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: Schweigt still von den Jägern

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Er liebte es nicht, zitiert zu werden. "Wo er zitiert wurde, fühlte er sich missverstanden", berichtet sein Verleger Siegfried Unseld. Aber unermüdlich zitiert, rezitiert, interpretiert und missverstanden zu werden ist nun einmal die Kehrseite des Ruhms, den Günter Eich erlangte. Betrüblicher ist ...

          Er liebte es nicht, zitiert zu werden. "Wo er zitiert wurde, fühlte er sich missverstanden", berichtet sein Verleger Siegfried Unseld. Aber unermüdlich zitiert, rezitiert, interpretiert und missverstanden zu werden ist nun einmal die Kehrseite des Ruhms, den Günter Eich erlangte. Betrüblicher ist es allerdings, wenn die Anerkennung der herausragenden Bedeutung eines Lyrikers sich auf nur wenige Gedichte gründet. So erging es Günter Eich: Sein Gedicht "Latrine", in dem "Urin" auf "Hölderlin" gereimt wird, hat schon allein durch dieses Skandalon anhaltende Aufmerksamkeit erregt; die berüchtigte Zeile "Die Kanaldeckel heben sich um einen Spalt" aus dem Gedicht "Nachhut" löste seinerzeit, als es 1957 in dieser Zeitung erstmals veröffentlicht wurde, einen lang anhaltenden Sturm der Entrüstung aus und wurde wieder und wieder kolportiert. Sein Gedicht "Inventur" schließlich ("Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen") wurde zum nüchternen und ernüchternden Paradigma eines Neuanfangs nach den Schrecken des "Dritten Reiches"; wer immer sich und anderen die Situation der deutschen Literatur nach 1945 vergegenwärtigen will, zieht dieses Gedicht heran.

          Vielleicht - hoffentlich - trägt die schmucke Ausgabe der "Sämtlichen Gedichte" Eichs, die Jörg Drews auf der Basis der von Axel Vieregg herausgegebenen Werkausgabe besorgt und mit einem temperamentvollen Nachwort versehen hat, nun dazu bei, den Vorgang der Kondensierung, der mit jeder Kanonisierung einhergeht, zu stoppen und dem lyrischen Gesamtwerk Eichs neue Leser zu gewinnen.

          Allerdings erteilt Drews schon dem Erstling Eichs, der unter dem Titel "Gedichte" 1930 erschien, die Note "nicht geeignet"; deshalb dürfen diese Gedichte nicht am Anfang der Ausgabe stehen, wohin sie doch eigentlich gehören, weil Eichs Gedichtbände sonst in chronologischer Folge geboten werden. Vielmehr hat Drews diese frühen Gedichte dort versteckt, wohin allenfalls besonders unermüdliche Leser noch geraten: zwischen "Gedichte aus Hörspielen und Hörfolgen" und "Zu Lebzeiten Eichs unveröffentlichte Gedichte" am Ende des Bandes. Diese Entscheidung kann man nur bedauern. Sie erschwert es dem Leser, Eichs Entwicklung vom Naturlyriker in der Nachfolge Wilhelm Lehmanns und Oskar Loerkes zum skeptischen Allesbezweifler konsequent nachzuvollziehen; sie entzieht seinem Blick darüber hinaus einige der melodiösen Verse des jungen Dichters aus den zwanziger Jahren: " Des Mondes weiße Zisterne / ist ausgeschöpft und leer / und zu schlafen ohne die Sterne / ist zu schwer."

          Eich selbst hat seine frühen Gedichte nie verleugnet; im Gegenteil: In dem ihm gewidmeten Sonderheft der Zeitschrift "Konturen" ließ er 1953 seinen ersten Gedichtband von 1930 erneut vollständig abdrucken; und noch in der schmalen, von Walter Höllerer besorgten Auswahl von 1960 findet man auch Texte aus diesem frühen Band. Das gilt in gleicher Weise für seine Gedichte aus den dreißiger Jahren, die er ohne Bedenken in sein erstes Nachkriegs-Gedichtbuch "Abgelegene Gehöfte" (1948) integrierte. Mit anderen Worten: Für Günter Eich war es kein Widerspruch, wenn er einerseits die Kontinuität seines lyrischen Schaffens seit den zwanziger Jahren vorzeigte und sich andererseits zu einem radikalen Neuanfang nach 1945 bekannte. Seine "Stunde null" schloss die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und der eigenen Fehlbarkeit ein.

          Für diese Gleichzeitigkeit von Beharrlichkeit und Modernität bringt Jörg Drews im Nachwort leider wenig Verständnis auf. Seine Charakterisierung der Gedichte, die Eich vor 1945 geschrieben hat, ähnelt streckenweise mehr einer Strafpredigt als einer Würdigung; da ist von "ästhetisch reaktionären Sehnsüchten" Eichs die Rede, seine frühen Gedichte scheinen dem Herausgeber "zerlaufen, unsicher und redselig" zu sein, "bis zum Gespenstischen spannungslos". Hier wird der eine, der kunstvoll hintergründige, hochgeschätzte "späte" Eich gegen den anderen, den jungen, vermeintlich unreifen und auch politisch verdächtigen Eich ausgespielt. Am besten kann man die Konfrontation der gegenwärtigen mit der vergangenen Welt den Nachkriegsgedichten Eichs selbst ablesen, beispielsweise den Versen aus dem bei Remagen gelegenen amerikanischen Kriegsgefangenenlager, wo er 1945 interniert wurde. "Frühling in der Goldenen Meil" heißt dieses Gedicht aus dem Band "Abgelegene Gehöfte" unverfänglich und sehr Lyrisches versprechend. Es beginnt: "Daheim verbrannten Kleider und Schuh, / Nibelungen und Faust. / Ich schaue dem Flug der Mosquitos zu, / mit fiebrigen Augen, stumpf und verlaust."

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