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Cambridge-Roman : Harte Schläge auf feine Näschen

Die Welt aus dem Roman gibt es vielleicht wirklich: So posieren Boxer der Universität von Cambridge im Union Club für einen Nacktkalender. Bild: action press

Was für ein Epos: Takis Würger erzählt ungerührt, sanftmütig und mit Gespür für Zeitgeist von Sex und Verbrechen im noblen Pitt Club der Universität Cambridge.

          Tief vom Walde kommt er her, der Protagonist von Takis Würgers Roman „Der Club“, der Hans heißt, wie im Märchen. Märchenhaft ist auch der Ton, in dem Würger seine frühen Lebensschritte schildert. Die Kindheit im Forsthaus ist leidgeprägt. Die Mutter verscheidet früh, dem Vater spaltet ein Laster den Schädel. Der schweigsame Junge versteckt sich so gut, dass kein Spielkamerad ihn findet. Immerhin: Im Boxtraining, zu dem ihn der Vater schleppt, lernt er für das Leben.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Er weiß noch nicht, welche Aufgabe es ihm stellen wird, da erreicht ihn ein Brief seiner Tante. Hans soll in Cambridge, wo die Tante Kunstgeschichte lehrt, einem Verbrechen auf die Spur kommen. Dass es sich um einen Missbrauchsfall handelt, ist dunkel zu erahnen. Die wortkarge Professorin treibt ein stiller Eifer. Weder Hans noch der Leser teilen zunächst ihr Wissen.

          Vom Landjungen zum Privatermittler

          Vom traurigen Landjungen zum Privat-Ermittler: Für Hans ist das ein großer Schritt. Takis Würger baut seinen Bildungsroman geschmeidig zum Campus-Krimi aus mit Reichweite in die britische upper class. Der Pitt Club, der Ort des vermuteten Verbrechens, ist eine Hochburg des akademischen Snobismus, ein Tummelplatz für äthiopische Prinzen und neureiche Söhne mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein und schlechten Manieren. Raubtiernaturen hinter kultivierter Fassade. Die Mischung aus Sex und Macht lockt scharenweise junge Frauen in den Club, die in der kompromittierenden Atmosphäre aus Drogen und Goldstaub zu Dingen bereit sind, die sie sonst ablehnen würden. Takis Würger hat einen Insider-Blick auf das Milieu. Während eines Auslandsstudiums war er selbst boxendes Mitglied des Clubs. Das Boxen wird dort als Markenzeichen kultiviert, das dem beruflichen Fortkommen sicher nicht schadet.

          Von diesem weltläufigen Habitus ist der zerbrechliche Hans Meilen entfernt. Doch wer ihn sich als einen jener verträumt-abgezockten Typen in Strickpullover und Wollmütze vorstellt, die auf Werbepostern für coolen Lebensgenuss stehen, wird ihn besser kennenlernen. Als er vor den Augen seiner Herzensdame einen wilden Hengst bezähmt, wird klar: Der Junge ist ein heimlicher Sieger.

          Fraglos ist Hans auch sensibel. Er hat einen ausgezeichneten Riecher für Parfums, schmeckt daraus Orangenschalen und Maiglöckchen. Beim nächtlichen Joggen sorgt er sich demonstrativ nicht um seinen Look, weil ihm das Boxen gerade wichtiger ist. Die Nacht deckt darüber den Mantel des Schweigens. In diesem Buch wird viel geschnuppert und angefühlt. Manchmal zu ausführlich: Wer wie Hans noch im Boxring das Apfelaroma im Haarkranz des Gegners riecht, würde im echten Boxkampf schon die Sterne zählen. Würger schreibt im alerten Stil einer literarisierten Reportage. Nicht selten kippt das ins Preziöse: Die Köchin erinnert sich an einen Gewehrschuss, als sie gerade Zitronensaft, Butter, Eigelb und Zucker mit einem Schneebesen schlägt. Das nennt man wohl einen Kuchen backen.

          Wunsch nach sozialer Teilhabe

          So wird der Kitsch gestreift, allerdings nicht auf Kosten des Plots, den Würger energisch vorantreibt. Erzählerisch raffiniert schildert er den Club aus dem Wunsch der Mitglieder nach sozialer Teilhabe. Das Porträt des chinesischen Ehrgeizlings, der im Pitt Club um Aufnahme wirbt, wirkt allerdings wie eine protokollarische Pflicht. Auch der schwule Underdog, der über das Boxen Anerkennung findet, tendiert zur Klischeefigur. Auf der Höhe der Zeit ist dagegen der versnobte Josh, der seine Biederkeit mit Four-Letter-Words abfedert. Der Verzehr von Massenfleisch empört den Unternehmersohn aus ethischen Gründen. Das gilt selbstverständlich nicht für das hauchzarte Rinderfilet, das er bei exakt 58 Grad aus dem Backofen zieht. Und auch das muss erwähnt werden: „Wie geil ist bitte Butter?“

          Über eine Kunststudentin und ihren Vater, einen zynisch-charismatischen Banker, wird Hans Schritt für Schritt an den Klub herangeführt. An der Tochter, Charlotte, liebt Hans die Stirn-, am Daddy die Lachfalte. Doch mit Charlotte stimmt etwas nicht. Genauso wie Hans’ Tante, ihre Doktormutter, überspielt sie innere Verletztheit mit demonstrativer Härte.

          Sieg im Boxring

          Der Sieg im Boxring verschafft Hans Einlass zum Arkanbereich, dem Schmetterlings-Club, und bringt ihn hautnah an den Ort des Verbrechens. Hier hat er nun seinen persönlichen Goldstaub-Moment als strahlender Held und Retter. Auf dem Höhepunkt des Geschehens opfert Würger die Psychologie leider der Drastik. Hans verzeiht sanftmütig, bleibt aber gelassen, wenn andere kaltblütig Rache nehmen. Die Dunstzone, in der Flirts in Kontrollverlust und Machtekstase umschlagen, auf der Seite der Opfer paradoxe Schuldgefühle und der Wunsch nach Selbstjustiz wachsen, wird nur halb reflektiert. Immerhin gelingt Würger eine Zeit-Aufnahme: der irritierende Zusammenfall von Sanftmut und Ungerührtheit bei Personen, von denen man dies nicht erwartet.

          Die Sex-Verbrecher werden schließlich in den Orkus geschickt mit schweigender Zustimmung der Opfer. Ethiker, die sich über mehr als den korrekten Fleischverzehr Gedanken machen, mögen sich fragen: Welchen moralischen Wert hat Blutrache? Takis Würger lässt die Metamorphose seines sanften Aufsteigers lieber am sonnigen Süden enden. Der mutige Hans entspannt sich dort in Mussolinis letztem Resort am Gardasee. Federballspielend.

          Takis Würger: „Der Club“. Roman. Verlag Kein & Aber, Zürich 2017. 240 S., geb., 22,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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