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Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg : Zu große Nähe kann alles zerstören

Bild: Suhrkamp

Das kommt vor, wenn der ständige Umgang mit Gedankendingen die Lebenswelt ausmacht: Sibylle Lewitscharoffs Roman „Blumenberg“ ist ein königliches Lesevergnügen.

          Unter dem Titel „Beschreibung des Menschen“ hat Manfred Sommer vor fünf Jahren Texte zur Anthropologie aus dem Nachlass Hans Blumenbergs zu einem Buch vereinigt. Der Herausgeber ordnet die Manuskripte Vorlesungen zu, die Blumenberg um 1980 an der Universität Münster hielt. Ein Leitmotiv dieser Überlegungen zu einer möglichen Wissenschaft vom Menschen ist die Sichtbarkeit, in die der Mensch sich schickte, als er den Urwald verließ, um auf zwei Beinen zu gehen. Auf der leeren Fläche kann er sich nicht mehr verstecken. Und er kann vor den Feinden nicht mehr fliehen, die auf ihren vier Beinen mindestens doppelt so schnell laufen wie er. Er bleibt stehen und darf hoffen, den Verfolger zur Strecke zu bringen. Denn er hat die Hände frei. Indem er sich Waffen zurechtlegt, trifft er Vorsorge gegen Gefahren, die ihm in seinem Rücken drohen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Kulturkritik, die der Unmittelbarkeit nachtrauert, hält Blumenberg ihre Naivität vor. Mittelbarkeit ist für die Menschen überlebensnotwendig: die Fähigkeit zur actio per distans, zum Handeln aus der räumlichen Distanz und im zeitlichen Vorgriff. Die Kultur ist dem Menschen zweite Natur geworden. Damit ist ein Risiko der Selbstschädigung gegeben: Die Optimierung von Vorsichtsmaßnahmen kann Sicherheiten zerstören, selbstverständlich gewordene Lernerfolge der Gattung. Normalerweise ist es dem Weiterleben dienlich, dass dem Menschen, der sein Leben Revue passieren lässt, bestimmte Ereignisse aus dem Blick geraten sind. Der klinische Befund der Amnesie ist die pathologische Version eines alltäglichen Zustands. Blumenberg spielt ein Science-Fiction-Szenario durch: Die „Vorsorgemedizin“ könnte den Gedächtnisverlust durch Vorführung biographischer Dokumentarfilme heilen wollen, die den Patienten ihre verdrängten Täterschaften zweifelsfrei vor Augen führen würden. „Die Fiktion idealer Prophylaxe für amnestische Traumata lässt schaudern.“

          Blumenberg begnügt sich nicht mit der Evidenz dieser Feststellung, sondern führt ein Indiz aus der Kulturproduktion seiner Epoche an. Die „technisch dauerhaft realisierte Visibilität“ wäre schlechthin unerträglich - das belege „die Erinnerung an einen schändlichen Jokus der frühen Fernsehzeit, das Arbeiten mit versteckter Kamera auf in Verlegenheiten gebrachte Passanten“. Der Universalismus von Blumenbergs Referenzen verblüfft immer wieder. Diese Stelle frappiert aber auch, weil hier nebenbei Blumenbergs Kulturoptimismus hervortritt. Die versteckte Kamera war für ihn vollkommen fraglos ein Apparat der Vergangenheit. Ihm dämmerte nicht, was, nach gattungsgeschichtlichem Zeitmaß, unmittelbar bevorstand: der Eintritt des Fernsehens ins Zeitalter einer durch unverborgene Kameras hergestellten permanenten Rundumsichtbarkeit - unter ironischer Bezugnahme auf George Orwell.

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