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„Swing Time“ von Zadie Smith : Sie gab ihm Sex – er gab ihr Klasse

Musikalischer Meilenstein und 1927 eines der ersten Broadway-Musicals mit einem Ensemble weißer und schwarzer Tänzer: „Show Boat“ in der Verfilmung aus dem Jahr 1951 Bild: Allstar/MGM

Zadie Smiths neuer Roman schildert eine Mädchenfreundschaft – und erzählt von Aufbrüchen, verpassten Chancen und dem Tanz als universeller Sprache.

          Schon als Kind ist sie vom Tanzen fasziniert. Und obwohl sie Plattfüße und kein Talent hat wie ihre beste Freundin aus der nachbarlichen Sozialwohnung, geht sie mit dem gleichen Elan zum Tanzunterricht wie Tracey. Nachmittagelang hocken die beiden Mädchen vor dem Fernseher und träumen sich in alte Musicals, „42nd Street“, „BroadwayMelodie 1936“ und die aktuellen Videos von Michael Jackson. Zadie Smiths neuer Roman, benannt nach dem Musikfilm „Swing Time“ mit Fred Astaire und Ginger Rogers, über die Katherine Hepburn einst sagte „Sie gab ihm Sex, er gab ihr Klasse“, rollt eine Lebensgeschichte in der Rückschau auf. Die namenlose Erzählerin, inzwischen in ihren Dreißigern, findet sich nach einem Leben, das sie jahrelang durch die Welt jetten ließ, plötzlich allein und ratlos in London wieder. Noch immer ist sie vom Tanz begeistert, seiner universellen Sprache, die Geschlecht, Klasse, ja sogar Zeit zu überwinden scheint.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Geschichten, die das belegen, hat sie immer verschlungen, etwa jene, dass der Stepptanz einst erfunden worden sein soll, als Sklaven und ihre irischen Bewacher gemeinsam auf den Schiffen im Takt wippten. Auf die Naivität dieses Gedankens macht sie erst ein Studienfreund aufmerksam. Und auch die Legende, dass Fred Astaire einst Michael Jackson bekniete, ihm den Moonwalk beizubringen, betrachtet sie heute in einem anderen Licht. Denn wenn der Tänzer „keine Zeit kennt und keine Generationen“, sondern sich „für immer und ewig durch die Weltgeschichte“ bewege, auf dass ihn jeder Tänzer zu jeder Zeit erkennen könne, warum ließ Michael Jackson dann seine Haut bleichen? Und senkte auf der Couch von Oprah Winfrey verschämt den Blick, als die ihn darauf ansprach? Auch der Tänzer steht niemals außerhalb von Zeit und Raum.

          Anhand einer Mädchenfreundschaft, die manchen Leser an die erfolgreiche Tetralogie der Italienerin Elena Ferrante erinnerte, kreist der fünfte Roman von Zadie Smith aufs Neue um Themen, die sie seit jeher umtreiben: Woher stammen wir? Welche Chancen tun sich auf, das eigene Milieu zu verlassen? Sollte man überhaupt danach streben? Welche Bedeutung kommt Hautfarben im einundzwanzigsten Jahrhundert zu?

          Gedanken eines erinnernden Ichs

          Bei aller inhaltlichen Nähe hat die einundvierzigjährige Britin in „Swing Time“ literarisch eine neue Form gewählt. Erstmals lässt sie eine Protagonistin in der Ichform erzählen. In der geschmeidigen Übersetzung von Tanja Handels folgen wir diesen Erinnerungen an die Arbeitergegend im Londoner Nordwesten, dem auch die Autorin entstammt, über die Studienjahre und ersten Gehversuche in der Berufswelt, bis sich der Erzählerin eine vermeintlich große Chance auftut: Sie wird Assistentin eines weltberühmten Popstars, der, unschwer zu erkennen, dem Vorbild von Madonna nachempfunden ist. Zadie Smith lässt ihre Protagonistin aber nicht etwa chronologisch erzählen, vielmehr folgt das fiktive Memoir den assoziativen Gedankenströmen eines erinnernden Ichs, das mal ins London der achtziger Jahre schweift, um sich im nächsten Kapitel in der jüngeren Gegenwart New Yorks wiederzufinden oder in einem westafrikanischen Dorf.

          Zadie Smith
          Zadie Smith : Bild: AP

          Über mehr als sechshundert Seiten liest sich das leicht wie ein Swingklassiker. Das Buch wurde prompt für den britischen Booker Prize nominiert und von Kolleginnen wie Taiye Selasi hoch gelobt. Die zahlreichen Reminiszenzen an die Musical- und Tanzgeschichte ziehen sich als musikalisches Leitmotiv durch den gesamten Roman, so dass man während der Lektüre immer wieder Lust bekommt, den Laptop aufzuklappen, um sich die Tanzeinlagen bei Youtube im Original anzuschauen.

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