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Stephen Kings neuer Roman Vergesst nicht euren Bürgerkrieg, er lebt

21.11.2011 ·  In seinem neuen Roman „11.22.63“ kreist Stephen King um den Mord an Kennedy. Der Autor wirft das Wissen über unwirkliche Schrecken in die Schlacht um die politische Seele der Vereinigten Staaten.

Von Dietmar Dath
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Hätte ich mich anders verhalten? Hätte ich angebliche Hexen beschützt, Juden versteckt, protestiert, aufgepasst?

Ein Mann erwacht aus einem bösen Traum. Er gehört nicht hierher. Die Frau, die er liebt, ist bei ihm, versucht ihn zu beruhigen. Sie sagt, er habe im Schlaf gesprochen. Was denn, will er wissen. „Derry ist Dallas“, sagt sie, und dann die Umkehrung: „Dallas ist Derry.“ Wer diese beiden Sätze versteht, weiß, was Stephen King mit dem politisch riskantesten Buch, das ihm bislang eingefallen ist, sagen will. Im Mittelpunkt steht die Ermordung des charismatischen, zu Zweideutigkeiten im Privaten wie im Politischen neigenden Präsidenten der Vereinigten Staaten John Fitzgerald Kennedy am 22. November 1963: Kings Roman heißt nach dem Datum: „11.22.63“. Gemeinsam hat King mit den meisten, die sich zu diesem Mord geäußert haben, dass er in der Wirrnis, die den Fall umgibt, nach dessen politischer und sozialer Bedeutung fahndet.

Ein Loch in der Zeit

Anders als die Mehrzahl der anderen Deuter aber sucht er diese Bedeutung nicht beim Täter oder dessen denkbaren Lenkern, sondern in den Folgen der Tat.

Der Einfall, der ihm das ermöglicht, ist ein phantastischer: Hinter einem Diner in einer Kleinstadt unserer Gegenwart gibt es ein Loch in der Zeit. Wer hindurchgeht, betritt das Jahr 1958 und hat fünf Jahre Zeit, die Schüsse von Dallas zu verhindern. Tun wird das nur, wer glaubt, dass die möglichen erfreulichen Folgen dieser Veränderung die negativen überwiegen. Hier abwägen heißt die Folgen des Kennedy-Mordes beurteilen.

„Vergiss nicht, mein Hauptfach war Englisch“

„Hör mir zu“, sagt der Freund des Ich-Erzählers, der diesen überreden will, die Geschichte zu ändern. „Wenn du Kennedys Leben rettest, glaubst du, dass sein Bruder Robert um zwölf Uhr fünfzehn am Morgen des fünften Juni 1968 im Ambassador sein wird? Und selbst wenn er das wäre, würde Sirhan Sirhan immer noch in der Küche arbeiten? Was ist mit Martin Luther King? Wird er im April 1968 in Memphis sein? Steht er auf dem Balkon des Lorraine Motel, genau zum richtigen Zeitpunkt für James Earl Ray, der ihn erschießen wird? Wenn King am Leben bleibt, finden die Rassenunruhen nicht statt, die auf seinen Tod folgen. Vielleicht gibt es dann keine Simbionese Liberation Army, also keine Entführung von Patty Hearst. Bleibt die aus, dann haben Weiße aus der Mittelklasse danach vielleicht etwas weniger Angst vor Schwarzen.“ Der Held seufzt: „Ich kann dir nicht folgen. Vergiss nicht, mein Hauptfach war Englisch.“

„Du kannst mir nicht folgen“, spitzt der Freund sein Drängen zu, „weil du mehr über den Bürgerkrieg im neunzehnten Jahrhundert weißt als über den anderen, der dieses Land nach Kennedys Ermordung zerrissen hat.“

Ein Lehrer lernt sein Land kennen

„Bürgerkrieg“, sagt King und meint mehrere einander überlagernde Krisen zwischen dem Mord von Dallas und dem Watergate-Skandal: erstens das Auseinanderbrechen der oligarchischen Allianz zwischen jenen nordöstlichen und südwestlichen Eliten, die der im September dieses Jahres verstorbene Politologe Carl Oglesby „Yankees“ und „Cowboys“ taufte und deren Burgfrieden den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht nach 1945 ermöglicht hat. Zweitens den in Vietnam erlittenen Verlust der in zwei Weltkriegen erworbenen öffentlichen Gewissheit, die Vereinigten Staaten könnten in internationalen Konflikten nur auf einer Seite stehen, auf die sich konservative wie progressive binnenstaatliche Kräfte als „die gute“ einigen können.

Drittens die mit wachsendem Gesamtwohlstand der Bevölkerung des riesigen Flächenstaates nicht länger aufschiebbare Erkenntnis, dass die lediglich formell-politische Befreiung der Sklaven nach dem Sieg des Nordens über den Süden das gesellschaftliche Problem des Rassismus nicht gelöst hatte. Und viertens schließlich das aus dem Zusammenwirken der drei anderen Faktoren resultierende günstige Entstehungsmilieu für zahlreiche neue emanzipatorische Bewegungen, die man heute unter dem Kürzel „1968“ zusammenzufassen gewohnt ist.

© Reuters Stephen Kings gesamtes praktisch-poetisches Wissen übers Unwirkliche und dessen Präsenz wie Latenz in Gesellschaft, Politik und Kultur der Vereinigten Staaten wird in „11.22.63“ aufgeboten

Das alles sind große, hochabstrakte Themen aus dem Gemeinschaftskundeunterricht - kein Wunder, dass Kings Ich-Erzähler ein Lehrer ist, der sowohl in der Jugend- wie der Erwachsenenbildung mit rührender Hingabe arbeitet, den Rotstift mit Beginn der eigentlichen Handlung aber weglegen muss, weil er selbst etwas zu lernen hat: über sein Land und darüber, wie es wurde, was es ist. 1958 schmeckt das Root Beer besser als heute, die Autohändler sind lustigere Leute, und der lokale Unangepasste verunsichert seine Mitbürger zwar schon ein bisschen, aber sie fürchten und hassen ihn noch nicht. Geigt King also auf der Nostalgiefiedel?

Einmal sucht der Ich-Erzähler Jake, der sich in der Vergangenheit George nennt, an einer Raststätte im Gestern eine Toilette. Es gibt drei: eine hinter einer Tür, auf der „Ladies“ geschrieben steht, eine zweite für „Men“, auf die dritte aber weist ein unscheinbares Schild hin: „Colored“, Farbige.

Aus dem Heute ins Gestern und zurück

Neugierig folgt George einem schmalen Pfad hinters Gebäude. Er findet giftigen Efeu und ein Brett auf zwei Betonklötzen, über einem dreckigen Bach. Die Stimme des Buches wendet sich daraufhin direkt an die Leser: Falls ihr jemals bei der Lektüre das Gefühl haben solltet, 1958 sei eine schöne Zeit gewesen, „erinnert euch an den Pfad, okay? Den zwischen dem Giftefeu. Und das Brett überm Bach.“

Jake reist mehrmals aus dem Heute ins Gestern und zurück, um sicherzugehen, dass das, was er vorhat, richtig ist. Zur Generalprobe der Kennedyrettung wird der Versuch, die Familientragödie eines schüchternen Menschen zu verhindern, den er aus der Gegenwart kennt. In der Kleinstadt Derry hat dessen Vater damals die Mutter und die Geschwister des Schüchternen getötet. Jake, als George, beobachtet den Täter eine Weile vor der Tat, um den günstigsten Moment zum Eingreifen zu finden. Rasch begreift er, was Leute, die Kings Romane und Erzählungen kennen, schon wissen: Derry ist eine böse Stadt. Die Menschen hier sind tückisch, verschweigen Verbrechen, lieben unsaubere Geschäfte, blenden einander mit oberflächlicher Jovialität und kennen kein Mitgefühl. Der Vater, den George observiert, hätte seine Familie wohl nicht angegriffen, wenn die Stadt, die Straße, die Nachbarn andere gewesen wären. Was sie „böse“ macht, lässt sich aber, muss George lernen, kaum präzise sagen. Spätestens hier denkt man beim Lesen an die Kardinalfrage zeitgeschichtlicher Forschung: Wie konnte geschehen, was geschah? Wussten die Leute nicht, was sie da duldeten?

Wie man Geschichte (nicht) ändert  

George rettet fast alle Familienmitglieder, nur eines der Kinder und der jähzornige Vater sterben. Zurück in der Gegenwart erfährt er, dass sein gehbehinderter Freund das Jahr 2011 nie erlebt hat: Er war wehrtauglich, infolge der nun ja nicht erlittenen Misshandlungen, statt dienstbefreit und ist daher in Vietnam gefallen.

Der Held hat eine Glaubenskrise, aber Al, der Dinerwirt, lässt nicht vom Auftrag ab: „Save Kennedy and everything will change.“ Das stimmt, aber nicht so, wie Al es meint. Kings Metapher für die schlaflose Neugier derer, die das Vergangene nicht loslässt, wird mit bewunderungswürdiger Konsequenz und Sensibilität entfaltet: Dass jede neue Zeitreise die Ergebnisse der alten löscht, ist ein vorzügliches Bild dafür, dass jede Rückkehr zu den Quellen uns zwingt, Meinungen zu überschreiben, die wir das letzte Mal beim Datenstudium erworben haben. Dass der Held in der Vergangenheit seine große Liebe findet und diese Verbindung bald die abstrakte Wichtigkeit der Mission in den Hintergrund rückt, ist ein noch besseres Bild dafür, dass bei der Beschäftigung mit dem, was Menschen tun und sind, Empathie den Vorrang vor Kalkül und Gelehrsamkeit verdient.

Stephen King hat mit „11.22.63“ ein Hauptwerk geschrieben. Sein gesamtes praktisch-poetisches Wissen übers Unwirkliche und dessen Präsenz wie Latenz in Gesellschaft, Politik und Kultur (von Rock ’n’ Roll bis Literatur) der Vereinigten Staaten wird hier aufgeboten, um von etwas ganz anderem zu reden als der guten alten Zeit. Einmal fallen George in Dallas rassistische Parolen auf, die eine Organisation namens „The Tea Party Society“ verbreiten lässt. Das war vor vierzig Jahren. Dass man kurz ins Schwimmen gerät, ob King, der so etwas stets gründlich recherchieren lässt, das Detail gefunden oder sich ausgedacht hat, ist beabsichtigt (nein, die Lösung wird nicht verraten).

In „It“ hat King 1986 seinen erfundenen Monsterspielplatz Derry von allen Horrorgestalten der populären amerikanischen Imagination heimsuchen lassen: Werwölfe, Krakentiere, Vampire, Kinderschänder, Massenschlitzer, amalgamiert zum amorphen, unfassbaren „Es“.

Das Politikum Imagination begreifen

„Derry“, sagt er jetzt, „ist Dallas“: Imaginäre Schrecken sind nichts Abstraktes, sondern in Ort und Zeit verankert, im Sozialen. Aber Dallas ist auch Derry: Was sich Leute vorstellen, was sie träumen und wähnen, schafft selbst Tatsachen im Gesellschaftlichen. Die Imagination, ob nostalgisch oder gruselig, ist ein Politikum.

King sagt: Vielleicht darf, wer nicht anders gehandelt hätte, die Menschen der Vergangenheit wirklich nicht moralisch verurteilen. Aber das exkulpiert niemanden, schon gar nicht die Heutigen. Denn verantwortlich handeln in der Geschichte, sagt „11.22.63“, bedeutet, das Politikum Imagination zu begreifen. Handle so, dass du deine Erben nicht nötigst, dich mit der Ausrede zu rechtfertigen, du habest dir die Folgen deines Tuns nicht vorstellen können.

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