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Montag, 13. Februar 2012
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Stephan Thome: Grenzgang Vorsicht, die Provinz ist überall

28.08.2009 ·  Alle sieben Jahre: Stephan Thome, der heute in Taiwan lebt, hat mit dem Roman „Grenzgang“ über seine oberhessische Heimat ein außergewöhnliches Debüt vorgelegt. Selten hat man das schleichende Scheitern im Leben so faszinierend erzählt bekommen.

Von Sandra Kegel
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Thomas Weidmann hat es aus der Peripherie bis ins Zentrum, aus der hessischen Tiefebene bis nach Berlin geschafft. Und er wäre dort auch fast Professor geworden, aber eben nur fast. In letzter Minute lässt ihn der übermächtige Institutsleiter fallen, der nun doch den Rivalen Kamphaus favorisiert, mit dem Weidmann sich das Büro im Historischen Seminar teilt. Die Habilitation, an der er seit Jahren feilt, kann er wegwerfen. Er, der stets das Gefühl hat, „nach Weide zu riechen“, geht als Verlierer vom Platz und tritt den ungeordneten Rückzug an. Wohin aber soll er fahren, jetzt, in der Stunde der Niederlage? Die plötzliche Abreise aus Berlin, der noch die telefonische Abservierung der Freundin am anderen Ende der Stadt vorausgeht, führt Thomas Weidmann geradewegs nach Bergenstadt – ausgerechnet in jenen Ort also, in dem er aufwuchs und dem er für immer den Rücken kehren wollte.

Das alles liegt viele Jahre zurück. Längst hat die Provinz den Ausreißer zurückerobert, der inzwischen am Gymnasium von Bergenstadt unterrichtet und sich allmählich in das Klischee des alleinstehenden Studienrats verwandelt. Kerstin Werner ist auf andere Weise in dem hessischen Nest gestrandet. In Köln studierte sie einst Tanzpädagogik und hatte große Pläne. Ein eigenes Tanzstudio wollte sie eröffnen. Doch dann nahm sie Ende der achtziger Jahre eine Freundin mit zu einem Fest, das in Bergenstadt alle sieben Jahre gefeiert wird. Anitas Warnung, während des dreitägigen „Grenzgangs“ sei der Ort wie ausgewechselt, schlägt die junge Fremde in den Wind. Kerstin stürzt sich in die Menge, verliebt sich, heiratet, bekommt ein Kind. Auch wenn Kerstin längst wieder geschieden ist, sitzt sie mit hart erkämpfter und leicht ramponierter Würde noch immer in Bergenstadt fest. Ohne Tanzstudio. Dafür steckt ihr widerspenstiger Sohn in einer handfesten Pubertätskrise, während die demenzkranke Mutter, die in Kerstin Werners Haus mit dem großen Garten lebt, keine Sekunde alleingelassen werden darf.

Wann sind wir gescheitert?

Was ist geschehen mit all den Lebensentwürfen? Warum und wann sind sie auf dem Weg durch die eigene Biographie auf der Strecke geblieben? Lässt sich dieser eine Moment rückblickend festmachen, an dem sich die Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft in das verfehlte Leben der Gegenwart gewendet hat? So lange fühlten sich die Protagonisten in Stephan Thomes fulminantem Debütroman jung, frei und zuversichtlich, um dann irgendwann um die vierzig plötzlich wie ohnmächtig vor den Trümmern ihrer einstigen Luftschlösser zu stehen. Selten hat man das schleichende Scheitern im Leben so faszinierend erzählt bekommen wie von Stephan Thome, der sich mit seinem ersten Buch „Grenzgang“ auf Anhieb als ernstzunehmender Autor etabliert hat.

Gerade in diesem vertrackten mittleren Alter, wenn man nicht mehr jung ist, alt aber noch nicht sein möchte, ist die Suche nach Glück besonders tückisch. Das familiäre und berufliche Leben hat längst Zwänge geschaffen, aus denen sich ohne Kollateralschäden kaum ausbrechen lässt. Die Flucht aus der eigenen Biographie ist freilich ein Lieblingsthema der Literatur. Dennoch findet Stephan Thome dafür eine eigene Tonart, so taufrisch wie die Landschaft des gewählten Schauplatzes.

Zeitsprünge im Siebenjahresrhythmus

Spannung erzeugt der 1972 geborene Autor durch die literarisch geschickte Montage des Romans. Denn Thome schildert die Ereignisse von Bergenstadt nicht etwa chronologisch. Vielmehr erzählt er stets nur das, was sich an jeweils drei Tagen des „Grenzgang“- Festes ereignet. Dabei springt Thome in seinen Siebenjahresstiefeln so rasant wie ansatzlos durch die Zeiten, dass einem beim Lesen fast schwindelig wird. Insgesamt achtundzwanzig Jahre umspannt der Roman, der erste „Grenzgang“ findet hier 1985 statt, der letzte 2013. Was sich in den Jahren dazwischen ereignet, erfahren wir allein durch die Erinnerungen der Protagonisten. Manchmal ist man deshalb den Figuren in seinem Wissen voraus. Dann wieder zeigen sich – wie in einer umgekehrten Langzeitstudie – schon vorab die Folgen mancher Ereignisse, von denen wir erst viel später erfahren. Aber auch die Ursprünge für manche Taten, etwa Karins tragikomischer Verzweiflungsausflug in ein Bordell oder die Erpressungsversuche ihres Sohnes, treten erst viel später zutage.

Der Grundton dieses Romans ist zweifellos pessimistisch. Die Protagonisten tragen schwer an ihrem Provinzleben, das die Selbsttäuschung nicht zulässt, weil es über den Alltag zwischen Schule, Marktplatz und Bürgerhaus nicht hinausweist, keine Zerstreuung bietet und als Fluchtpunkt nur die gestutzte Hecke des Nachbargartens und die wenigen Straßen kennt, die hier seit jeher und für immer zu existieren scheinen. Dass Thome die Atmosphäre des fiktiven Örtchens, das gesichtslos erscheint wie sein Name, so bezwingend realistisch einfängt, liegt zweifellos daran, dass hierfür der Heimatort des Autors Pate stand. Auch im oberhessischen Biedenkopf, wo Thome zur Schule ging, wird wie im Roman seit Jahrhunderten alle sieben Jahre im August „Grenzgang“ gefeiert. Während des mehrtägigen Volksfests gehen die Biedenköpfer wie in alten Zeiten, als die Ortsgrenzen noch mit Steinen markiert wurden, die Gemarkung, ab, um Verschiebungen zu den Nachbargemeinden zu kontrollieren.

Von Biedenkopf nach Taipeh

Von Biedenkopf an der Lahn zog es Stephan Thome nach Berlin, wo er Philosophie und Sinologie studierte. Von dort reiste er dann häufig nach China. Seit 2005 lebt und arbeitet er nun als Wissenschaftler in Taipeh. Vielleicht musste Thome sich so weit von seinen Wurzeln entfernen, um mit dem verfremdeten Blick vom andern Ende der Welt das Vertraute neu zu entdecken und literarisch zu verarbeiten. Geschrieben hat Stephan Thome seinen Roman tatsächlich in Taiwan. Und es ist erstaunlich, wie präzise er nicht nur die oberhessische Landschaft und die Eigenart ihrer Menschen einfängt, sondern hin und wieder auch das spezielle Idiom der Nordhessen einfließen lässt. Auf einer der letzten Seiten, als wir fast alles schon wissen, springt der Roman wieder zurück in die achtziger Jahre. „Und warum alle sieben Jahre?“, fragt Kerstin da ihre Freundin. „,Na ja“, bekommt sie nach reiflicher Überlegung zur Antwort: „So lange dauert’s halt zwischendurch, gell?“

Stephan Thome: „Grenzgang“. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 453 S., geb., 22,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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