http://www.faz.net/-gr3-6y091

Sylvie Schenk: Der Gesang der Haut : Keine Freiheit ohne Sünde

  • -Aktualisiert am

Bild: Picus Verlag

In ihrem Roman „Der Gesang der Haut“ begibt sich Sylvie Schenk in die Welt der Dermatologen und zeigt abermals, dass sie tatsächlich zu den großen Autoren der Gegenwartsliteratur zählt.

          Für den jungen Dr. Viktor Weber ist „die Haut nicht nur ein Sinnesorgan, sondern ein himmlisches Gewölbe“: „Viktor war ein betender Dermatologe.“ Es gehört einige Kühnheit dazu, die Geschichte eines, nein, zweier Dermatologen zu erzählen. Doch die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk ist keine, die Risiko und Eigensinn scheut, das hat sie zuletzt mit ihrem bemerkenswerten Roman „Parksünder“ (2009) bewiesen, in dem sie in die Haut eines unleidlichen Pariser Spitzenbeamten schlüpfte.

          „Der Gesang der Haut“ nun ist mehr als ein ziemlich anderer Ärzteroman: Das Buch stellt die Diagnose eines sanft verlogenen Glaubens an Bürgerlichkeit und Ordnung, auf den man sein Leben tunlichst nicht gründen sollte. Und es tut das auf eine scharfsinnige, witzige, spannende und sprachlich berückend präzise Weise; zudem mit beachtlicher Treue zum Milieu. Was kann auch schiefgehen, wenn man, wie die Autorin, wofür sie sich artig bedankt, einen dermatologischen Ratgeber namens Dr. Lutz Rathschlag hat?

          Manche Anspielungen fallen etwas zu deutlich aus

          Technisch gesprochen, geht es um das Erzeugen, Verwalten und Umleiten von erotischer Energie und die in diesen Prozessen frei werdenden Sprengkräfte. Viktor, der rechtschaffene Arzt aus gutem Frankfurter Hause, ist ein schlichtes Gemüt, er freut sich auf seinen Umzug nach Köln, auf seine erste eigene Praxis, auf seine Freundin Klara, die bald zu ihm ziehen will. Das besondere Interesse, das sein Vorgänger Dr. Gert Gerlach und seine Frau Henrietta ihm, dem ortsfremden Anfänger, und dann auch seiner Klara entgegenbringen, ist zunächst tröstlich, dann lästig und schließlich unheimlich. Gerlach (“Er kicherte ein einsames Kichern und zeigt dabei sein noch intaktes Gebiss“) ist keiner, der leichten Herzens in Pension geht, und seine obsessive Begeisterung für Klaras Gesangstalent scheint nicht ohne Hintergedanken. Vor lauter Entsprechenwollen vergisst der junge Hautarzt mit den magischen Händen, die eigene Haut zu retten.

          Als Paar taugen die Gerlachs nicht zum Spiegelbild, in dem sich junge Liebende als gereifte wiedererkennen möchten. Vielmehr befinden sie sich in einem von gelegentlichen Waffenstillständen unterbrochenen Dauerkriegszustand, er rüde und maliziös, sie - aus langjähriger Leidenserfahrung - eifersüchtig. Auch die vertrauliche Mitteilung ist eine Waffe: Ein jeder erzählt vom anderen, der sei leider krank; Henrietta spricht von Gerts beginnendem Alzheimer, Gert von Henriettas drohender Demenz. Wenn ein Mann, der seinen Hund Inkognito nennt, außerdem ein sogenanntes dunkles Geheimnis hat, ist man nicht wirklich überrascht. Dass manche Anspielung in diesem Buch unnötig deutlich ausfällt, lässt sich allenfalls bemängeln.

          Die Illusion der Freiheit ohne Sünde

          Angesiedelt irgendwo zwischen Goethes „Wahlverwandtschaften“ und Ian McEwans „The Comfort of Strangers“, fügt „Der Gesang der Haut“ dem zweiachsigen Modell der beiden Paare eine weitere Person hinzu. Wie eine griechische Schicksalsgöttin heißt sie Moira, ist jung, schwarz und schön und dreht einen Dokumentarfilm über die Haut, weshalb sie ursprünglich am alten Dr. Gerlach dran ist, um bald seinen jungen Kollegen ins Visier zu nehmen; Klara, die für Gerlach (natürlich) Schumann singt und bald keine Musiklehrerin mehr sein will, driftet aber ohnehin langsam von ihrem Verlobten weg. Eingeschoben zwischen den „regulären“ Kapiteln, die aus wechselnden Perspektiven erzählt werden, kommt Moira als Ich-Erzählerin zu Wort und kommentiert sarkastisch die Story post festum.

          Als die fleischgewordene Versuchung raubt sie Viktor die Illusion, Freiheit sei ohne Sünde zu haben: „Freiheit ist die Sünde an sich, sollen wir draußen eine rauchen? Ich rauche nicht, sagte Viktor. Kein Problem, ich bringe es dir bei, man soll mindestens eine Zigarette am Tag rauchen, als homöopathische Dosis gegen die Krankheit Intoleranz, die jeden Menschen irgendwann befällt.“

          Raffinesse und Aggression

          Am Ende gipfelt die psychologische Engführung in Sylvie Schenks kunstvoller Fuge in einem Scherbenhaufen, der seinen Schrecken jedoch bald verliert: „Du bist raus aus deinem kleinen Leben, deiner schön aufgeräumten und satten Welt, weit weg von deinen lauernden Gewissensbissen und der Zwangsjacke der Familie.“ Aber einer, der Viktor heißt, kann in der Literatur nicht ganz untergehen.

          Zwei Strophen aus Chamissos von Schumann vertontem Zyklus „Frauenliebe und -leben“ bilden das eine Motto dieses raffinierten Romans, das andere stammt von Roland Barthes und heißt übersetzt: „Der Eifersüchtige leidet vierfach: weil er ausgeschlossen ist, weil er verrückt ist und weil er gewöhnlich ist.“ Vierfach? Bei Barthes steht noch: weil er aggressiv ist. Gerade die Aggression spielt für den Ausgang der Geschichte eine Rolle. Und wenn „Der Gesang der Haut“ für Sylvie Schenk nicht endlich das Eintrittsbillet in die Club-Lounge der deutschen Literatur bedeutet, dann geht es bei der Platzvergabe nicht mit rechten Dingen zu.

          Sylvie Schenk: „Der Gesang der Haut“. Roman. Picus Verlag, Wien 2011. 240 S., geb., 19,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Der gefallene Held vom Majdan

          F.A.Z.-Leser helfen : Der gefallene Held vom Majdan

          Familie war für Roman lange Zeit nur ein Wort ohne Bedeutung. Mit zwölf Jahren riss er von zu Hause aus, hauste auf der Straße. Im Kinderheim „Our Kids“ muss er mühsam lernen, Kind zu sein.

          Neues Deutsches Fernsehen Video-Seite öffnen

          „4Blocks“ und Co. : Neues Deutsches Fernsehen

          Mit einem Jahrzehnt Verspätung beginnt auch in Deutschland das Zeitalter ambitionierter Serien. Der Wille, Geschichten zu erzählen, die auch internationales Publikum finden, ist groß wie nie. Aber haben deutsche Serienmacher dafür auch genug Freiheiten?

          Topmeldungen

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.

          La République en marche : Das Ende der großen Euphorie

          In der Bewegung En marche wächst der Unmut. Parteimitglieder beklagen autoritäre Strukturen und drohen mit dem Austritt. Auf dem Parteitag in Lyon will Präsident Macron die Wogen glätten. Kann das gelingen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.