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Stephan Thome: Grenzgang : Vorsicht, die Provinz ist überall

Bild: Verlag

Alle sieben Jahre: Stephan Thome, der heute in Taiwan lebt, hat mit dem Roman „Grenzgang“ über seine oberhessische Heimat ein außergewöhnliches Debüt vorgelegt. Selten hat man das schleichende Scheitern im Leben so faszinierend erzählt bekommen.

          Thomas Weidmann hat es aus der Peripherie bis ins Zentrum, aus der hessischen Tiefebene bis nach Berlin geschafft. Und er wäre dort auch fast Professor geworden, aber eben nur fast. In letzter Minute lässt ihn der übermächtige Institutsleiter fallen, der nun doch den Rivalen Kamphaus favorisiert, mit dem Weidmann sich das Büro im Historischen Seminar teilt. Die Habilitation, an der er seit Jahren feilt, kann er wegwerfen. Er, der stets das Gefühl hat, „nach Weide zu riechen“, geht als Verlierer vom Platz und tritt den ungeordneten Rückzug an. Wohin aber soll er fahren, jetzt, in der Stunde der Niederlage? Die plötzliche Abreise aus Berlin, der noch die telefonische Abservierung der Freundin am anderen Ende der Stadt vorausgeht, führt Thomas Weidmann geradewegs nach Bergenstadt – ausgerechnet in jenen Ort also, in dem er aufwuchs und dem er für immer den Rücken kehren wollte.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das alles liegt viele Jahre zurück. Längst hat die Provinz den Ausreißer zurückerobert, der inzwischen am Gymnasium von Bergenstadt unterrichtet und sich allmählich in das Klischee des alleinstehenden Studienrats verwandelt. Kerstin Werner ist auf andere Weise in dem hessischen Nest gestrandet. In Köln studierte sie einst Tanzpädagogik und hatte große Pläne. Ein eigenes Tanzstudio wollte sie eröffnen. Doch dann nahm sie Ende der achtziger Jahre eine Freundin mit zu einem Fest, das in Bergenstadt alle sieben Jahre gefeiert wird. Anitas Warnung, während des dreitägigen „Grenzgangs“ sei der Ort wie ausgewechselt, schlägt die junge Fremde in den Wind. Kerstin stürzt sich in die Menge, verliebt sich, heiratet, bekommt ein Kind. Auch wenn Kerstin längst wieder geschieden ist, sitzt sie mit hart erkämpfter und leicht ramponierter Würde noch immer in Bergenstadt fest. Ohne Tanzstudio. Dafür steckt ihr widerspenstiger Sohn in einer handfesten Pubertätskrise, während die demenzkranke Mutter, die in Kerstin Werners Haus mit dem großen Garten lebt, keine Sekunde alleingelassen werden darf.

          Wann sind wir gescheitert?

          Was ist geschehen mit all den Lebensentwürfen? Warum und wann sind sie auf dem Weg durch die eigene Biographie auf der Strecke geblieben? Lässt sich dieser eine Moment rückblickend festmachen, an dem sich die Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft in das verfehlte Leben der Gegenwart gewendet hat? So lange fühlten sich die Protagonisten in Stephan Thomes fulminantem Debütroman jung, frei und zuversichtlich, um dann irgendwann um die vierzig plötzlich wie ohnmächtig vor den Trümmern ihrer einstigen Luftschlösser zu stehen. Selten hat man das schleichende Scheitern im Leben so faszinierend erzählt bekommen wie von Stephan Thome, der sich mit seinem ersten Buch „Grenzgang“ auf Anhieb als ernstzunehmender Autor etabliert hat.

          Gerade in diesem vertrackten mittleren Alter, wenn man nicht mehr jung ist, alt aber noch nicht sein möchte, ist die Suche nach Glück besonders tückisch. Das familiäre und berufliche Leben hat längst Zwänge geschaffen, aus denen sich ohne Kollateralschäden kaum ausbrechen lässt. Die Flucht aus der eigenen Biographie ist freilich ein Lieblingsthema der Literatur. Dennoch findet Stephan Thome dafür eine eigene Tonart, so taufrisch wie die Landschaft des gewählten Schauplatzes.

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