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: Seelenwanderung, hin und zurück

  • Aktualisiert am

Es gehört zu den Romanfiguren von Jean Echenoz, daß sie nicht sterben können. Doch sind sie nicht unsterblich wie die Helden aus echten Abenteuergeschichten. Sie tauchen unter, wandern aus, wechseln die Identität. Er gebe ihnen eben gern eine zweite Chance, wie in amerikanischen Filmen, sagt der Autor dazu.Nie ist er mit diesem Verfahren weitergegangen als in seinem jüngsten Roman.

          Es gehört zu den Romanfiguren von Jean Echenoz, daß sie nicht sterben können. Doch sind sie nicht unsterblich wie die Helden aus echten Abenteuergeschichten. Sie tauchen unter, wandern aus, wechseln die Identität. Er gebe ihnen eben gern eine zweite Chance, wie in amerikanischen Filmen, sagt der Autor dazu.

          Nie ist er mit diesem Verfahren weitergegangen als in seinem jüngsten Roman. Der Aggregatwechsel der Figur vom Leben zum Doppelleben betrifft diesmal die Hauptperson Max Delmarc, seines Zeichens Konzertpianist, der zu Beginn des Romans in Frack und durchnäßten Lackschuhen durch den Pariser Parc Monceau geht, von Angst fast gelähmt, und der dann im Konzertsaal von seinem Begleiter geradezu auf die Bühne geschubst werden muß. In zweiundzwanzig Tagen wird dieser Mann tot sein, erfahren wir schon auf der ersten Seite. Doch Totsein heißt bei Jean Echenoz eben nicht einfach tot sein. An jenem zweiundzwanzigsten Tag sind wir mit Lesen nämlich erst auf Seite dreiundsiebzig von knapp zweihundert. Und die übliche Durchnumerierung der Kapitel geht - eine Seltenheit bei Jean Echenoz - an dieser Stelle in einen postumen Teil römisch zwei über, dem später sogar ein römisch drei folgen wird.

          Bedenkt man, daß in den bisherigen acht Romanen von Echenoz die Hauptfiguren stets etwa das jeweilige Alter des Autors hatten, stimmt der Kontinuitätsknick bange. Läßt der Meister der lakonisch geschilderten Details den Oberflächenglanz des unmittelbaren Hier und Jetzt hinter sich zugunsten von Jenseitigkeit, Seelenwanderung gar? Doch man liest beruhigt weiter: Römisch zwei und drei sind im Roman nicht jenseitiger als der Rest, mögen auch die Manschettenknöpfe dort nicht mehr dauernd von Hemd und Frackjacke des Pianisten abfallen wie vor dem Mord, wo sie wie Herbstblätter das Ende einer Lebenssaison ankündigten.

          Max Delmarc ist Musiker wie Félix Ferrer in "Ich gehe jetzt" Kunsthändler oder Franck Chopin in "See" Insektenforscher war: mit all den minutiös geschilderten Einzelheiten, die den kriminalistischen Ereignissen bei Echenoz den eigenen Klang verleihen. Hat Delmarc seine immer neue Todesangst vor den weißen Tastengebissen der Steinways rund um die Welt erst einmal überwunden oder im Alkohol ertränkt, setzt er sein Publikum in Entzückung. Wo aber einfach ein Künstlerroman hätte entstehen können mit üppigem Innenleben, Leidenschaft, Liebe und Opferbereitschaft für die Tonkunst, hält Echenoz sich an seine Meisterschaft der Perspektivenverschiebung und der ironischen Präzisionsarbeit am scheinbar nebensächlichen Detail. Daß Max spätnachmittags an seinem Klavier gerade die Sonate "1.X.1905" von Janácek übt, dürfte neben deren realem Klang auch mit dem wie ein Geheimcode klappernden Namen dieses Werks zu tun haben. Und bei den Rundfunkaufnahmen ein paar Tage später wirkt hinter der Musik mehr noch die Allüre des Dirigenten: "ziemlich nervig, lauter manierierte Zuckungen, salbungsvolle Gesten, kleine codierte Zeichen je nach Aufführenden, Finger auf den Lippen und übertriebenes Hüftgeschwenke".

          Nach der Aufnahme sitzt der Pianist Delmarc dann müde in der Métro und läßt bei der Heimfahrt, "weil in dieser Szene gerade nicht viel passiert", den Erzähler uns Lesern die vielfältigen Zweckentfremdungsmöglichkeiten eines Métrofahrscheins aufzählen - Zahnstocher, Lesezeichen, Stuhlunterlage, Zylinder für Betäubungsmittel, Notizzettel für die Telefonnummern unbekannter Frauen. Während der Erzähler noch aufzählt, hastet Max schon in einer absurden Verfolgung durch die Métrostationen der seit den Konservatoriumsjahren platonisch geliebten, längst aus den Augen verlorenen Rose hinterher, die er meint gerade im Zug der Gegenrichtung gesehen zu haben. Wie "Die großen Blondinen" ein Antiabenteuerroman und "Das Puzzle des Byron Caine" ein Antikrimi war, ist dieses Buch ein Antikünstler- und Antiliebesroman. So kann auch der Mord an Max Delmarc kurz und trocken vonstatten gehen. Einem der beiden nächtlichen Straßenräuber zieht der Überfallene, schon am Boden liegend, aus einer absurden Neugier das Halstuch vom Gesicht. Daraufhin kann jener nicht anders, als mit dem Stilett zustoßen, so daß "Max' Seele sacht in den milden Äther emporsteigt". Dann beginnt römisch zwei. Wir befinden uns im Purgatorium eines Transitzentrums, "klimatisiert, absolut still, weil leider fensterlos", mit angegliedertem Bad ohne Spiegel über dem Waschbecken. Von diesem Verteilungszentrum fällt der Blick zur einen Seite auf eine Stadt wie Paris, zur anderen auf einen Park. Zwischen diesen beiden Bestimmungen hängt das weitere Schicksal des Expianisten. Zurück ins Leben, lautet das Urteil. Er findet sich zunächst in einem ärmlichen Hotel im südamerikanischen Iquitos wieder, derselbe und doch verändert. Von unbekannten Mittelsmännern mit Ticket und neuem Paß ausgestattet, steigt Max schließlich in die Maschine nach Paris, mit einem Koffer ziemlich fragwürdigen Inhalts. "Sie sind an der Bar angestellt", wird ihm dort in einem Hotel der unteren Komfortklasse mitgeteilt. Und das neue Leben führt manchmal gefährlich nah an Klaviertasten vorbei.

          Echenoz hat seine einst in den Details breit gestreute Erzählbewegung in diesem Buch weiter gestrafft. Das Beiläufige ist vom Hauptgeschehen gleichsam geschluckt und läuft nun mit wie Obertonreihen. Das erspart dem vom Tasten- zum Getränkemixvirtuosen avancierten Romanhelden die allegorische Kälte, die den Figuren von Echenoz sonst bisweilen drohte. Von den marmorierten Feuchtigkeitsflecken auf den Pianistenschuhen bis zur Duschkabine, die Max im Warenhaus letztlich nicht kauft, bringt alles Nebensächliche uns die Figur näher: im Sinne nicht der Figurenpsychologie, sondern eines subtilen Gesamthandlungsmusters pantheistischer Diesseitigkeit, die Personen, abfallende Manschettenknöpfe und zum Äther aufsteigende Seelen gleichwertig nebeneinanderstellt.

          So entgeistert traurig, wie Max am Schluß der sich - wohl zum letzten Mal - entfernenden Rose nachblickt und auf dem Boulevard Haussmann verharrt, ist jedenfalls noch nie eine Person bei Echenoz stehengeblieben. Hinrich Schmidt-Henkel hat den subtilen Text aufmerksam, sachkundig und eng am trockenen Originalklang übersetzt.

          JOSEPH HANIMANN

          Jean Echenoz: "Am Piano". Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin Verlag, Berlin, 2004. 196 S., geb. 18,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2004, Nr. 97 / Seite 34

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