17.11.2006 · Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz soll erklärt haben, die „Festung Suhrkamp“ sei uneinnehmbar. Claus Grossner, der sich in die Geschäftsführung eingekauft hat, sieht das ganz anders: ein Besuch bei dem Mann, der die Witwe des Verlagsgründers herausfordert. Von Eberhard Rathgeb.
Von Eberhard RathgebAm Dienstag, dem 14. November, um 16 Uhr 52 gehen in der Villa von Claus Grossner die Lichter an. Die Villa liegt an der Elbchaussee. Manche meinen, das sei eine wunderbare Adresse (für die Reichen). Tatsächlich ist die Elbchaussee eine stark befahrene, wenn auch nur einspurige Straße, an der man, wenn man Kinder hat, nicht unbedingt wohnen möchte. Am Freitag vergangener Woche war Claus Grossner wie eine Rakete in die Feuilleton gestoßen, als bekannt wurde, daß er und der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach in den Besitz von Anteilen des Suhrkamp und des Insel Verlages gekommen sind (siehe: Der Bruch im Suhrkamp Verlag).
Die einen in Hamburg sagen, Grossner sei eine windige Figur, die anderen sagen, er sei ein hochintelligenter Einzelgänger. Die einen sagen, er habe gar kein Geld, die anderen sagen, er habe viel Geld. Die einen sagen, er werfe sich an Prominente ran, die anderen sagen, er sei ein ruheloses Kontaktgenie. Grossner sagt, er habe nach der Wiedervereinigung die Eco-Stahl AG gerettet. Grossner sagt, er habe fünfzig Projekte bei der Europäischen Union durchgeführt. Grossner sagt, er mache „Brain-Konzepte“ und lasse andere arbeiten.
Habermas: Es ist entsetzlich
Am Dienstag vormittag gegen 10 Uhr erklärt Joachim Unseld, der Sohn des vor vier Jahren verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld (unter seiner Regie war die Suhrkamp-Welt noch in Ordung), daß er in dieser ganzen Angelegenheit erst einmal keinen Kommentar abgeben werde. Der Startheoretiker und ehemalige Berater des Verlages Jürgen Habermas meint am Telefon nur, daß er nichts sagen könne (Erinnern Sie sich an Claus Grossner? Sie haben ihm mal in den sechziger Jahren einen offenen Brief geschrieben), daß entsetzlich sei, was er in der Presse über die Verlagsgeschehnisse gelesen habe.
Ich stehe an der Elbe und sehe, wie ein Flugzeug auf der Landebahn für den Airbus, die der Grossner-Villa gegenüber am anderen Ufer liegt, landen möchte. Ein Versehen! Das merkt der Pilot in letzter Sekunde auch, reißt die Maschine hoch und fliegt davon, hoffentlich zum richtigen Flugplatz (in Fuhlsbüttel). Kurz darauf klingle ich an der Tür der Villa, die schräg gegenüber der Rudolf-Steiner-Schule Nienstedten liegt. Auch der Anthroposoph Rudolf Steiner galt und gilt manchen (auch in Hamburg) als eine windige Figur.
Ein Fahrrad, kein Auto
Im „Hamburger Abendblatt“ taucht Claus Grossner immer wieder auf, so wie er immer wieder bei den Theaterpremieren auftaucht. Zuletzt sah man ihn im „Abendblatt“, weil er den Weltzukunftsrat, ein Gremium aus Prominenten, die sich zu Sozial-, Wirtschafts- und Umweltfragen äußern wollen, mit nach Hamburg geholt habe. Zum Weltzukunftsrat gehört der Physiker Hans-Peter Dürr. Vor der Villa steht ein altes Fahrrad, kein dickes Auto.
Der Physiker Hans-Peter Dürr (Sie kennen den doch?) sei gerade hier gewesen, sagt Grossner. Er zeigt auf eine Wandtafel mit den Schlagwörtern „Wissen - Weltethos - Weltzukunft“. Auf dem Tisch liegen Papiere, Fotos, Bücher, darunter die amerikanische Originalausgabe von Thomas Friedmans Buch „Die Welt ist flach“, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das soll ein gutes Buch sein, sagt Grossner. (Ich schüttle den Kopf.) Grossner sagt, einmal sei Ulla Unseld-Berkéwicz, die Witwe und Suhrkamp-Verlegerin, auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt: Herr Grossner, bin ich Ihnen zu spiritistisch?
Ein Haus als Arbeitsterritorium
Grossner ist hochgewachsen, schlank. Er ist einen halben Kopf größer als ich, also schaue ich immer etwas hinauf. Wir gehen in den Garten, er zeigt mir Kunstwerke, eine vierhundert Jahre alte buddhistische Platte. Drinnen an den Wänden hängen Bilder (Originale, ich vergesse sofort alle Namen), auch chinesische Zeichen, das ganze Haus ist ein Arbeitsterritorium. Grossner hat weder Frau noch Kind. Er stammt aus einer einfachen protestantischen Familie.
Können Sie Chinesisch? Er antwortet auf chinesisch (wenn es denn Chinesisch ist, ich kann kein Chinesisch). Er sagt, das habe er in Heidelberg während des Studiums gelernt. Er habe einem Chinesen Hegels Rechtsphilosophie beigebracht, der Chinese habe ihm beim Chinesischen geholfen. In Heidelberg hat er Theologie und Philosophie studiert. Dann sei er an die Gregoriana in Rom gegangen. Grossner spricht italienisch weiter. Er wirkt rastlos, sympathisch, zupackend, intelligent, egozentrisch, einsam, egomanisch, hilfsbereit, unkonventionell. So wie einer, der für Ideen durchmarschieren kann. So wie einer, der von seiner ganzen Statur her nicht in fremdbestimmte Arbeitszusammenhänge paßt. So wie einer der Intellektuellen, die nicht durch die Institutionen gegangen sind, die nicht dort steckengeblieben sind. So wie einer, der sich selbst etwas aufbauen mußte. Sein Büro nennt sich Großforschungs- und Informationsbureau.
Ein Treffen mit Barlach, Conradi und Joachim Unseld
Morgen, sagt er, werden hier Hans Barlach, Arnulf Conradi und Joachim Unseld zusammensitzen. Siegfried Unseld hat seiner Frau Ulla Berkéwicz den Verlag vermacht. Der Vater und der Sohn gingen im Streit auseinander. Arnulf Conradi hat zuletzt den Berlin Verlag gegründet und geleitet. Hans Barlach ist der Enkel des Künstlers Ernst Barlach und Verleger der Hamburger „Morgenpost“.
Joachim Unseld ist Gesellschafter des Suhrkamp Verlages (20 Prozent), ebenso wie die Volkart Holding in der Schweiz (29 Prozent), deren Vorsitzender Andreas Reinhart ist, und Siegfried Unseld beziehungsweise seine Frau Ulla Berkéwicz (51 Prozent). Reinhart hatte einmal 50 Prozent gehabt, 1999 hat er 21 Prozent an Unseld verkauft, der im Oktober 2002 starb. Seit Unselds Tod rumort es im Verlag.
Zahlreiche Bücher und Artikel
Grossner redet ohne Unterlaß. Er ist ein Ziehsohn von Marion Gräfin Dönhoff, der legendären Journalistin und Herausgeberin der „Zeit“. Die einen in Hamburg sagen, daß die reichen Hamburger zu Grossners Abendveranstaltungen nur gehen, weil „die Gräfin“ da auch war. Er selbst erzählt Geschichten von einem kleinen einflußreichen Zirkel um die Gräfin, bei dem er als „Youngster“ mit von der Partie sein durfte. Als „Youngster“ sei er durch die Vereinigten Staaten gereist und habe sich alle wesentlichen Forschungseinrichtungen angeschaut. Geld habe er früh mit seinen Büchern verdient (sie liegen in einer Ecke auf dem Boden) und mit seinen Artikeln (alle im Keller), zahlreiche sind in der „Zeit“ erschienen, große Berichte (unter anderem über Zukunftsforschung) auch im „Spiegel“. Es habe schon damals, sagt er, keinen wichtigen Kopf gegeben, den er nicht sprechen konnte.
Andreas Reinhart kam mit Ulla Unseld-Berkéwicz nicht zurecht. Nach dem Tod Unselds hatte die Witwe ihr Verlagserbe in eine Familienstiftung gesteckt. Ein Stiftungsrat wurde berufen, in dem unter anderen Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge und Adolf Muschg saßen. Der Stiftungsrat trat nach zwanzig Monaten zurück (siehe: Suhrkamp-Stiftungsrat legt Mandat nieder). Warum? Die Witwe hatte den Vorsitz der Geschäftsführung übernommen und die Kompetenzen eines anderen Geschäftsführers beschnitten, der daraufhin den Verlag verließ. Die Mitglieder des Stiftungsrats erklärten, sie würden sich mit schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert sehen, „die ohne unsere Mitwirkung und gegen unseren Rat gefallen sind. Es geht dabei nicht um Personen, sondern um die Leitungsstruktur des Verlages.“
Das geht jetzt ganz schnell
Grossner sagt, es geht jetzt, wo Barlach und er im Boot sind, erst einmal nicht um das Programm, sondern vor allem um die Art, wie die Geschäfte eines bedeutenden Verlages geführt wurden und geführt werden. Joachim Unseld und Andreas Reinhart seien durch die Querelen im Haus gleichsam paralysiert gewesen und hätten ihre Rechte deswegen nicht wahrgenommen. Das wird nun anders, das geht jetzt ganz schnell, sagt Grossner und wischt mit seiner Hand kurz und schnell über den Tisch wie mit einer Sense.
Reinhart hat in der vergangenen Woche bekanntgegeben, daß er die Volkart Holding in zwei Teile geteilt hat. Zum einen Teil gehören die Suhrkamp- und Insel-Anteile, und für diesen Teil hat er als neue Gesellschafter Grossner und Barlach gewonnen. Dieser Teil erhielt den neuen Namen „Medienholding Winterthur AG“. Grossner sitzt ganz entspannt da, sagt, daß er „Beißhemmungen“ habe, aber es werde schlimm enden, wenn die Witwe nicht zu einem Gespräch bereit sei. Der Verlag werde „implodieren“. Sie würden sich alles, was die Geschäftsführung betrifft, vorlegen lassen. Grossner ist sich seines Erfolges sicher. (Wird Suhrkamp einmal in der Schlagwortwelt von „Wissen - Weltethos - Weltzukunftsrat“ auftauchen, stand der Name vielleicht schon auf der Tafel?)
Das hat alles einen Hintergrund
Plötzlich rennt er los und sagt über die Schulter: Kommen Sie mit. Ich renne hinter ihm die Treppe hinauf. (Sein biologisches Alter sei 41 Jahre, sagt er oben.) Wir eilen durch die Räume (kein Plüsch, kein Teppich, keine Bequemlichkeiten), er zeigt mir Bilder, Bücher und den Konferenztisch mit den harten Stühlen (er sagt: harte Stühle). Er rennt in die Toilette. Dort hängt er ein Bild ab, dreht es herum und sagt: Auch von der Gräfin, zeigt die Unterschrift. Er zieht aus einem Bücherregal einen Band einer Religionsenzyklopädie heraus, zeigt mir die vielen bunten Unterstreichungen (Kugelschreiber), meint: Damit Sie sehen, daß das alles einen Hintergrund hat.
Am Mittwoch abend erklärt der Suhrkamp Verlag in einer Pressemeldung, daß die Aktion von Reinhart ein „durchsichtiger Umgehungstatbestand“ sei, der ohne die Zustimmung der Familienstiftung erfolgt sei und vor deutschem Recht nicht bestehen werde (siehe: Suhrkamp will neue Gesellschafter nicht akzeptieren). Hans Barlach sagt darauf im Fernsehen, die Witwe sei mit der Verlagsführung überfordert, sie solle ihr Amt abgeben, der Holdingwechsel unterliege Schweizer Recht.
Wird Conradi Verleger bei Suhrkamp?
Grossner hatte vor Tagen Arnulf Conradi, den er seit vielen Jahren kennt, auf Sylt angerufen, Conradi sei dort beim Vögelbeobachten gewesen. Der langjährige Verleger Conradi soll Chefberater der neuen Gesellschafter werden. Wahrscheinlich wird Conradi auch einmal Verleger des Suhrkamp Verlages werden, ein Szenario, das auch in der Branche schon aufgetaucht ist.
Claus Grossner, der Suhrkamps Erbe retten möchte, macht die Lichter aus, rennt wieder nach unten. Er hat noch einen Termin bei einem der Geschäftsführer der „Zeit“, wo er, der Ziehsohn der Gräfin, ein- und ausgehen soll, wie man erzählt. Er sei, sagt er auf der Fahrt in die Innenstadt, „ein absoluter Oberprofi in Sachen durchsetzen“ - und verschwindet im Pressehaus. Wenn die Sache mit den Anteilen in der Schweiz entschieden wird, dann wird es in Frankfurt eng werden.
Donnerstag vormittag: Ich möchte mit Frau Unseld-Berkéwicz sprechen. Statt dessen ruft ihr Verlagssprecher Thomas Sparr an. Sie wollten mit Frau Unseld sprechen? fragt er. Und weiter: Woher haben Sie überhaupt die Telefonnummer? Das ist eine Privatnummer. Wir werden alle Nummern neu machen lassen. Was wollten Sie Frau Unseld fragen? - Ich: Ob Frau Berkéwicz-Unseld (jetzt bloß keinen Fehler machen, denke ich, sonst ist alles zu Ende, nach der Nummer mit der Nummer, etwas Persönliches vielleicht, nun:) Ob Frau Berkéwicz sich als Frau von Männern umstellt fühlt? (Auweia, wie grottenschlecht formuliert, aber wenigstens: Frauenthema, Frauen und Macht, ein Jahr Bundeskanzlerin Angela Merkel - kann das ein falscher Weg sein? Es ist der falsche Weg.) Über Gefühle reden wir ein andermal, sagt Sparr. Wir hängen ein.
Was bleibt vom Suhrkamp Verlag? Das Schweizer Aktienrecht.
Suhrkamp 2002 - 2006
Siegfried Unseld stirbt im Oktober 2002, seine Frau Ulla Unseld-Berkéwicz wird Verlegerin.
Ende 2003 verläßt Günter Berg, einer der Geschäftsführer, den Verlag (siehe: Günter Berg verläßt Suhrkamp). Daraufhin tritt der Stiftungsrat zurück (siehe: Suhrkamp-Stiftungsrat legt Mandat nieder). Zwei Monate später verläßt der für die neuere Literatur zuständige Lektor Thorsten Ahrend den Verlag (siehe: Lektor Ahrend verläßt Suhrkamp).
Der Schriftsteller Martin Walser wechselt Anfang 2004 zum Rowohlt Verlag (siehe: Martin Walser wechselt zu Rowohlt). Ihm folgen der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész.
Anfang 2006 wird Georg Rieppel, zuständig für Vertrieb und Marketing, nach nur eineinhalb Jahren bei Suhrkamp entlassen (siehe: Kritik der merkantilen Vernunft: Suhrkamps Kurs). Im Juli 2006 verläßt Programmleiter und Mitgeschäftsführer Rainer Weiss den Verlag (siehe: Suhrkamp-Programmgeschäftsführer kündigt fristlos). In der Geschäftsführung verbleiben Ulla Unseld-Berkéwicz als Verlegerin und Programmleiterin sowie der Kaufmann Philip Roeder.
Eberhard Rathgeb Jahrgang 1959, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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