28.08.2005 · Der neue Roman von Jonathan Safran Foer
Von Jonathan Safran Foers erstem Roman "Alles ist erleuchtet", der vor zwei Jahren auf deutsch erschien, war so ziemlich jeder hingerissen, der ihn gelesen hat. Er handelte von einem jungen Amerikaner, der sich in Polen auf die Spuren seiner jüdischen Vorfahren macht, die von den Nazis ausgelöscht wurden; in einer Parallelhandlung wurde immer wieder ins historische Schtetl geschnitten. Das holprige Deutsch des polnischen Übersetzers Alex, der dem Helden bei seiner Suche hilft (im Original war es natürlich holpriges Englisch), war so poetisch wie komisch, und irgendwie brachte das Buch das Wunder zustande, zugleich neunmalklug zu klingen und warm und liebevoll. Es machte "Alles ist erleuchtet" weder besser noch schlechter, daß sein Verfasser erst Anfang Zwanzig war - und wenn so viel Talent und intellektuelle Brillanz vielleicht auch etwas unheimlich waren, so war das Buch viel zu amüsant, als daß man den Autor hätte unsympathisch finden können.
Safran Foer ist immer noch sehr jung - achtundzwanzig. Sein neues Buch "Extrem laut und unglaublich nah" funktioniert ähnlich wie das erste: Ein Ich-Erzähler macht sich auf die Suche nach Vorfahren, in diesem Fall ist es der neunjährige Oskar, der sich auf die Spur seines Vaters begibt, der am 11. September im World Trade Center ums Leben kam. Wieder arbeitet Safran Foer mit einer Parallelhandlung, die in die Vergangenheit der Familie eintaucht: diesmal steht die Großmutter, eine Überlebende der Luftangriffe auf Dresden, im Mittelpunkt. Und wie schon mit Alex, dem polnischen Übersetzer, gelingt es dem Autor auch diesmal, eine Stimme zu erfinden, die man so schnell nicht vergessen wird: Der Ich-Erzähler, ein sonderbares, altkluges, überbegabtes Kind, erfindet laufend Dinge, die erfunden werden sollten, zieht Schlußfolgerungen, wo man keine vermutet hätte, und stellt Dinge in Frage, die die Allgemeinheit für selbstverständlich hält.
Leider merkt man dem Roman auf fast jeder Seite an, wie extrem herzzerreißend und unglaublich originell er sein will. Daß der Vater des Jungen ausgerechnet bei den Anschlägen des 11. September umkam, wirkt wie geschwindelt, um der Handlung eine Extraportion Bedeutung zu verleihen. An vielen Stellen hat man das Gefühl, einem Angeber aufzusitzen, der eine Geschichte mit Lügen ausschmückt, weil er ihr offenbar selbst nicht traut. Es sind falsche Töne darin - die alten Menschen, die er zu Wort kommen läßt, klingen ganz und gar unglaubwürdig. Dabei ist Oskar, der Held des Buches, eigentlich eine tolle Romanfigur; überaus originell und bemerkenswert, vielleicht über-originell und -bemerkenswert. Als hätte Jonathan Safran Foer es zu gut machen wollen mit diesem Buch, wie ein Streber, der sich dauernd meldet und etwas weiß, selbst wenn gar keine Frage im Raum stand.
Menschen, die Jonathan Safran Foer erlebt haben, sagen, er sei irrsinnig nett und nehme sich selbst nicht besonders ernst. Um dieses Buch nicht nur beeindruckend zu finden, sondern wirklich zu mögen, muß man den Autor vielleicht persönlich kennen.
JOHANNA ADORJÁN
Jonathan Safran Foer: "Extrem laut und unglaublich nah". Deutsch von Henning Ahrends. Kiepenheuer & Witsch. 440 Seiten, 22,90 Euro.