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Sloan Wilson: Der Mann im grauen Flanell : Der Angestellte, der siebzehn Menschen tötete Literatur

  • -Aktualisiert am

Bild: Dumont

Ein Typus kehrt zurück: Sloan Wilsons Familienroman „Der Mann im grauen Flanell“ erzählt von einem Kriegsheimkehrer, dessen Geheimnis nach und nach gelüftet wird.

          Im Jahr 1955, als Sloan Wilsons Roman „Der Mann im grauen Flanell“ erschien, wurde der Titel rasch zum Synonym für die Uniformität der Pendler. Damals sehr erfolgreich und mit Gregory Peck in der Hauptrolle verfilmt, kann man das Buch jetzt in einer neuen Übersetzung wiederentdecken. Erzählt wird von einem Paar aus der Vorstadt New Yorks. Täglich fährt Tom mit der Bahn in die Metropole, um im grauen Heer der Arbeitenden zu verschwinden. Er arbeitet viel und immer mehr. Betsy, seine Frau, kümmert sich um die Kinder und träumt bald den amerikanischen Traum von einem neuen Haus in einer besseren Gegend. Bald zieht man tatsächlich um, und die Visionen dieser klassischen amerikanischen Nachkriegsfamilie scheinen in Erfüllung zu gehen.

          Aber dann, in der ersten Nacht im neuen Haus, in welchem Tom seine Kindheit verbracht hatte, sagt er diesen irritierenden Satz: „Seltsam, dass ich nur Fremde und Freunde töten darf.“ Betsy fragt nach, aber Tom ist müde, er ist immer müde, er hat ja auch viel zu tun. Wir Leser wissen zu diesem Zeitpunkt des Romans mehr als Betsy, weshalb uns der Satz weniger irritiert als sie. Wir sind dabei, in Toms Kopf, als ihn die Erinnerungen einholen.

          Fünfziger Jahre in New York

          Als Fallschirmspringer im Krieg hat er seinen Freund sterben sehen und wurde darüber fast verrückt - er schulterte die Leiche, wanderte lange damit herum und bestand darauf, dass man sie wiederbelebt. Siebzehn Menschen hat Tom getötet. Zugleich verbrachte er in einer Urlaubszeit zwischen zwei Einsätzen die glücklichste Zeit seines Lebens, mit einer Frau namens Maria aus Rom. Es gibt aus dieser Verbindung sogar einen Sohn, wie er durch viele Zufälle erst jetzt, mit 33, erfährt, als er um finanzielle Unterstützung gebeten wird. Manchmal, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und gerade nichts zu tun ist, denkt er über diese alten Zeiten nach, diese bizarre Verschmelzung von höchstem Glück und schlimmstem Leid. Tom und Betsy aber leben sich auseinander. Und vielleicht, denkt man, ist Tom sogar ein Pulverfass.

          Man wartet nach diesem seltsamen Satz vom Töten darauf, dass er durchdreht in diesem weichgespülten Familien- und Arbeitsidyll; dass er vielleicht ein „Kriegszitterer“ ist - das Wort fällt einmal, aus dem Munde eines Teilnehmers eines älteren Krieges, als das Wort „Trauma“ noch unpopulär war. Toms Vater hatte ein solches Schicksal ereilt.

          Mit ungebrochener erzählerischer Kraft

          Aber nichts dergleichen passiert in diesem ruhigen, immer nur kurz aufgewühlten, durchweg anziehend geschmeidig und lebendig erzählten Roman. Und bei genauem Hinschauen ist er auch gar nicht so weichgespült, aber eben auch nicht schrill und revolutionär wie die zur selben Zeit schreibenden Beatniks um Kerouac und Ginsberg. Auch Wilson interessiert das große Thema der Zeit und aller Zeiten: die drohende Zwangshaft durch Konformität. „The Man in the Gray Flannel Suit“ wurde dafür zum geflügelten Wort. Sein Roman hat tatsächlich mit den Jahren edlen Staub angesetzt, ist aber von ungebrochener erzählerischer Kraft.

          Man merkt ihm seine Herkunft an, die fünfziger Jahre in New York, zwischen den Tintenlöschern und tippenden Sekretärinnen der Bürowelt des Mannes an der Arbeitsfront einerseits, zwischen Windpockenkindern seiner überforderten Frau im Fürsorgestrudel einer miefigen Vorstadt andererseits. Aber gerade das macht den Charme der Lektüre aus. Sie konfrontiert uns mit den veränderten Maßstäben der Gegenwart und der Frage, ob heute wirklich alles so anders ist. Der FünfzigerJahre-Traum ist aber meilenweit entfernt, und dies hier das Buch, das einen daran erinnert.

          Sloan Wilson, der 2003 mit 83 Jahren in Virginia starb, fünfzehn Bücher und vier Kinder hinterließ, zeigt seinem Publikum den Weg in die Ehrlichkeit, den dieses Paar schließlich vorsichtig beschreitet. Oder nennen wir es etwas böse: Geständniszwang. Am Ende kommt alles klar auf den Tisch, es gibt keine Geheimnisse mehr. Und so scheint aus diesem Roman schon sachte das neue Vaterbild der sechziger Jahre heraus: Tom beschließt, trotz Karriereverlockung kein Arbeitstier zu werden, nicht Opfer des Konsumrauschs, sondern mehr Zeit für die Familie zu haben. Und natürlich für die Lokalpolitik.

          Das ist freilich gegen Ende alles irgendwie zu schön, zu einfach, die inneren Konflikte werden zu schnell entsorgt, ganz anders als etwa in den Romanen eines Richard Yates, der seine Figuren und Themen komplexer anlegte und die Idylle vermied. Und Jonathan Franzen, selbst ein Spezialist für Familienromane, stellt in seinem Nachwort auch leicht amüsiert fest, Wilsons Roman handele von der Rettung eines schuldbeladenen Mannes durch seine großartige Frau, die ihn ebenjenen Weg in schonungslose Ehrlichkeit lehrt.

          Man sollte sich fragen, warum in den letzten Jahren dieser Typ Mann aus den fünfziger Jahren, der Kriegsheimkehrer mit nach und nach gelüftetem Geheimnis, wieder auf Interesse stößt. Die Verfilmung von Richard Yates’ 1961 erschienenem Roman „Revolutionary Road“ (2008) oder die Serie „Mad Men“ (auch hier kommt die Hauptfigur Don Draper aus einem Krieg) treffen offenbar einen Nerv. Sie pendeln wie Sloan Wilsons Roman gemächlich zwischen Geschäftswelt und Vorort, zwischen traditionellem Rollenbild und neuen Lebensentwürfen. Unterschätzen sollte man sie nicht. Sie erzählen von Übergangsphasen, deren Fluss vom Alten, Unbearbeiteten gebremst wird.

          Verliebt in die eigenen Figuren

          Die Wunden der Kriege, Generationen später noch spürbar, sind hier noch frisch. Der Mann, das Alphatier, eckt mit seinen dort eingeübten Tugenden an. Sie gehen einen noch an, diese Romane aus den Fünfzigern - wenn sie so gut erzählt sind wie Sloan Wilsons Roman. Franzen beschreibt sehr schön das paradoxe Phänomen, dass man möglicherweise mit Tränen in den Augen liest und sich zugleich über diese Regung ärgere, weil man sich bedürftig nach Idyllen zeigt. Aber genau darin liegt die Stärke Sloan Wilsons, der seine Figuren liebt und nicht zynisch vorführt.

          „Der Mann im grauen Flanell“ ist darüber hinaus gerade wegen der verkrusteten Rollenbilder und des Zeitkolorits wie „eine Spritztour in einem Oldsmobile; man ist verblüfft über seinen Komfort, seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise; vertraute Anblicke wirken frisch, wenn man sie durch seine kleinen Fenster sieht“, so Franzen. Eike Schönfeld hat diesen Roman souverän übertragen und auch Wörter wie „Drahttongerät“ untergebracht, die wie Keile zwischen der „Public Relation Abteilung“ stehen und das Altmodische im Neubeginn der fünfziger Jahre markieren. Vor allem aber erweist sich Sloan Wilson als ordnungsliebender, seinen Stoff sehr genau arrangierender Erzähler, dem man gern folgt.

          Zu jeder Figur gibt es eine Gegenfigur, die drohend zeigt, wohin ein Verhalten führt. Arbeitssucht als Krankheit findet man hier schon formuliert. Wilson erzählt von den abwesenden Vätern und von jenen, die sie hinterlassen. Das sind Konflikte, wie man sie heute in anderen Spielarten kennt. Die Katastrophenerwartung freilich erfüllt sich eher in den Randgeschichten dieses Romans. Dass der Hauptstrang den Glücksweg einschlägt, sollte man diesem Roman aber nicht vorwerfen, lieber schätzen, dass er insgesamt unsentimental bleibt. Kein leichter Parcours bei diesem Stoff.

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