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Steffen Martus: Die Brüder Grimm Talare schätzten sie nicht

12.03.2010 ·  Die große Märchenstunde der deutschen Geschichte: Steffen Martus hat eine umfangreiche Doppelbiographie der Brüder Grimm geschrieben, die souverän die Summe aus der neueren Forschung zieht und durch ihre erzählerische Qualität besticht.

Von Hans-Albrecht Koch
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Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Literaturwissenschaft, dass zünftige Germanisten über einen vermeintlichen Biographismus umso mehr die Nase rümpfen, je erfolgreicher das Genre der Lebensbeschreibung wird. Dabei wird fast immer unterschlagen, dass die Biographie eines Autors zwar keine hinreichende, jedoch eine notwendige Bedingung zum Verständnis seines Werks ist. Oft handelt es sich bei den Biographien heute um Bücher, die von Journalisten verfasst sind, die über eine schmuckere Feder verfügen als die Fachgelehrten. Das galt auch für die beachtliche kleine Grimm-Biographie des Publizisten Hans-Georg Schede (F.A.Z. vom 30. März 2005), die nun freilich in den Schatten eines Opus magnum tritt, in dem der Kieler Germanist Steffen Martus die Lebensgeschichte der beiden bekanntesten und am engsten verbundenen Grimm-Brüder mit hoher Präzision und großer Lesbarkeit schildert.

Zwar hatten schon manche Humanisten – Ulrich von Hutten zur Lutherzeit ebenso wie der Diplomat Melchior Goldast während des Dreißigjährigen Krieges – mit glühendem Interesse den Handschriften zu älteren „Denkmälern“ der deutschen Literatur nachgespürt. Doch erst die Romantik und das wesentlich von Studenten und Professoren bestimmte Aufbegehren gegen Napoleon führten im Kontext eines umfassenden Nationalkonzepts auch zu einer deutschen „Nationalphilologie“, die sich zunächst auf das Mittelalter beschränkte. In der Germanistik – nicht nur in der philologischen, sondern auch in der rechtshistorischen Teildisziplin gleichen Namens – verschmolzen in der Romantik von Anfang an politische Ziele mit wissenschaftlichen: Bis zum Scheitern der Revolution von 1848/49 hofften die meisten frühen Germanisten, diese Ziele in einer liberalen Demokratie verwirklichen zu können. Doch gut zwanzig Jahre später befanden sich die Vertreter des Faches äußerst wohl im nationalkonservativen Reich Bismarcks.

Schwelgerischer Detailreichtum

Über diese ganze Zeitspanne reicht der gemeinsame Lebens- und Arbeitsweg der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Martus’ Doppelbiographie besticht durch ihren schwelgerischen Reichtum der Details, an denen der Verfasser nicht nur die von den Grimms selbst immer wieder beschworene brüderliche Verbundenheit aufzeigt, sondern auch die gar nicht so wenigen, wenn auch dem oberflächlichen Blick verborgenen Verspannungen, die aus Unterschieden in Charakter und Temperament, Arbeitsweise und Lebensführung herrührten. Gerade den Differenzen räumt Martus zu Recht gebührenden Platz ein, wenn er zum Beispiel nicht nur Jacobs Sorgen um Wilhelms Gesundheit schildert, sondern auch die Furcht des Älteren, der kränkliche Bruder möchte durch seine Badekuren allzu leichtfertig das bescheidene Vermögen beider vertun.

Die Geschichtlichkeit des Rechts

1785 und 1786 geboren, wuchsen die zwei ältesten Söhne eines Amtmanns im hessischen Steinau auf und gingen nach Marburg zum Studium der Rechtswissenschaften, das allerdings nur Wilhelm zu Ende führte. Jacob verließ die Universität vorzeitig, um den jungen Rechtsgelehrten Carl Friedrich von Savigny als Hilfskraft nach Paris zu begleiten, wo ihn später König Jérôme mit der Verwaltung seiner Privatbibliothek betraute. Jacob Grimm bewahrte sich jedoch, wie er 1831 in seiner Autobiographie schrieb, „unter dem französischen Rock sein deutsches Herz“. Noch als Privatdozent hatte Savigny die Brüder Grimm mehr als alle anderen Lehrer geprägt. Zielte er in seinen Vorlesungen doch nicht auf die Vermittlung von Stoffmassen, sondern versuchte, „die productive Energie des Schülers methodisch zu beleben und ihn die Wissenschaft selbst ausfinden zu lassen“. Kein Wunder, dass Wilhelm von Humboldt den jungen Savigny bald als Professor an die neue Universität nach Berlin berief. Savigny war es, der die Brüder Grimm die historische Dimension des Rechts sehen lehrte. Schon bald aber ging deren Blick weit über die Rechtsquellen hinaus auf alle ältere Überlieferung in deutscher Sprache.

Dazu zählten die Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“, die vorgeblich aus mündlicher Volkstradition genommen und lediglich von ihnen aufgezeichnet, tatsächlich aber – nach dem großen Vorbild der Freunde Achim von Arnim und Clemens Brentano in der Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – wesentlich literarisiert worden waren (1812 bis 1822); ferner die „Deutschen Sagen“ (1816 bis 1818) und die zugleich wissenschaftliche und populäre Ausgabe der „Bescheidenheit“ des Freidank (1834) aus dem dreizehnten Jahrhundert.

Nebentätigkeiten genehmigungspflichtig

Nicht immer stieß solche Arbeit der Brüder auf Beifall, wie Martus an dem Konflikt zeigt, in den sie während ihres Dienstes an der Kasseler Bibliothek geraten waren. Befürchtete doch der Kurfürst, die Brüder möchten über ihren literarischen Veröffentlichungen die Verwaltungsgeschäfte vernachlässigen. Der Gedanke allerdings, die politischen Verhältnisse durch Revolution zu ändern, lag den Grimms ganz fern, umso mehr, als ihre Schwester Lotte den konservativen hessischen Minister Ludwig Hassenpflug geheiratet hatte. Nicht revolutionär gesinnt, hatten sie aber einen sehr ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und kamen, als sie 1829 bei der Neubesetzung der Stelle des Oberbibliothekars übergangen worden waren, um ihren Abschied ein, den der Kurfürst erst sofort annahm, dann jedoch ein paarmal mit nachgereichten Angeboten vergeblich wieder rückgängig zu machen versuchte.

Im Persönlichen lassen die Eheschließung Wilhelms mit der 1793 (nicht 1795, wie bei Martus) geborenen, durchaus vermögenden „Sandkastenbekanntschaft“ Dorothea Wild, in der Arbeit Jacobs „Deutsche Rechtsaltertümer“ und Wilhelms Untersuchung zur „Deutschen Heldensage“ den Brüdern die Kasseler Jahre in der Rückschau trotz des abrupten Endes als eine „glückliche Zeit“ erscheinen. Die anschließenden Jahre als Professoren und Bibliothekare in Göttingen an der damals führenden europäischen Universität und modernsten Bibliothek, deren erster Leiter Dorothea Wilds Urgroßvater, der berühmte Philologe Johann Matthias Gesner, gewesen war, erlaubten wieder reiche Ernte.

Göttinger Engagement

Dort gelang es Jacob, mit dem vierten Band zur Syntax auch seine „Deutsche Grammatik“ abzuschließen. Was die Lehre anging, zweifelte Jacob zunächst, ob seine Liebe zum Detail nicht seine Vorlesungen und Übungen beeinträchtigen würde, wurde aber bald zuversichtlicher, als die Zahl der Hörer – darunter auch Heinrich Heine – stetig zunahm. In der Prüfungspraxis legte Jacob mehr Wert auf die selbständige Entfaltung eines Problems durch den Kandidaten als auf bloßes Wissen. Intensiven Anteil nahmen die Brüder an den Vorbereitungen des Göttinger Universitätsjubiläums; gegen die von vielen Kollegen gewünschte Wiedereinführung der Talare wandten sie sich lebhaft.

Das Ende in Göttingen kam so abrupt wie zuvor in Kassel: Die Aufhebung der liberalen Verfassung des Königreichs Hannover aus dem Jahr 1833 durch den neuen König Ernst August löste den öffentlichen Protest der „Göttinger Sieben“ aus, zu denen neben den Grimms unter anderen auch der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann und der Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus zählten. Der Herrscher reagierte mit Entlassung und Landesverweis, und die Grimms kehrten nach Kassel zurück. Das 1838 auf Initiative des Leipziger Verlegers Samuel Hirzel an die Brüder herangetragene Unternehmen eines deskriptiven, nicht mehr präskriptiven „Deutschen Wörterbuchs“ sicherte ihr Auskommen, bis sie 1841 durch die „Anwerbung“ (Martus) nach Berlin an der Königlichen Akademie die besten Bedingungen fanden, die sie sich für ihre Arbeiten nur wünschen konnten.

Sprachliche Schönheitsfehler

Zuweilen ist die Feder dem Autor allzu salopp entglitten oder hat auch nur der Lektor ein Nickerchen gemacht: Da nimmt sich der Freund Brentano eine „Auszeit“ von der Ehe, oder es „rappelt Wilhelm“ sich endlich wieder auf, nachdem er lange auf den Tod gelegen hatte. Dass der „drohende Verlust (des Bruders) Jacob einmal mehr“ bewusst gemacht habe, wie sehr Wilhelm zu seinem Leben gehörte, ist zwar richtig, bleibt aber sprachlich ein besonders verkorkster Anglizismus. Was verschlüge dergleichen, stünde es nicht gerade in einem Buch, das so ausführlich und treffend von Jacob Grimms Arbeit an der „Deutschen Grammatik“ erzählt? Trotz des großen Umfangs des Bandes hat der Autor manche Beziehungen übersehen, deren Bedeutung sich sogar in entsprechenden Briefwechseln niedergeschlagen hat, so etwa die zu dem österreichischen Historiker und Germanisten Theodor Georg von Karajan (1810 bis 1873), der zunächst unter Franz Grillparzer im Hofarchiv tätig war und später den ersten Wiener Lehrstuhl für die Geschichte der deutschen Sprache und Literatur innehatte.

Seit rund vierzig Jahren hat sich unser Bild von den Grimms vollständig gewandelt, vor allem durch die Editionen und quellenkritischen Untersuchungen des als „Märchenforscher“ weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt gewordenen Wuppertaler Germanisten Heinz Rölleke und durch die große Briefausgabe unter der behutsamen Koordination des Berliner Philologen Berthold Friemel. Die neue Biographie, deren Autor selbst zuvor in der Grimm-Philologie nicht hervorgetreten war, zieht die Resultate der neueren Grimm-Forschung überall souverän heran. Besonderen Reiz bietet die Lektüre solcher Partien, wo Martus den Briefquellen entlang Alltagsszenen im Einzelnen nacherzählt, etwa zur Berliner Wohnungssuche, oder wo er die Tätigkeit der Brüder – etwa Jacobs kurzes politisches Gastspiel im Paulskirchenparlament – mit weitem Umblick in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnet.

Steffen Martus: „Die Brüder Grimm“. Eine Biographie. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2009. 608 S., geb., 26,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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