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Veröffentlicht: 02.08.2012, 14:01 Uhr

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben Wir sind die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen

Sibylle Berg schickt in ihrem Roman „Vielen Dank für das Leben“ einen Hermaphroditen durch die deutschdeutsche Geschichte. Entstanden ist eine irritierend-faszinierende Bestandsaufnahme des Grauens.

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© Verlag

Schlimmer kann es kaum kommen als in der Lebensgeschichte von Toto, dem wohl seltsamsten Helden in all den Büchern von Sybille Berg und Helden der wohl bizarrsten Geschichte dieses Literatursommers. Nichts bleibt dieser Figur, die nicht Mann ist und nicht Frau, erspart - von der grausamen Kindheit im Heim bis zur Atomkatastrophe im hohen Alter. Aber davon später.

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Zur Welt kommt Toto 1966, also in der Zeit etwa, die im Westen in den Sommer der Liebe und die Studentenunruhen münden wird, während sich die DDR, Totos Heimat, in erster Linie durch die Allgegenwart der Farbe Grau hervortut. Toto ist Hermaphrodit. Bei der Geburt macht man ihn durch reine Willkür zum Mann; als Erwachsener wird er sich zur Frau wandeln. Unterwegs mangelt es nicht an Boshaftigkeiten ihm gegenüber, doch Toto lässt sich durch nichts und niemandem verletzen. Und vielleicht ist gerade das die eigentliche Provokation für die Menschen um ihn herum. Mehr Grausamkeit, als Toto widerfährt, lässt sich gar nicht vorstellen.

Totos Umgebung begegnet dem Zwitter stets feindlich

An Toto aber, diesem zu dicken, zu großen, im Alkoholdunst gezeugten Wesen, perlen Gemeinheiten und Sadismus ab wie Wasser an lackiertem Blech. Mehr noch: Toto lässt sich nicht einmal den Glauben an das Gute nehmen. So ist der Titel des Romans, der klingt wie ein Zitat aus dem Film „Forrest Gump“, vermutlich sogar ernst gemeint: „Vielen Dank für das Leben“.

Toto ist tatsächlich eine Art Wiedergänger jenes tumben Gump, nur dass er die Jahre von 1966 an bis in die nahe Zukunft der Dreißiger unseres Jahrhunderts durchlebt. Anders als der unerschütterlich nette Amerikaner, dem sich die Herzen der Menschen überall öffnen, begegnet Totos Umgebung dem Zwitter jedoch stets feindlich, in Ost- wie in Westdeutschland, bei den Armen und den Reichen, in den Städten und auf dem Land.

Nicht einmal auf die Zukunft darf gehofft werden

Parallelen zwischen Toto und Sibylle Berg lassen sich etliche finden: Auch sie ist in Ostdeutschland zur Welt gekommen, 1962, und auch sie hat das Land noch zu Zeiten der Mauer verlassen. Sie war Clownschülerin, hat in einer Travestieshow gearbeitetet, und den Alkoholmissbrauch ihrer Mutter verschweigt sie nicht. Doch anders als Toto ist Sibylle Berg eine unerbittliche Beobachterin. Seit vielen Jahren geht sie in ihren Kolumnen, Büchern und Theaterstücken dem seelischen Elend unserer Zeit auf den Grund. Dabei hat sie einen eigenen, unverwechselbaren Ton entwickelt, der sich ebenso aus untergründigem Witz und bösem Zynismus wie ernster Kritik speist. Mit Episodenromanen wie „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ oder „Sex II“ erschrieb sie sich einen Ruf als Kulturpessimistin zu einer Zeit, in der man gemeinhin in Euphorie schwelgte. 2009 überraschte sie dann mit einer Liebesgeschichte: „Der Mann schläft“.

Im neuen Roman lässt sie jede Hoffnung fahren. Hier gestattet sie sich keine Ausflucht, keinen Gegenentwurf, nicht einmal auf die Zukunft darf gehofft werden - auch sie wird von Sibylle Berg als denkbar kälteste Vision erfasst. Das Leben, für das im Titel Dank ausgesprochen wird, ist die Hölle auf Erden, für Toto allemal. Schon die Hebamme klagt bei dessen Geburt, kein Säugling habe sich je so albern betragen, und die Mutter, arbeits- und partnerlos, hängt an der Flasche, weshalb das Baby oft vergessen wird.

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