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Serge Gainsbourg: Das heroische Leben des Evgenij Sokolov : Ganz schön viel Wind

  • -Aktualisiert am

Bild: Blumenbar

Ein Furz sorgt immer noch für eine Provokation: Der Blumenbar Verlag hat ein literarisches Skandalminiwerk von Serge Gainsbourgs neu aufgelegt.

          Eines der ergiebigsten Themen der Literaturgeschichte lässt sich am besten vom Hintern her betrachten. Rabelais’ Abhandlung über die „Erfindung des Arschwischs“ ist heute ebenso legendär wie das Darmwindkapitel aus Grimmelshausens „Simplicissimus“. Über hundertdreißig Jahre später hieß es von der anderen Seite des Rheins: „Ich beschloss, mich dieses ungeheuren Gerumpels zu entledigen, den Übergang zu öffnen und dabei jene Kunst anzuwenden, die mich mein Kamerad erst am Abend vorher gelehrt hatte. Also hob ich das linke Bein samt dem Schenkel, so hoch ich konnte, drückte mit aller Kraft und wollte dazu meinen Spruch Je pète dreimal leise vor mich hin sagen. Doch als der ungeheure Kamerad, der mir zum Hintern hinauswischte, wider Erwarten greulich laut daherkam, wusste ich vor Schreck nicht mehr, was ich tat.“

          Literarisches Bauchgrimmen

          „Potz Sternenexkrement!“, eine ganze Traditionslinie tut sich auf. Hat Charlotte Roche nicht gerade Millionen Exemplare eines Hämorrhoiden-Reports verkauft? Doch hat man hierzulande den wahren Meister der peristaltischen Prosa doch längst vergessen. Fünfundzwanzig Jahre war sein Werk in Deutschland vergriffen. Das stank noch nicht mal mehr zum Himmel, was jetzt den Blumenbar Verlag dazu bewegt haben mag, mit einer Neuübersetzung aus einem – Pardon – alten Furz ein wenig frischen Wind zu machen.

          Im gleichen Jahr, in dem Serge Gainsbourg „Das heroische Leben des Evgenij Sokolov“ schrieb, schockierte er die Nation mit einer Reggae-Version der Marseillaise. Französische Fallschirmjäger versuchten ihn 1980 bei einem Konzert in Straßburg von der Bühne zu holen. In einer künstlerischen Gattung, die jenseits des skandalumwitterten Chansons lag, machte Gainsbourg sein möglicherweise bei diesem oder einem anderen Auftritt verursachtes Bauchgrimmen zum Thema einer ganz eigenen Schule der An(n)ales.

          Provokateur von Gnaden

          Es entstand die kleine Abhandlung über den Künstler Evgenij Sokolov, der aus seiner Not, auf Schritt und Tritt die übelsten Duftnoten hinterlassen zu müssen, eine Tugend macht. Mit der Erfindung des Gasogramms und im Verbund mit einem gewieften Galeristen erobert Sokolov den Kunstmarkt. Seine Maltechnik – seismographische Kaltnadel-Unikate auf Grundlage körpereigener Erschütterungen – verhilft ihm zum internationalen Durchbruch. Es folgen Aufstieg, Dekadenz und Absturz des jungen, von körperlichen Gebrechen geplagten Genies. Eines Tages versagen ihm die Talente, was seinen Galeristen zur Feststellung bringt, Sokolovs Gemälde seien „keinen Karnickelfurz“ mehr wert. Der Künstler will sich daraufhin mit körpereigenen Abgasen vergiften, scheitert kläglich, erfindet stattdessen eine neue Maltechnik und grüßt die Welt noch postum mit einem gewaltigen Donnerhall.

          Das Vermächtnis des echten Serge Gainsbourg könnte kaum weniger erschütternd sein, wovon sich heute jeder auf Youtube selbst überzeugen kann. Unvergessen, wie Gainsbourg der noch blutjungen Whitney Houston während einer Talkshow „I want to fuck her“ ins Ohr raunte. Oder einen 500-Francs-Schein verbrannte. Oder den Moderator beschimpfte.

          Es muss ja ein Roman sein

          Wie sein Ich-Erzähler begann auch Gainsbourg seine künstlerische Karriere an einer Akademie der Schönen Künste. Wie Sokolov verkörperte Gainsbourg den Bürgerschreck geradezu mustereklig. Schlecht rasiert, ketterauchend und pöbelnd, gelang es ihm dennoch, für eine beeindruckende Verehrerinnenschar von größter Attraktivität zu sein – was ihn in den Augen vieler nur noch verdächtiger machte. Im Buch schildert er einmal die Szene eines Fernsehinterviews: „What is your political position about art?“, wird Sokolov gefragt. Der exzentrische Künstler druckst herum, sagt „yes of course“ und verwandelt das Interview kurzerhand in ein dröhnendes Hinterview.

          Natürlich ist das alles furchtbar albern. Doch wenn man es als Abrechnung mit einem Kulturestablishment versteht, gegen das Serge Gainsbourg zeit seines Erfolges anlief, ohne das sein antithetisches Wesen aber auch gar nicht zu verstehen gewesen wäre, dann kann man dieses Buch einfach als Teil eines Ganzen, vielleicht sogar als Teil für ein Ganzes lesen. Und gehört es nicht zu einer Singer/Songwriter-Vita, wenigstens ein literarisches Werk verfasst zu haben? Bob Dylan tat es mit „Tarantula“, Leonard Cohen sogar mehrmals und mit anhaltendem Erfolg. Nun darf also auch Serge Gainsbourg wieder seinen Pesthauch über Deutschland schicken. Darauf eine Kanonade, ach was, eine Salve!

          Serge Gainsbourg: „Das heroische Leben des Evgenij Sokolov“. Roman. Aus dem Französischen von Hartmut Zahn. Blumenbar Verlag, Berlin 2010. 80 S., geb. 12,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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