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Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben : Die verschwundene Tante

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Bild: Verlag

Sebastian Barrys Roman über eine von Irlands verlorenen Frauen ist ein Erzählfeuerwerk, aber auch ein politischer Roman über dunkle Praktiken und Drahtzieher der Macht. Der Autor brilliert durch eine Poesie notdürftig gepflasterter Erinnerungsrisse.

          Das Verschwinden einer Tante aus dem Familiengedächtnis habe ihn zu diesem Roman bewogen, erzählt der irische Autor Sebastian Barry, dessen Roman „Ein verborgenes Leben“ schon 2008 für den begehrten Booker Preis nominiert war, den Costa Book Award erhielt und 2009 in Irland als Roman des Jahres ausgezeichnet wurde. „The Secret Scripture“, wie er im Original heißt, erhielt überdies den Publikumspreis, und das wohl deshalb, weil er tief eindringt ins dunkle Herz seines Landes, aber dennoch wunderbar leicht davon zu erzählen weiß. Von Barrys verschwundener Tante blieb kein Name, kein Dokument. Sie schien wie ausgelöscht.

          Vielleicht wurde auch sie irgendwann – wie Roseanne, die Hauptfigur – auf Drängen der Schwiegerfamilie und mit Hilfe eines mächtigen Priesters in einer psychiatrischen Klinik weggesperrt, so wie viele Frauen seinerzeit, einfach, weil sie unbequem waren, Krankheiten vererbten oder aus irgendeinem Grunde nicht zu verheiraten waren. Jetzt, nach Jahrzehnten, legt diese Roseanne McNulty Zeugnis ab. Aber nicht, um Mitleid zu erregen, sondern ganz bescheiden, nur für sich, „auf unerwünschtem, überschüssigem Papier“, heimlich, wenn niemand in ihrem Klinikzimmer ist: „Ich bin vollkommen allein, in der weiten Welt außerhalb dieser Mauern gibt es niemanden, der mich noch kennt; meine ganze Familie, diese wenigen verlorenen Gestalten, vor allem mein kleiner Zaunkönig von einer Mutter, sie alle sind nicht mehr. Und auch meine Peiniger, denke ich, sind größtenteils dahin, und der Grund dafür ist, dass ich längst eine alte, alte Frau bin, vielleicht schon an die hundert.“

          Der leise, unschuldige Ton

          Es ist dieser leise, unschuldige Ton einer uralten Erzählerin, die keiner Leser bedarf, um zu schreiben. Es ist dieser märchenhafte, weitsinnige Blick einer Frau, die bisweilen Züge jener Figur der Baba Jaga trägt, die slawische Mythen durchkreuzt – anziehend, verführerisch, zart, ungeschliffen, vielleicht nicht so unheimlich wie diese Figur, aber trotz ihrer tiefen seelischen Verletzungen unendlich weise. Man traut dieser Erzählerin am Ende alles zu, sogar, dass sie sich noch auf dem Sterbebett verwandelt und engelsgleich davonschwebt. Andererseits könnten diese Erzählerin und ihre Geschichte wohl kaum irischer sein. Barrys Roman ist ein bewegendes Stück Literatur über Irlands Kriege und Männer und eines ihrer mundtot gemachten Opfer – Roseanne. Und so wie gute Romane über Länder, in denen Konflikte und Tod Generationen prägen, nutzt Barry die Möglichkeiten der Literatur, diese Konflikte von mehreren Seiten, nie einseitig zu beleuchten.

          So lesen wir nicht nur Roseannes Hommage an den längst verstorbenen Vater, der, als sie Mädchen war, in Sligo als presbyterianischer Friedhofswärter eine Zeitlang, von allen im Ort geschätzt, die jungen, katholischen Toten des Bürgerkriegs begrub. Wir erfahren nicht nur ihre Version über jene verhängnisvolle Nacht im Jahre 1922, mitten im Bürgerkrieg, als nach einem Schusswechsel in den nahen Bergen junge IRA-Kämpfer ihren toten Kameraden brachten, dem Roseannes Vater die letzte Ehre erwies – kurz darauf degradierte man ihn zum städtischen Rattenfänger. Wir hören zwischen Roseannes nie zynischen, poetischen, sprunghaften Rückblicken immer wieder Mr. Grene, ihren Psychiater. Der muss entscheiden, welche seiner jahrelangen Patienten ohne Grund in seiner Klinik sind.

          Nachforschungen über Roseanne

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