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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Stewart O’Nan: Emily, allein Miss Emily ist ihr eigener Chauffeur

 ·  Mittelstandsdämmerung: Stewart O’Nan erzählt mitreißend und detailversessen von den Abenteuern einer Achtzigjährigen, die sich den einfachsten Fragen in schwierigsten Zusammenhängen stellt.

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Das Banale hat einen schweren Stand in der Literatur. Erst recht, wenn Frauen sich ihm widmen - „Hausfrauenliteratur“ hat man die Bücher der Marlen Haushofer genannt, und Marlene Streeruwitz’ Beschreibungen alltäglicher weiblicher Sorgen und Besorgungen empfinden manche als Zumutung: Wollen wir das alles wirklich so genau wissen?

Wenn der Amerikaner Stewart O’Nan in seinem neuen Roman mit stupender Lust am Detail vom Leben einer alleinstehenden Achtzigjährigen erzählt, dann kommt noch die Bürde des Alters dazu: Betagte Menschen sind in der zeitgenössischen Literatur nicht gerade en vogue; wenn sie vorkommen, dann weil sich ältere Autoren für ältere Männer und ihren Johannestrieb interessieren. Alte Frauen treten selten als Romanheldinnen auf - Friederike Mayröcker und Ilse Helbich („Das Haus“) exponieren eigene Erfahrungen und Martin Walser hat sich in „Der Lebenslauf der Liebe“ eine Siebzigjährige ausgemalt, die einen fast vierzig Jahre Jüngeren heiratet.

O’Nans „Emily, allein“ indes kommt ganz ohne Spektakuläres aus und ignoriert, unberührt vom Talkshow-Business, das Thema Liebe (oder gar Sex) im Alter. Die Witwe Emily Maxwell, deren Leben hier in Zoom-Perspektive aufleuchtet, wohnt mit ihrem alten Spaniel Rufus in einem Vorort von Pittsburgh, der bessere Tage gesehen hat - damals, als ihr Mann Henry und sie das Haus kauften. Heute (vielmehr: im Jahr 2006) sind die Grundstückspreise im Keller und die Nachbarn und Freunde von früher tot. Mittelstandsdämmerung. Die Stadt verändert sich, ganze Viertel verlottern. Emily ist keine, die sich Illusionen macht, auch nicht über sich selbst: „Emily ging allmählich dem Tod entgegen, ja, schön und gut, das galt für sie alle. Wenn Dr. Sayid glaubte, sie sei deshalb am Boden zerstört, zeigte das nur, wie jung er noch war. In Hysterie zu verfallen hatte keinen Sinn. Es war nicht das Ende der Welt, nur ihr eigenes Ende.“

Mit dem Rollenwechsel kommt die Freiheit

Merkwürdig gebannt begleiten wir Emily durch ein Dreivierteljahr ihrer mühevollen Existenz, von November bis Juli: Sensationen des Alltags, Ärgernisse, Unpässlichkeiten, Wortwechsel, Wetterberichte, Begräbnisse. Am Schluss brechen Emily und ihre Schwägerin und Freundin Arlene wie jedes Jahr zum Sommerurlaub in Chautauqua auf, wo sich die ganze Familie trifft.

Das Aufregendste passiert gleich zu Beginn: Beim wöchentlichen gemeinsamen Besuch des superpreiswerten Frühstücksbuffets Eat’n Park kollabiert Arlene über dem Niesschutz und muss ins Krankenhaus. Dort finden die Ärzte nichts, doch für Emily bedeutet die Rolle der fürsorglichen Besucherin die Reaktivierung alter Kräfte. Ohne ihre wenig souveräne Chauffeurin Arlene entdeckt sie ihre Fahrkünste wieder und legt sich einen schnittigen Kleinwagen zu.

Die neue Selbständigkeit erweitert ihren bereits bedenklich eingeschränkten Radius, aber weil Stewart O’Nan weder für Kitsch noch für Lebenshilfe zuständig ist, wird aus Emily deshalb noch kein neuer Mensch. Sie kommt einfach ein bisschen herum, genießt ihre frisch gewonnene Freiheit. Emily ist allein, einsam ist sie nicht. Sie liebt ihre täglichen Rituale, übt sich in Ordnung und Organisation, kocht sich klägliche Mahlzeiten und steht eisern das Programm des Klassikradios durch, wie sie alles eisern durchsteht, mag da auch Schostakowitsch „malträtiert“ werden.

Emily, allein in der Erzählperspektive

Das Alter macht anfälliger für Erschütterungen aller Art. Ein Unbekannter beschädigt Henrys alten Wagen und begeht Fahrerflucht. Das neue Auto bekommt einen kränkenden Kratzer. Ein fremder Geländewagen braust hupend durch die Siedlung, Emily ertappt sich beim Winken. Jemand hat eines Nachts die Zahl „392“ auf ihre Stufe gemalt. Recherchen bleiben ergebnislos, wieder ein Menetekel ohne Sinn.

Die Höhepunkte von Emilys Jahr sind Thanksgiving (da feiert sie diesmal allein mit Arlene), Weihnachten (da kommt ihre Tochter Margaret mit den Enkeln) und Ostern (da kommt ihr Sohn Kenneth mit seinen Kindern, ohne die ihr in herzlicher Abneigung verbundene Schwiegertochter). Den gutmütigen, glücklosen Kenneth und die schwierige Margaret kennen O’Nan-Leser bereits aus dem großen Familienroman „Abschied von Chautauqua“ (2005), der knapp nach Henrys Tod sieben Jahre zuvor alle noch einmal in zähem Unfrieden versammelt, ehe das Haus am Lake Chautauqua, upstate New York, verkauft werden soll. Nur für Rufus, damals schon vierzehn, klappt der narrative Anschluss nicht ganz, er müsste jetzt längst im Hundehimmel sein. Damals hat Margaret noch getrunken, heute ist sie trocken, aber Emily spürt, dass die Versöhnung zwischen ihnen nicht in die Tiefe geht, dass die einst ausgefochtenen Kämpfe in ihnen beiden noch brodeln.

„Emily, allein“ bedeutet auch, dass hier allein der Blickwinkel der Mutter zur Sprache kommt, während „Abschied aus Chautauqua“ auch die Perspektiven der anderen wahrnimmt. Dass Emily alles andere als eine pflegeleichte Person ist, verrät sie uns hier gewissermaßen selbst: streng, aufbrausend, sparsam bis zum Geiz, eine sture Republikanerin und mühsame Perfektionistin, die Wert auf weihnachtliche Dankesbriefe und Valentinskarten legt. Der Erzähler zeigt aber auch mit dezenter Zärtlichkeit, wie es ist, sich überflüssig und unerwünscht zu fühlen, übriggeblieben aus einer anderen Zeit. Emily erinnert sich daran, wie sie selbst ihrer Mutter das Leben schwer gemacht hat. Beim Blättern in alten Alben „fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahestanden, entschuldigen“.

Das schwebende „Wofür leben wir?“

Es ist diese Mischung aus herzbewegender Vergeblichkeit und verzweifeltem Ärmelaufkrempeln, die den einzigartigen Reiz dieses vorgeblich schlichten Romans ausmacht. Der Leser ist Emily so nahe, wie nur irgend möglich, er erlebt, was der Tag ihr zuträgt, sorgt sich mit ihr um Rufus, durchleidet mit ihr eine Grippe, gerät mit ihr ins Grübeln. „So verstrich die Zeit - indem man alles andere durchstand, um das zu tun, was man wollte. Inzwischen fiel kaum noch etwas in diese Kategorie: Ostern, ihr Garten, Chautauqua. Sie dachte, es sollte mehr Dinge geben, für die man lebte.“

Gerade von diesen Dingen, für die man lebt, so alt man auch sein mag, handelt aber dieses Buch. Auf der jährlichen Gartenausstellung im Vorfrühling fällt Arlene und Emily unter all dem üppigen Grün ein kahler Stamm auf, ein Afrikanischer Traubenbaum mit dem pädagogischen Hinweis: „ich bin nicht tot, sondern ruhe bloß“ - ein Emily höchst irritierender Bezug zu ihrer eigenen Lage. Den Penny, den Arlene zu Emilys Missfallen in den Wunschbrunnen wirft, hat die Gefährtin mit dem Wunsch verknüpft, sie beide würden im nächsten Jahr wiederkommen. „Warum war sie so überrascht? Weil sie nicht den gleichen Gedanken gehabt hatte? Oder weil sie nicht glaubte, dass die Chancen dafür besonders gut standen?“ Stewart O’Nan lässt die Antwort in der Schwebe - wie alle schweren Dinge in diesem wunderbar austarierten Werk.

Stewart O’Nan: „Emily, allein“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 380 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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