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Solschenizyns Memoiren Wie ein Korn zwischen den Mühlsteinen

 ·  Von der allmählichen Verzweiflung Alexander Solschenizyns: Zum Erscheinen der Exilmemoiren.

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Unmittelbar vor seinem achtzigsten Geburtstag beginnt sich Rußland wieder an Alexander Solschenizyn zu erinnern. Gleich drei dem Schriftsteller gewidmete Filme will das russische Fernsehen um den Jubiläumstermin am 11. Dezember ausstrahlen. Der halbstaatliche Kanal ORT zeigt ein Werk des nationalmystischen Avantgarderegisseurs Alexander Sokurow mit dem Titel „Der Knoten“. Der Privatsender NTV hat eine eigene vierteilige Serie über Solschenizyns Leben produziert. Und das Staatsfernsehen RTR möchte den Film „Der Erwählte“ von Olesja Fokina senden, hat die endgültige Entscheidung jedoch noch nicht getroffen, weil die Familie Solschenizyn sich gegen die Veröffentlichung der darin enthaltenen Aufnahmen aus ihrem Privatleben ausgesprochen hat.

Viel weniger Aufsehen als diese Filme erregt die in der Zeitschrift „Nowyj mir“ begonnene und unregelmäßig weitergeführte Publikation der 1978 niedergeschriebenen Skizzen über sein Leben im Westen. In Frankreich allerdings, wo sein Agent Durant den Verlag Fayard leitet, ist in diesen Tagen bereits der gesamte erste Teil seiner Exilmemoiren in einem Band erschienen. Er trägt den Titel „Le grain tombé entre les meules - Esquisses d'exil“ (“Das Korn zwischen den Mühlsteinen - Exilskizzen“) und umfaßt die Jahre 1974 bis 1978.

Deutschland war eine Überlegung wert

Solschenizyn schildert in seinen Erinnerungen aus dem Exil, wie er sich in der vermeintlich freien Welt unerwartet neuen Schikanen ausgesetzt sah, vor allem seitens geldgieriger Verleger, dubioser Mittelsmänner und böswilliger Journalisten. Auf der Suche nach einem Ort, wo er in Frieden mit seiner Familie leben und arbeiten, aber auch bei Bedarf die gescholtenen Medien erreichen konnte, ist Solschenizyn daher lange durch Europa und Amerika gezogen.

Sein Traumland war zunächst Norwegen mit seiner nordischen Natur und der bodenständigen Lebensweise gewesen. Doch der Schriftsteller fühlte sich dort der Sowjetmacht geographisch zu nahe. Außerdem begriff er, daß er sich in Skandinavien zu weit von der Weltöffentlichkeit entfernen würde. In der Schweiz, wo der Schriftsteller wegen seiner Lenin-Studien zunächst Quartier nahm, hatte er im katholischen Halbkanton Appenzell ein prägendes Erlebnis in Basisdemokratie. Wie die stimmberechtigten Männer ihren Regierungschef per Handheben wählen, zugleich aber seine Gesetzesvorhaben blockieren, wie die traditionsverhafteten Bergdörfler ohne alle Aufklärung auf der Grundlage ihres Gemeinwesens ihre öffentlichen Belange selbst in die Hand nehmen, das hat Solschenizyn später wiederholt als ein Vorbild für den gesellschaftlichen Aufbau im nachkommunistischen Rußland hingestellt.

Deutschland war immerhin einer Überlegung wert. Der Schriftsteller fühlte sich durch seine Deutschstudien und seine jugendliche Schiller-Lektüre dem Land verbunden. Außerdem legte er Wert auf den Unterschied zwischen Hitler und dem traditionellen Deutschland. Selbst im Krieg habe er keinen Haß auf die deutschen Soldaten empfunden, bekennt der Schriftsteller, die deutschen Kriegsgefangenen habe er bedauert. In der Emigration verdankte Solschenizyn es dem deutschen Auswärtigen Amt, daß sein Archiv in den Westen gelangte. Er brauchte es, um sein historiographisches Mammutwerk „Das rote Rad“ in Angriff nehmen zu können.
Die Liebe zum patriarchalischen Russland

Spanien, das er kurz nach Francos Tod besucht, erinnert ihn in vielem an die russische Heimat: die Armut und Verwahrlosung, die Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen, ihre Radikalität im Glauben und Nichtglauben. Als Student hatte Solschenizyn von einem Freiwilligeneinsatz im Spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Republikaner geträumt. Später, im Lager, gelangte er zu der Überzeugung, daß nur dank des Diktators Spanien sich aus dem Zweiten Weltkrieg heraushalten und sein traditionelles Christentum bewahren konnte.

Nachdem der Schriftsteller entschieden hatte, daß er bei internationalen Spannungen in Amerika vor der Sowjetmacht sicherer sein würde als in Europa, kam zunächst Kanada in Betracht. Doch das Land mit seinen unbedeutenden Politikern, wohlgenährten Hippies und der landwirtschaftlich erschlossenen Natur erschien ihm als ein „verzagter Riese“ - zuwenig anziehend, um sich dort niederzulassen. Die Entscheidung für die Vereinigten Staaten reifte, als Solschenizyn in Alaska auf das „echte Rußland“ stieß: russische Priester, orthodoxes Christentum selbst unter den Ureinwohnern, lebendige Geschichte der russischen Kolonisierung. In Oregon fand er in einer Siedlung Altgläubiger aus Sibirien sogar das urwüchsige, gesunde Bauerntum, das in Rußland durch die Sowjetmacht ausgerottet worden war.

Diese Liebe zum alten, patriarchalischen Rußland unterschied Solschenizyn von dem liberalen, urbanen Teil der Menschenrechtsbewegung, deren Symbolfigur Andrej Sacharow war. Solschenizyn bedauerte, daß Sacharow keinen Sinn hatte für die gesunden, ethischen Traditionen, die er in Teilen der altrussischen Gesellschaft erblickte; daß Sacharow die Geschichte des russischen Volkes von Sklavengeist und Fremdenhaß beherrscht sah und daß er dieses Volk als den Schuldigen, nicht als das Opfer des Kommunismus betrachtete. Solschenizyn hielt es für übertrieben rationalistisch, wenn der Atomphysiker nicht nur naturwissenschaftliche, sondern auch auf den Menschen bezogene Ideen als universell ansah. Für den Schriftsteller sind solche Vorstellungen fest verhaftet in der spezifischen geschichtlichen Erfahrung. An der Möglichkeit freilich, diese Erfahrungen an andere Völker sprachlich zu vermitteln, ist Solschenizyn während seiner Jahre im Westen allmählich verzweifeln.

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04.08.2005, 12:20 Uhr

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