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: Stundenweiser Horror

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Im Hintergrund spielt "Go Away Little Girl" vom Orchester Percy Faith. "Natürlich hört niemand zu." Eine junge Frau, vermutlich Erstsemester, sitzt nachts in einem der austauschbar anonymen Restaurants der "Denny's"-Kette und liest. Eine Szene wie aus einem Bild von Hopper, wäre die Beleuchtung nicht so seelenlos, und wäre der Laden nicht fast voll besetzt.

          Im Hintergrund spielt "Go Away Little Girl" vom Orchester Percy Faith. "Natürlich hört niemand zu." Eine junge Frau, vermutlich Erstsemester, sitzt nachts in einem der austauschbar anonymen Restaurants der "Denny's"-Kette und liest. Eine Szene wie aus einem Bild von Hopper, wäre die Beleuchtung nicht so seelenlos, und wäre der Laden nicht fast voll besetzt. Eine Spätherbstnacht im Vergnügungsviertel einer Großstadt, es könnte Shibuya in Tokio sein. Auf tritt ein schlaksiger junger Mann mit Posaunenkasten, der das lesende Mädchen anspricht. Mari heißt sie, die jüngere Schwester von Eri. Jene war seine Klassenkameradin, ungewöhnlich hübsch und mit dem Zeug zum Model. Der junge Mann bestellt sich Hühnchensalat. Aus der kurz angebundenen Mari wird er nicht recht schlau. Warum sie allein in der Stadt herumhängt, jetzt, wo kein Zug mehr fährt, verrät sie ihm ebensowenig wie ihre Lektüre. Vielleicht kann er sie aber gegen fünf Uhr morgens noch einmal hier treffen, wenn er nach seiner Probe mit der Band wieder Hunger hat. Inzwischen hören wir "The April Fools" von Burt Bacharach.

          Haruki Murakamis neuer Roman, 2004 in Japan, nun in deutscher Übersetzung erschienen, breitet einen Teppich von BGM - wie man die allgegenwärtige Hintergrundbeschallung in Japan nennt - unter seiner Story aus. Wir kennen das schon aus anderen Werken. Diesmal liefert ein Stück - "Five Spot After Dark" mit dem Posaunisten Curtis Fuller - sogar den Titel des Buchs. "Afterdark" ist aber vor allem visuell angelegt. Man hat das Gefühl, als Leser zum Kameraauge gemacht zu werden: von der nächtlichen Vogelschau über die pulsierende Stadt, die sich über das Leuchtreklamen-Meer des Vergnügungsviertels auf das lesende Mädchen einzoomt, bis zu einer weiteren Filmtotalen am Ende, die schließlich auf zuckenden Gesichtszügen in einem engen Zimmer endet. Von Beginn an sieht sich der Leser in eine voyeuristische Perspektive gedrängt.

          Schauplatzwechsel. "Es ist dunkel im Zimmer. Aber unsere Augen gewöhnen sich allmählich daran. Im Bett schläft eine Frau. Eine sehr schöne junge Frau. Es ist Maris ältere Schwester Eri. (...) Wir betrachten sie. Oder vielleicht sollten wir sagen, wir stellen einen Blick auf sie. Unser Blick ist zum Auge einer schwebenden Kamera geworden, mit der wir uns frei im Zimmer bewegen können." Für den Rest des Kapitels tastet unser Blick das Zimmer ab. Geheimnisvoll scheint der tiefe Schlaf der jungen Frau zu sein, geheimnisvoll das Flimmern auf dem Fernsehbildschirm.

          Damit ist die Szenerie fixiert: Die Geschichte einer Nacht mit alternierenden Kapiteln von zwei Schwestern - die eine liest, die andere schläft. Und während die Dinge um Mari in Bewegung geraten, so daß sie das "Denny's" zeitweilig verläßt, verlagern sich im Zimmer der schlafenden Schwester die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Virtualität. So wie in anderen Werken des Autors, etwa in "Mister Aufziehvogel" beim Durchgang durch eine Brunnenwand, Übergänge in eine virtuelle Realität stattfinden, beginnt hier die Welt des Zimmers mit der auf dem Bildschirm zu interagieren und in sie überzugehen. Intermedialität ist das Stichwort, das Simulieren, die Verdoppelung von Welten und das Ineinanderübergehen und Verschmelzen verschiedener Bilder, die zeigen, was ist und was zugleich nicht ist. Es fehlen auch nicht zahlreiche Anspielungen aufs Kino.

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