11.05.2005 · Spannend, schockierend und einfach erstklassig: Schüler lesen "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki, die Autobiographie des "wahrscheinlich berühmtesten Literaturkritikers der Welt"
"Dieses geniale Buch eines Schriftstellers sollte in den Schulen gelesen werden", schrieb der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld über Marcel Reich-Ranickis Autobiographie. Aus Anlaß der jetzt erschienenen Schulbuchausgabe von "Mein Leben" haben wir Schüler der Wiesbadener Humboldt-Schule gebeten, ihre Lektüreeindrücke aufzuschreiben. Ihre Texte vermitteln ein Bild dessen, was diese Jahrhunderterinnerungen gerade der jüngsten Lesergeneration vermitteln: Erschütterung über ein jüdisches Schicksal im "Dritten Reich", Begeisterung über die befreiende Kraft von Literatur und Musik sowie Respekt für ein Buch, in dem Marcel Reich-Ranicki nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern auch "die schreckliche Vergangenheit Deutschlands für die kommenden Generationen festgehalten" hat. F.A.Z. Marcel Reich-Ranicki beschreibt im dritten Teil seines Buchs, wie er kurz nach dem Krieg durch Berlin geht und nach seiner "verlorenen Jugend, der herrlichen und der schrecklichen", sucht und letztendlich vor dem zerstörten Schauspielhaus am Gendarmenmarkt stehenbleibt. Ihn überkommen Gefühle, über die er keine Kontrolle hat. In dem zerstörten Schauspielhaus, das für ihn den Mittelpunkt seines Lebens als Gymnasiast gebildet hatte, in den Ruinen des einst so prunkvollen Gebäudes sieht Marcel Reich-Ranicki auch seine Jugend wieder. Er ist in diesem Augenblick so gerührt, daß er anfängt zu weinen. Doch er versucht sich zu fassen und eilt in Richtung Bahnhof Friedrichstraße, als ob er sich "von der Sentimentalität" zu befreien suchte.
Auch wenn Marcel Reich-Ranicki seinen Gefühlen zu entfliehen versucht, kommt beim Leser, oder zumindest bei mir, das Gefühl auf, daß die Wiederbegegnung mit seiner Jugend ihn noch weit mehr berührte, als er es in seinem Buch zugibt. Dieser Abschnitt zeigt Marcel Reich-Ranicki von einer bisher unbekannten Seite, einer verletzlichen, emotionalen Seite - Wesenszüge, die ihn sympathischer und menschlicher erscheinen lassen. Dieses Buch ist meiner Meinung nach jedem zu empfehlen, besonders jenen, die mehr über den Menschen Marcel Reich-Ranicki erfahren wollen.
Jennifer Bub, Klasse 12a.
Zwischen Tod, Hunger und endloser Demütigung gibt es eine "kleine Blume", die trotz alledem ihre Blüte nicht verliert. Die Rede ist von der Liebe und Leidenschaft zur Poesie und der Musik, die Marcel Reich-Ranicki in dem mir am meisten imponierenden Kapitel in seiner Autobiographie "Mein Leben" beschreibt: "Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist".
Dieses Kapitel ist ein Beispiel dafür, wie sich die Menschen das triste und schwierige Leben im Warschauer Ghetto ein wenig erträglicher machten. Musik wird erfahren als eine Weltsprache, die die Leidenschaft und Hingabe besitzt, Gefühle und Gedanken zu bündeln und zu vereinen.
Marcel Reich-Ranicki beschreibt seine Leidenschaft zur Musik mit den folgenden Sätzen: "Aber da gab es etwas, was auf uns noch stärker und noch tiefer wirkte als die Poesie, was uns bis ins Innerste aufwühlte, was uns berauschte. Es war die Musik."
Ja, die Menschen hatten Angst, aber sie lernten damit zu leben, ohne darüber das Schöne, die Musik, zu vergessen. Die Musik war für sie eine Art Narkotikum, das ihre Furcht, Angst und Demütigung linderte. Probleme gab es genug im Ghetto, besonders für die Musiker. Sie waren arbeitslos und hatten kaum etwas zu essen oder Geld. Der Tod saß ihnen immer im Nacken, und der Tod hatte im Ghetto viele Gesichter. Auf der einen Seite der Hunger, auf der anderen Seite die Angst vor der SS und ihren Schergen.
Aber dies war nicht das einzige Problem, es fehlte an Notenpapier oder an Noten von bestimmten Werken. Instrumentalisten, insbesondere Bläser, fehlten auch. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. So besetzte man die fehlenden Stimmen mit anderen Instrumenten, die zur Verfügung standen. Mit dieser Einfachheit und Unbeschwertheit werden dann Stücke gespielt von namhaften Komponisten aus allen Teilen Europas. Was natürlich auch ein schönes Symbol dafür ist, daß die Hoffnung auf ein friedliches Europa in der Musik wach blieb. Wie sagt man so schön? "Musik verbindet."
Musik ist in vielerlei Hinsicht ein friedfertiges Mittel, das wirklich jeder Mensch versteht, Gefühle oder sogar Protest auszudrücken. Musik begleitet uns ein Leben lang. Sie macht uns fröhlich, aber genauso, wie sie berauschend wirken kann, kann sie auch traurig und wehmütig sein.
In einer Zeit, in der Sterben den Tag begleitet und Hunger sich durch das Innerste quält, umrahmt mit Stacheldraht, ist es nicht nur für Marcel Reich-Ranicki, sondern auch für viele andere Juden im Ghetto ein freudiger Lichtpunkt in der schwarzen, endlosen Nacht der Qualen und der Angst. Er und seine Leidensgenossen konnten für eine kleine Zeitspanne ihre Furcht und Angst ablegen und sich verzaubern lassen von der Musik.
". . . um den Menschen Freude und Vergnügen zu bereiten?" Diese Frage ist sehr wohl berechtigt, denn wer wollte nicht schon zwischen der ständigen Angst, den nächsten Tag überhaupt noch am Leben zu sein, und der Suche nach etwas Eßbarem, noch etwas Vergnügen haben? Aber was sollte man tun? Man konnte nichts weiter machen als hoffen - und das genießen, was man noch hat: die Liebe, die Poesie und die Musik.
Die vielen Musiker schafften es, den Menschen etwas zu geben, das ihnen half, das Leben im Ghetto ein Stück erträglicher zu machen. Sie gaben ihnen etwas, an dem sie sich festhalten konnten. Doch für die Musiker, die Akteure dieses Dramas, wartete, nachdem der Vorhang gefallen war, kein Applaus und kein Lob, sondern der Tod in der Gaskammer.
Für mich persönlich war dieses Kapitel sehr bewegend, da trotz Tod und tristem Ghettoleben aus der Welt der Musik ein großes Stück Freiheit erwuchs. Freiheit, die man den Menschen nicht nehmen konnte. Phantasie und Hoffnung, das, was in den Köpfen der Menschen existiert, zum Ausdruck gebracht durch Musik.
Harold Krimmel, 12a.
Die Autobiographie "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki ist eine der besten, die ich gelesen habe, da er die schwere Zeit, die er als Jude während der NS-Diktatur durchlebt hat, ausführlich beschreibt und nebenbei einem die deutsche Literatur näherbringt, indem er viele Zitate aus literarischen Werken verwendet. Durch die vielen Zitate, die er in seiner Autobiographie einbringt, wird deutlich, wie viel die deutsche Literatur für ihn bedeutet.
In dieser Autobiographie, die circa 1,2 Millionen Mal verkauft und in siebzehn Sprachen übersetzt wurde, sieht das Publikum Marcel Reich-Ranicki einmal von einer bisher fast unbekannten Seite, da er seine Gefühle für alle Leser offenlegt; was ihn insgesamt etwas nahbarer macht und er nicht mehr nur als der große Kritiker dasteht, der sich nie von seinen Gefühlen beeinflussen läßt, sondern immer wohlüberlegt handelt, sondern als einen Menschen, der Gefühle hat wie jeder andere auch. Auch ihn, Marcel Reich-Ranicki, läßt nicht alles so kalt, wie es manchmal den Anschein hat.
Während des Lesens von "Mein Leben" kann man sich einen Eindruck davon verschaffen, wie sich die Liebe zur Literatur bei dem Kritiker entwickelte. Heutzutage ist bekannt, daß gerade die jüngere Generation immer weniger liest, da sie von anderen Dingen, wie zum Beispiel Computerspielen, Fernsehen und vielem anderen mehr angezogen wird. Aber auch damals, als Marcel Reich-Ranicki zwölf Jahre alt war, war es eher ungewöhnlich, wenn ein Junge in diesem Alter so viel las. Da er jedoch jüdischer Herkunft ist, wurde er von den Freizeitbeschäftigungen, denen die Kinder aus seiner Klasse nachgingen, ausgeschlossen: Fast alle seine Mitschüler waren in der HJ, die ihre gesamte Freizeit in Anspruch nahm. So kam es, daß Marcel Reich-Ranicki zum Einzelgänger wurde und sich auch außerhalb der Schule mit Lesen beschäftigte. Er ging während dieser Zeit regelmäßig in die Bibliothek und verweilte dort dann und versuchte seine Neugier mit den Büchern zu befriedigen.
Durch das häufige Verwenden von Zitaten aus bekannten literarischen Werken und die Erklärungen von Marcel Reich-Ranicki, was er beim Lesen von diesen Werken in seiner Jugend empfunden hat, und was er darüber denkt, wenn er sie nochmals zur Hand nimmt, ist es nicht nur eine sehr informative Autobiographie, in der man was über sein Leben erfährt, sondern auch eine sehr interessante dazu! Hinzu kommt etwas, was er wirklich ausgezeichnet in seiner Autobiographie darstellt, daß er ausführlich beschreibt, unter was für Umständen einige bekannte Werke geschrieben wurden, beziehungsweise unter was für Umständen man in den Besitz dieser Werke kam, da sie auf der "Roten Liste" standen, einer Liste, die vom NS-Regime aufgestellt wurde mit Büchern, die nicht seiner Ideologie entsprachen. Diese Bücher, die sich auf der "Roten Liste" befanden, durften nicht mehr verkauft oder gelesen werden.
Ich halte die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki deshalb gerade für jugendliche Leser für lesenswert, weil Herr Reich-Ranicki einem die Literatur während des Erzählens von seinem Leben äußerst gut vermittelt, so daß man sich schon während des Lesens fest vornimmt, einige von ihm genannte Werke der deutschen Literatur zu lesen.
Swantje Niehus, 12a.
Was fasziniert mehr als dreihundert Schüler an einem Mann, der in den Medien oft ironisch dargestellt wird? Zunächst einmal gilt es festzuhalten, daß alle neunmalklugen Karikaturisten, die Marcel Reich-Ranicki jemals wie beschrieben abgebildet haben, ihm entweder noch nie begegnet oder vollkommen respektlose Ignoranten sind, die einen Mann, den eine Aura schier unbeschreiblichen Wissens umgibt, verhöhnen, Denn genau diese Aura umgab den "Literaturpapst", als er einen Vortrag über sein Leben mit Bezug auf die deutsche Literatur und seine Schulzeit während der Naziherrschaft hielt. Nach dem unterhaltsamen und vor allem humorvollen Vortrag ließ ich mir meine Ausgabe von Reich-Ranickis Autobiographie "Mein Leben", die ich mir schon einige Monate zuvor, wie peinlich, als Mängelexemplar gekauft hatte, signieren und begann bereits auf dem Heimweg, darin zu lesen.
Das Kapitel über seine Schulzeit, das die passende Überschrift "Rassenkunde - nicht erfolgreich" trägt, hat es mir besonders angetan. Dabei ist es keineswegs leichte Kost, denn die Juden, die teilweise schon seit Jahrhunderten als Mitglieder des Bürgertums akzeptiert wurden, sahen sich seit der Machtübernahme der Nazis beinahe täglich neuen Schikanen und Hindernissen im Alltag ausgesetzt. Daß ein Jude in der gereizten Stimmung eines Fußballspiels als "Dreckjud" bezeichnet wurde oder daß ein Lehrer seine zu laute Klasse nach der Pause mit den Worten "Hier ist ja ein Lärm wie in einer Judenschule" begrüßte, kam zwar sehr selten vor und war auch nur ein kleiner Skandal, aber dies sind Beispiele für die angespannte Situation, in der sich die Juden zu Reich-Ranickis Schulzeit befanden. Allerdings verlief die Zeit, das sagt Marcel Reich-Ranicki selbst, für ihn und die anderen Juden in seiner Klasse durch glückliche Umstände verhältnismäßig normal. Es gab natürlich auch unter den Lehrern mehr oder weniger fanatische Anhänger der Nazis, doch es gab genauso leuchtende Ausnahmen, die gerade aus der heutigen Sicht der Geschichte heroisch erscheinen. Wie etwa Reinhold Knick, ein Deutschlehrer, der "die Ideale der deutschen Klassik" oder auch den "deutschen Idealismus" gerade in einer Zeit vertrat, als diese positiven Tugenden mit Füßen getreten wurden. Oder etwa einer seiner Deutschlehrer, der Liberale Carl Beck, mit dem Reich-Ranicki oft über Literatur philosophierte und der ihm schon im Jahre 1939 prophezeite, daß er eines Tages Kritiker werden würde.
Von enormer menschlicher Größe wie auch von gewisser Selbstironie zeugt Reich-Ranickis Erklärung, warum er es schaffen konnte, in seiner Jugend nahezu alle Klassiker und noch einige andere Werke zu lesen sowie, wann immer er es sich erlauben konnte, das Theater zu besuchen: "Es blieb mir nichts anderes übrig, denn alle deutschen Klassenkameraden waren in der HJ."
Wofür sollte man im Jahr 2005 noch ein Buch über das Leben eines KZ-Häftlings lesen, wo sich doch gerade die Jahrestage der Befreiung zahlreicher Konzentrationslager nur so häufen? Weil einem "Mein Leben" unendlich viel mehr gibt als ein Tatsachenbericht über Haftbedingungen unter dem Naziregime. Denn wenn man sich das Kapitel "Rassenkunde - nicht erfolgreich" genau durchliest, versteht man, was die Botschaft von Marcel Reich-Ranicki ist und was ihn an Literatur fesselt. Literatur ist nichts Trockenes und schwer Verständliches, sondern aufgeschriebene Gedanken und Geschichten, die sowohl Freude bereiten als auch ein Mittel zur Selbstfindung sind. Denn in all den tragischen Helden, verschmähten Liebhabern und gescheiterten Existenzen können wir, zumindest teilweise, eigene Situationen unseres Lebens erkennen und aus ihnen lernen.
Diese Botschaft erinnerte mich an das, was die Literatur schon im alten Rom bewirken sollte: prodesse et delectare, nützen und erfreuen.
Gero Pogrzeba, 11c.
Marcel Reich-Ranicki mußte in seinem Leben zwischen 1933 und 1945 viele Schicksalsschläge hinnehmen und verkraften. Besonders hat uns das Kapitel "Die nagelneue Reitpeitsche" aus seiner Biographie "Mein Leben" beeindruckt. Darin wird deutlich, daß Reich-Ranicki mit einem Auf und Ab der Gefühle umgehen mußte, gezwungenermaßen. Während seines unfreiwilligen Aufenthalts im Warschauer Ghetto lagen Trauer und Freude, Leid und Erleichterung nah beieinander. Die Erleichterung durch die Tatsache, daß er und seine zukünftige Frau Tosia auf "die Seite des Lebens", wie er es nennt, verwiesen wurden, und parallel der noch größere Schmerz, als er miterleben mußte, wie seine Eltern auf "die Seite des Todes" von einem Mann mit der Reitpeitsche dirigiert wurden. Mit Hilfe einer Reitpeitsche wurde willkürlich über ein befristet längeres Leben oder den sofortigen Tod entschieden. Für Marcel Reich-Ranicki waren keine eindeutigen Auswahlkriterien erkennbar. Seine Aufgabe als liebender Sohn war es, den letzten Weg seiner Eltern zu begleiten und sie somit in den nicht mehr zu verhindernden Tod zu entlassen. Dieses Bild hat sich in sein Gedächtnis gebrannt, und er sieht seine Eltern heute noch vor sich, seinen Vater hilflos umherblickend und seine Mutter adrett gekleidet, in ihrem "schönen Trenchcoat", den sie sich kurz zuvor aus Berlin mitgebracht hatte. Zu Tosia, mit der seine Mutter als letzte sprach, sagte jene: "Kümmere dich um Marcel." Tage und Wochen mußte er täglich das Leid anderer mitansehen und gleichzeitig um sein eigenes Leben bangen. Reich-Ranicki hatte Glück, eine der gelben Lebensnummern erhalten zu haben und somit als "nützlicher Jude" abgestempelt zu werden. Zehntausende seiner Leidensgenossen versuchten, sich im Ghetto versteckt zu halten, wurden jedoch direkt in die Züge nach Treblinka, in den sicheren Tod, geschickt.
Wir möchten noch zum Ausdruck bringen, wie sehr uns die Leidensgeschichte der vielen hunderttausend Juden, speziell die des Marcel Reich-Ranicki, berührt und bewegt hat. Durch das Integrieren kleiner Details und Erinnerungen stellen sich seine Erfahrungen sehr real dar und lassen den Leser an den verzweifelten Gefühlen teilhaben. Mit seiner Autobiographie hat Marcel Reich-Ranicki nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern auch die schreckliche Vergangenheit Deutschlands für die kommenden Generationen festgehalten. Er will damit warnen und gerade uns jungen Menschen klarmachen, daß man das demokratische Staatswesen respektieren und schützen soll, damit sich die Geschichte nicht noch einmal wiederholt.
Rebekka Baumgärtner und Kai Elena Jähnig, 12a.
Die Autobiographie "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki ist ein Buch, welches es nicht nur versteht, den Leser in seinen Bann zu ziehen; nein, es gibt auch Anlaß dazu, über die eigene Geschichte nachdenklich zu werden, sie zu hinterfragen.
Das Buch ist in fünf große Abschnitte eingeteilt, so daß es mir leichtfiel, die erzählten Geschehnisse zeitlich einordnen und in ihrem Zusammenhang verstehen zu können. Doch gerade die Schonungslosigkeit, mit der Herr Reich-Ranicki so offen über sein Leben berichtet, sollte es sein, die mich noch viel mehr faszinierte. Ja, die Tatsache, daß er auch vor brisanten Themen nicht zurückschreckt, versetzte mich regelrecht in Erstaunen.
Marcel Reich-Ranicki erzählt "seine Geschichte" und kommt dabei auch auf die wesentlichen Fragen unseres Lebens zu sprechen, wie zum Beispiel auf die nach der Religion. Mich persönlich sprachen vor allem die ersten zwei Teile des Buches an, welche sich im wesentlichen mit der Kindheit des jungen Marcel Reich-Ranicki und dem Einfluß der Nationalsozialisten, erst auf den Alltag und später auf seinen gesamten Lebensabschnitt, befassen. Der Jugendliche, in Polen geboren und später in Berlin lebend, erweckte gerade deshalb mein Interesse, weil es Reich-Ranicki gelang, diese Zeit so zu schildern, daß mir nahezu keine andere Möglichkeit gegeben war, als mich in meinen Gedanken selbst in seine Situation zu versetzen.
Christian Sick, 11c.
Die Autobiographie des wahrscheinlich berühmtesten Literaturkritikers der Welt ist aufregend, erschütternd und sehr lehrreich. Marcel Reich-Ranickis Leben ist ein sehr außergewöhnliches: Als polnisch-deutscher Jude geboren, als Jude verfolgt und gehaßt, wird er dennoch einer der erfolgreichsten Literaturkritiker unserer Zeit. Mich bewegte ein Kapitel in seiner Biographie sehr: "Geschichten für Bolek".
Marcel Reich-Ranicki wurde während des Zweiten Weltkriegs von einem Polen in dessen kleinem Haus versteckt. Bolek, so ist sein Name, forderte für die Unterkunft weder Geld noch sonstiges. Es gab eigentlich nichts Gefährlicheres, als einen Juden in seinem Haus zu verstecken. Marcel Reich-Ranickis Frau Tosia suchte später ebenfalls bei Bolek Platz. Marcel Reich-Ranicki berichtet von dieser Zeit sehr emotional und für den Leser bewegend. Bolek war ein Setzer, der kaum Geld hatte, seine Frau und die beiden Kinder zu ernähren, dennoch half er Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau. Eine Stelle möchte ich hierzu zitieren, die ich persönlich am bewegendsten fand, die Bolek zu Marcel Reich-Ranicki sprach: "Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen: Sie sollen leben! Nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird." An diesen Satz hat sich Marcel Reich-Ranicki sehr oft erinnert, und ich finde ihn ebenfalls sehr gut.
Ein weiterer Grund, mich für dieses Kapitel zu entscheiden, waren die Geschichten von Ranicki an Bolek. Es war nicht viel Geld für Strom und Heizung da, also mußte man abends das Licht ausschalten. Nicht nur aus dem Grund des Geldmangels, sondern auch wegen der Gefahr. Also mußte man sich die Zeit vertreiben, Marcel Reich-Ranicki erinnerte sich an die Literatur, die er bisher gelesen hatte, und erzählte stundenlang "Geschichten" von Schiller, Goethe und vielen anderen. Diesen Abschnitt empfand ich als besonders interessant. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg pflegte der Literaturkritiker bis heute noch den Kontakt zu seinem Lebensretter.
Ich empfehle die Autobiographie, weil sie ein Leben beschreibt, das nicht viele Menschen im zwanzigsten Jahrhundert führten und überlebten. Sie ist spannend, schockierend und einfach erstklassig.
Yves Seifert, 12a