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Tanguy Viel: Das absolut perfekte Verbrechen Ballon mit kostbarer Fracht

 ·  Wo Angst ist, wächst die Präzision: Aus dieser Weisheit hat der französische Autor Tanguy Viel einen feinen Gangsterroman über Verrat und Rache gezaubert.

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Tanguy Viel hat einen Gangsterroman geschrieben. Man könnte ihn bequem aus dem Kinosessel erleben, Klassiker wie „Der Profi“ oder auch etwas brutaler „Der Pate“ im Kopf, in denen lange nicht viel geschieht, außer dass ein Coup geplant wird, zur Rache oder nur aus Spaß. Und wenn dann kurz vor dem entscheidenden Moment die Scheinwerfer ausgehen und es so dunkel wird, dass man nur noch die Glut der Zigaretten und das Weiß des Kleides der begleitenden Frau sehen kann, geht auf einmal das Licht im Saal an und reißt einen aus der Versenkung, weil der Film gerissen ist oder die Maschine kaputt. Wie ginge es dann weiter?

Das Überraschende an diesem sonatenhaft dreiteilig gebauten Roman ist, dass man diese Unterbrechung bald wieder vergisst. Vielleicht liegt es an der vertrauten Kulisse, an den Versatzstücken aus Mafiakodex, Edelraub und westernfester Verfolgungsjagd, die so schnell alle Lücken füllen, dass man über den kleinen, absichtsvollen Perspektivwechsel des Erzählers hinwegsieht. Man will das Bild im Zentrum nicht zerstören. Denn schön, geradezu klassisch ideal ist diese Szene, auf die sich die Erzählung zubewegt, so langsam, wie ein sehr langsames Auto sich im Rückspiegel nähert. Man ist allerdings vorgewarnt: „Gegenstände können näher sein, als sie im Spiegel erscheinen“, steht schon auf dem Rückspiegel des schwarzen Mercedes von Marin, der nach drei Jahren Gefängnis zur Mordaufträge erteilenden „Familie“ zurückkehrt. Der Satz umreißt zugleich das Erzählprinzip, Tempo und Drosselung der Geschwindigkeit, die Viels wiegende, schnörkelige Sprache betten.

Frau als Lockvogel, mann im Smoking

Worum geht es? Marin, der Heimkehrer, ist auf den Ich-Erzähler Pierre sauer, weil der ihn nie hinter Gittern besuchte. Aber bald schon plant man gemeinsam den Überfall auf ein Hafen-Casino, mit Frau als Lockvogel und Mann in Smoking und einem Neuling, Marins Zellengenosse. Lucho heißt dieser Mann, begabt mit einer himmelweiten Phantasie: Er stellt sich vor, das gestohlene Geld vom Dach herab in die Nacht fliegen zu lassen, und zwar in einem ferngesteuerten Heißluftballon. Seine Idee entwaffnet die Komplizen wie die Leser, zumal der Ballon seine kostbare Fracht in mondloser Nacht überm Meer direkt in ein Ruderboot abwerfen wird. Vielleicht ist dieser Roman überhaupt nur wegen dieser Szene geschrieben worden, für die man, säße man im Kino, den Film hätte anhalten wollen. Obwohl längst klar ist, dass nichts ist, wie es scheint.

Schon in seinem letzten, vielgerühmten Thriller „Unverdächtig“ um perfekte Eheanbindung, hat der 1973 in Brest geborene Franzose, der einen ganz eigenen Stil pflegt, Erwartungen unterwandert. Sein neuer, übersichtlicher gebauter Roman „Das absolut perfekte Verbrechen“ trägt das Scheitern schon im Superlativ des Titels. Die Hoffnung aber auch. Könnte das Verrückte nicht gelingen?

Kühle Poesie, geniale Coups

Den ganzen Zinnober, die kühle Poesie eines genial geplanten Coups, das die Vorfreude frecher Jungs beim Klingelstreich verströmt, veranstaltet der Autor aber nur aus einem einzigen Grund: Er schiebt mit spielerischer Leichtigkeit seinen Stoff einfach in den theatralen Raum zurück. In den Umbaupausen seiner Erzählung tauscht er nicht nur ständig Kulissen und Genres aus, sondern beatmet den Millionentraum überhaupt nur im inszenierten Raum: Die Nacherzählung macht ihn schöner als die Wirklichkeit. Und selbst dann, wenn er den Traum auf einmal wieder platzen lässt, pflanzt er Wehmut in diese Gaunerparodie und macht sie dadurch auf sympathische Art existentiell. „Einmal hatte ich zu Andrei gesagt, mit dem Geld würde ich endlich verschwinden, ein für alle Mal. Wohin denn, hatte er gefragt, ohne auf seine Antwort zu warten, so eindeutig stand schon in seiner Frage die Leere, und es stimmte, wohin denn.“

Das alles ist raffiniert, elegant und verführerisch gemacht und mit Pierre bleibt man immer einer Hauptfigur nah, die Zusammenhänge seiner Killerangestelltenseele nur ahnt, aber nie ganz versteht. Seine selbstbewusste Rede zerstreuen nach innen gekehrte, sanft stolpernde Sätze: „Wir waren wie kleine Kinder, wenn der Nieselregen und das Grau, wenn das früher genügt hätte, unseren Tagen ein Ende zu bereiten, manchmal, wegen des Risses, der sich in unseren Herzen auftat, wegen dieses Regens oder der allzu grünen Bäume, die sich auf uns zu erbrechen schienen, dann wurden wir nervös, arbeiteten schlecht und warteten auf die Nacht, um unsere Ängste zu ertränken.“ Wo Angst ist, wächst die Präzision. Tanguy Viel hat aus dieser Weisheit einen feinen Roman über Verrat und Rache gezaubert.

Tanguy Viel: „Das absolut perfekte Verbrechen“. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach Verlag, Berlin 2009. 160 S., geb., 16,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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