenen Roman ein kraftvoll gestaltetes Tableau vom Leben der Geister und der Menschen im Zeitalter der Globalisierung gemalt. Gern spricht man in Japan bei Ikezawa wie bei seinem Landsmann Murakami Haruki vom magischen Realismus lateinamerikanischen Ursprungs, der hier auf fruchtbaren Boden gefallen sei. Noch ein Fall von Globalisierung?

          IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT.

          Ikezawa Natsuki: "Aufstieg und Fall des Macias Guili". Roman. Aus dem Japanischen übersetzt von Otto Putz. Edition q, Berlin 2002. 504 S., geb., 29,70 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2003, Nr. 58 / Seite 34

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