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Roman von Sven Regener : Kreuzberger Nächte sind Kunst

Am Fenster (wie ein Lied der DDR-Band City heißt): Sven Regener hält gelassen Ausschau Bild: Martin Lengemann/laif

Vor über sechzehn Jahren erschien „Herr Lehmann“ von Sven Regener auf der Bildfläche. Seitdem kamen immer weitere Berlin-Romane dazu. Kann das schon wieder gut gehen?

          Die Lehmann-Trilogie geht vollends aus dem Leim, so langsam kommt man nun doch etwas durcheinander: Gehört das neue Buch überhaupt noch dazu, obwohl es gar keine Hauptfigur mehr gibt, und, wenn ja, an welche (handlungs-)chronologische Stelle? An die erste gehört „Neue Vahr Süd“ (2004), an die zweite „Der kleine Bruder“ (2008), dann kommt „Herr Lehmann“ (2001), der die ganze Sache ins Rollen brachte, schließlich, mit einer aus den Kulissen sanft ins Rampenlicht gezogenen Titelfigur und handlungstechnisch weit in die Neunziger katapultiert, „Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt“ (2013), das war der vierte Streich, mit dem schon keiner mehr gerechnet hatte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Und der fünfte, „Wiener Straße“, folgt jetzt, im Regener-typischen, bedächtigen Abstand von drei, vier Jahren, und nimmt die Mitte ein, indem er an ein paar Tagen im November 1980 spielt, natürlich wieder in Kreuzberg. Wie viele Berlin-Romane will Sven Regener eigentlich noch schreiben? Es wurde weiß Gott schon viel gesagt und geredet von und über Frank Lehmann, Karl Schmidt, Marko, Erwin Kächele, Chrissie, P. Immel, H. R. Ledigt und wie sie alle, zum Teil sehr witzigerweise, heißen. Aber das „Thema“ ist noch nicht erschöpft, obwohl sich das Personal vom Café Einfall und der ArschArt-Galerie nicht wegbewegt.

          Der Reiz liegt in der Abwandlung

          Die Handlung setzt ein, als Erwin Kächele, Eigentümer des Café Einfall, sein Geschäftsmodell erweitern will, dabei aber seine Mieter loswerden muss, weil seine Frau schwanger ist. Frank Lehmann macht sich als Putzmann nützlich, es muss auch allerhand renoviert werden. Unterdessen ist der Rest der Bagage damit beschäftigt, die ArschArt-Galerie mit dreistem Dilettantismus als Kunstzentrum zu etablieren. Die dort herumlungernde Hausbesetzerszene ist nur Attrappe, wird aber in dem Moment selbst Kunst, in dem das ZDF mit einem Kamerateam anrückt. Nicht nur sorgfältig geplante Installationen und Performances gewinnen also Kunststatus, sondern auch alltägliche Gegenstände und Momente, die, eingefroren zu einem Bild, aus dem Fluss des Lebens herausgehoben sind.

          Sven Regener: „Wiener Straße“. Roman. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2017. 296 S., geb., 22,– .

          Der Reiz dieser nun wieder auf engstem Raum spielenden Geschichte liegt in der Abwandlung des Bekannten. Regener, dieser Meister des auf kunstvolle Weise kunstlos wirkenden Dialogs, hat sein Erzählverfahren weiter verfeinert. Ohnehin dürfte sich die Frage, wie viele Teile noch folgen, mit der Lektüre erübrigt haben. Das weiß nur Regener, der drauf und dran ist, Gerhard Henschels unendlicher Geschichte um Martin Schlosser (F.A.Z. vom 29. April) etwas Vergleichbares an die Seite zu stellen. Während aber der an Kempowski ausgerichtete Henschel auf einen einzigen, nun schon veritable ProustDimensionen annehmenden Generationen-, Familien- und vor allem Bildungsroman aus ist, der freilich auch nur langsam von der Stelle kommt, begnügt Regener sich mit mikroskopischen Charakter- und Milieustudien, in denen die Zeit zuweilen nahezu stillzustehen scheint.

          Die Frage nach der Kunst

          Genauigkeit, nicht die szenische Raffung oder Auslassung, war deswegen von Anfang an oberstes Gebot für ihn. Der Lehmann-Kosmos ist voll mit Sprachlektionen, die dem nachsichtigen Leser pedantisch vorkommen mögen.

          Aber es steckt mehr dahinter, das merkt man in der „Wiener Straße“ in der lustigen zweiten Szene, in der sich H. R. Ledigt, der von seinen Kumpels aus Versehen im Baumarkt zurückgelassen wurde, dort eine Grabgabel und eine Kettensäge kaufen will und dabei einen Verkäufer und eine Kassiererin in ein Gespräch verwickelt, das es an geradezu quälender Spitzfindigkeit mit Loriots Parkplatzsketch „Die Politesse“ aufnehmen kann: „Bloß weil ich eine Kettensäge will, heißt das ja nicht, dass ich keine Grabgabel halten darf, da besteht doch überhaupt kein Zusammenhang, guter Mann!“

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