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Veröffentlicht: 25.03.2011, 16:57 Uhr

Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares: Der Hass der Liebenden Eins und keins macht zwei

Enthüllungen bitte erst nach dem Tee: Das argentinische Paar Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares treibt in dem Roman „Der Hass der Liebenden“ sein Spiel mit literarischer Bildung.

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Es mag dem Leser mit diesem Roman gehen wie mit der Homöopathie. Denn seine Wirkmittel sind ebenfalls hoch verdünnt. Wir haben es mit einer Kriminalgeschichte zu tun, die in einer Flüssigkeit fast aufgelöst wurde, von der bis zuletzt unklar bleibt, welche Anteile von Intelligenz und Traum in sie eingegangen sind. Hier schwebt alles. Und auch das Kriminalmotiv - eine junge Frau, die Kriminalromane übersetzt, stirbt in einem Ferienort an Gift - ist nur ein Rest von Schwebestoff. Man meint beinahe, den Erzähler in jedem Kapitel die Erzählung umrühren zu sehen, um jene Schwebestoffe - Mord oder Selbstmord? Eifersucht oder Habgier? Die Schwester oder der Verlobte? Am Ende der Erzähler selbst? - in Drehung zu versetzen. Die Lösung, die dem Leser verabfolgt wird, schmeckt dann kaum noch nach einem Detektivroman.

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Gift, das nicht nach Gift schmeckt, so setzt auch das Ganze ein. Der Erzähler, ein Arzt, nimmt, wie in der Folge immer wieder, als hielten sie ihn wach, Arsenglobuli zu sich, jene Kügelchen, von denen Anhänger Hahnemanns sich heilen lassen. Der Erzähler heißt Hubermann. Gift, das keines ist und doch eine Wirkung hat. Oder glaubt man es nur? Ist es nur der Placeboeffekt, den die erzählerische Handreichung verlässlich auslöst? Ist es nur eine Luftspiegelung wie das Meer, als es der Erzähler in einem holpernden Taxi bei brütender Hitze zum ersten Mal wahrzunehmen meint, um es gleich mit griechischen Zitaten zu begrüßen? Und noch ein zweites Mal: „Vierzig Minuten später entdeckte ich einen violetten Fleck. Insgeheim rief ich erleichtert aus: ,Epi oinopa ponton!' Dann wandte ich mich an den Fahrer: ,Diesmal irre ich mich nicht. Das ist das Meer.' ,Das sind lila Blüten.'“

Wenn die Scones zu spät kommen

Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares treiben ihr Spiel mit literarischer Bildung - der Band hat neununddreißig Fußnoten - und versehen auch ihre Geschichte mit allen Signalen der Gattung, allen Agatha-Christie-Attrappen gewissermaßen: ein einsames, durch die Natur isoliertes Hotel am Meer, eine kleine Feriengesellschaft, träge Geselligkeit, ein paar hinreichend undurchsichtige Figuren, jemand, der Doktor Manning heißt etwa und von dem man so wenig wie von Doktor Cornejo erfährt, welcher Wissenschaft Doktor er ist, Eifersucht, verschwundener Schmuck, ein betrunkener Ermittler, ein Inspektor inkognito, flüchtige Zeugen.

All das spielt in einer leicht heruntergekommenen Oberschicht voll müden Pathos, deren Komfort sehr sorgfältig geschildert wird. Der Erzähler ist ein Virtuose der Selbstbeobachtung: „Fünf Minuten vor dem Abendessen hielt ich es für ratsam, mich in die Speisesaalzone zu begeben, damit der Gongschlag mich nicht unvorbereitet traf.“ Dauernd wird Toast nicht gegessen, sondern zu sich genommen. Wenn die Scones zu spät kommen, scheint das schlimmer, als wenn die Untersuchung stockt. Man legt Patiencen und bittet, Enthüllungen bis nach dem Tee zu verschieben.

Ergötzlicher Schelmenroman

„Ich erwähne diese Details so minutiös, als seien sie wichtig für den Bericht.“ Die Spuren sind nicht geheimnisvoll, weil sie jemand hinterlassen hat, sondern weil sie ausgelegt werden müssen. Der Fall ist nicht schwierig, weil der Täter so gerissen ist, sondern weil die Ermittlung so absurd vorgeht. Selbstverständlich - wir haben es mit einem Stück zu tun, das durch die Hände von Bioy Casares gegangen ist - sind überall Hinweise auf das Spiel eingestreut, das Literatur sein kann. Sie mokieren sich über die Erwartungen des Krimilesers, dass eins und keins zwei ergeben soll. Figuren im Kriminalroman, notiert Heinrich Steinfest in seinem schönen Nachwort, wirken oft, als wüssten oder ahnten sie, sich in einem Kriminalroman zu befinden.

Auch ein Abschiedsbrief, wird uns entsprechend im Roman mitgeteilt, ist nur Literatur. Der Erzähler - „die Ähnlichkeit meiner Gesichtszüge mit denen Goethes ist unverkennbar“ -, der in seiner Freizeit eine Übersetzung des „Satyricon“ vorhat, seufzt gleich im ersten Kapitel über die Unwirklichkeit, aus der sich die Kriminalromane und die phantastischen Erzählungen speisten: „Wann werden wir uns wieder dem ergötzlichen Schelmenroman und dem unterhaltsamen Sittengemälde zuwenden?“ Der Kommissar wiederum verehrt Victor Hugo, man debattiert anhand von Romanen, ob die Lösung des Falles plausibel ist: „Victor Hugo würde Ihnen antworten: ,Die Angst macht aus den Fingern einer Frau einen Schraubstock.'“

Muse der Weltliteraten

Wer der Mörder ist, tut am Ende nicht viel zur Sache. Wichtiger ist, dass die Hauptverdächtigen jeweils voneinander denken, der Täter zu sein, und entsprechend handeln. Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares, die eigentlichen Täter, waren ein Ehepaar. Über ihn muss man nicht viel sagen. „Morels Erfindung“ ist weltberühmt, zuletzt hat die Serie „Lost“ diesen phantastischen Inselroman beliehen. Seine gemeinsam mit Jorge Luis Borges verfassten Detektiv- und Denkstücke sind genauso legendär.

Sie entstammte einer der reichsten Familien Argentiniens, ihre Schwester Victoria war ein dreiviertel Jahrhundert lang die dort diensthabende Muse der Weltliteraten. Silvina schrieb Gedichte, Kinderbücher und Theaterstücke, drei Bände Erzählungen sind ins Deutsche übersetzt worden. Man ahnt, dass die Geschichte dieser Intellektuellen, die in einem Land lebten, das zu ihrer Geburt so etwas wie die Schweiz der südlichen Hemisphäre war und bei ihrem Tod ein Entwicklungsland, zu den interessantesten gehört. Man entnimmt ihren Werken, auch diesem, ein ganz ungewöhnliches Niveau an Reflexion, Spiel, Durchtriebenheit. Und man wünscht sich also, mehr darüber zu wissen.

Silvina Ocampo, Adolfo Bioy Casares: „Der Hass der Liebenden“. Aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer. Manesse Verlag, München 2010. 192 S., geb., 18,95 €.

Quelle: F.A.Z.

 

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