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Shoppen und killen

 ·  Pavel Lembersky erzählt Geschichten russischer Ausgewanderter

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"Diese Geschichte beginnt etwas ungewöhnlich, obwohl ihr Ende recht mittelmäßig zu werden verspricht, ein alltägliches Ende, wie es viele gibt, ohne den Anspruch, besonders skandalträchtig oder schwindelerregend zu sein. Nüchtern und grau wird ihr Ende, ohne Feuerwerk, Raketen und Knaller. Und mit diesem Ende wollen wir auch beginnen (das habe ich mir gerade eben auf halber Strecke anders überlegt) ..." Wenn Anfang und Ende einer Linie sich berühren, entsteht ein Kreis. Wird die Zeit zyklisch gedacht, gibt es statt der Endgültigkeit nur die ewige Wiederkehr. Die Kurzgeschichte "Lakmus unterm Omnibus" erzählt vom rätselhaften Selbstmord des aufstrebenden Komponisten Richard Lakmus junior im Amerika der zwanziger Jahre. Am Ende der Geschichte (das eigentlich ihr Anfang ist) rollt der erste Ford T vom Band. Und zu diesem Anlaß steigt ein grandioses Feuerwerk in den Himmel.

Pavel Lembersky ist ein Multitalent. 1956 in Odessa geboren, wanderte er mit einundzwanzig Jahren nach Amerika aus, wo er unter anderem als Drehbuchautor, Radiomoderator und Komiker arbeitete. In seinem ersten auf deutsch erschienenen Erzählungsband erweist er sich als Meister der grotesken Kurzgeschichte, der die Miniaturtragödien immer wieder in den ewigen Kreislauf des Daseins einbindet. Das ganze Buch, das gut drei Dutzend Geschichten enthält, ist als Zyklus angelegt, in dem Figuren wiederkehren, Zeitebenen wild durcheinandergehen und so der Tod vom Ende jeder Geschichte in die Mitte oder an den Anfang rückt und das letzte Wort anderen überlassen muß. Der titelgebende "Fluß Nr. 7" mündet nie ins Meer, sondern fließt im Kreis, ist mal die Wolga, mal der Hudson River und einmal sogar der Tiber.

Lew Borissowitsch, Buchhalter der Zeitschrift "Filmkunst" und Fan von Isabelle Hupperts "Madame Bovary", unternimmt nach einem Selbstmordversuch eine Wolgafahrt, auf der die russische Küche Balsam für Leib und Seele wird: "Sie waren kurz vor Uglitsch, und an die Stelle seiner Gewißheit, daß die getroffene Entscheidung richtig war, trat allmählich die Gewißheit, daß es überhaupt nicht nötig war, Entscheidungen zu treffen, da diese in der Natur gar nicht vorkamen." Wenn Komik nach Kant durch die "Auflösung einer gespannten Erwartung in Nichts" entsteht, dann ist Lembersky ein Meister dieser Form, die schon aus dem Kontrast zwischen Titel und Anfang eine makabre Pointe macht: "Endlich ertönte der Schuß. Colin hatte sich erschossen. Alle atmeten erleichtert auf." So beginnt die "Verlorene Wette".

Lemberskys Figuren stammen aus dem russisch-jüdischen Emigrantenmilieu in Amerika, sind aber auch in Rußland gebliebene Verwandte und alte Freunde, von denen man bei Familienfeiern gelegentlich Neuigkeiten erfahren mag. Doch ob ausgewanderte "alte" oder daheimgebliebene "neue Russen", immer balancieren sie am Rande des Todes oder wenigstens des Wahnsinns. "Mein Bekannter" beginnt mit der Schilderung eines Einkaufsbummels in London, der daran zu scheitern droht, daß Michail die Schuh- und Kleidergröße seiner kleinen Tochter nicht kennt. Am Ende sind alle zufrieden: die in Rußland gebliebene Frau, das beschenkte Töchterchen und der Leser, der erfahren hat, daß Michail ein Auftragsmörder ist und sein Geld vom letzten Sprengstoffanschlag stammt. "Einarmskis kurzes Leben" erzählt das Scheitern des russischen Emigranten Wasja, eines früheren Zwangsonanisten, dem in der Neuen Welt eine Affäre mit einer Puertoricanerin zum Verhängnis wird: "Auswandern ist nicht jedermanns Sache. Geisteswissenschaftler bleiben am besten, wo sie sind", lautet die selbstironische Moral.

Das postmoderne Bindfadenspiel, das die Erzählstränge sehen läßt, an denen die Figuren hängen, mag westlichen Lesern verbraucht vorkommen, doch darf man dabei nicht vergessen, daß die russische Moderne das Spiel mit Genres, Mythen und Traditionen, jene gefürchtete "Intertextualität", geradezu erfunden hat. Im Bewußtsein dieser Tradition läßt Lembersky Tschechow-Schnurren mit Sitcom-Albernheiten kollidieren, verwickelt den Leser wie eine zufällige Thekenbekanntschaft in ein Gespräch über Poetik und schafft es doch, wie jeder wahre Komödiant, das Leben bei den Hörnern zu packen. Das Grotesk-Unwirkliche ist nur eine "Realität mit negativem Vorzeichen", in der Kafka, Tolstoi und "der Jemand, der diese Zeilen schreibt", ein und dieselbe Person sein können.

Immer wieder sickert so Lemberskys eigene Tellerwäscher-Story in die Geschichten, die so zu funkelnden, spiegelnden, verzerrenden Splittern seiner Autobiographie werden - ein Leitmotiv sind die überzogenen Hoffnungen des jungen Dichters in der Neuen Welt. So werden erste Lyrikversuche zitiert, nur um dann augenzwinkernd abzubrechen: "Ich könnte das Gedicht auch vollständig zitieren, aber ich will meine Erzählachse nicht mit irgendwelchem x-beliebigen Zeug überfrachten." Die Beliebigkeit der Narration aber ist nur ein Echo der Kontingenz der Welt. Gerade der Auswanderer weiß, wieviel Zufall hinter einem glückenden Leben steht und wieviel die gelungene Erzählung dem Schicksal verdankt.

RICHARD KÄMMERLINGS

Pavel Lembersky: "Fluß Nr. 7". Aus dem Russischen übersetzt von Olga Radetzkaja. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2003. 208 S., geb., 19,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2003, Nr. 233 / Seite 36
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