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Schweigen ist Gold

Bei Patrik Ouredník, der zuletzt mit seinem originellen Büchlein über "Europeana. Eine kurze Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts" (2003) auffiel, sollte man Jahreszahlen ernst nehmen. Zumal wenn sie im Titel stehen. "Die Gunst der Stunde, 1855" heißt der neue Roman des 1985 aus Tschechien emigrierten und heute in Paris lebenden Autors.

Bei Patrik Ouredník, der zuletzt mit seinem originellen Büchlein über "Europeana. Eine kurze Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts" (2003) auffiel, sollte man Jahreszahlen ernst nehmen. Zumal wenn sie im Titel stehen. "Die Gunst der Stunde, 1855" heißt der neue Roman des 1985 aus Tschechien emigrierten und heute in Paris lebenden Autors. 1855 - das ist das Jahr des Krimkrieges und der Eroberung Sewastopols durch Briten und Franzosen. In Paris wird das erste Warenhaus eröffnet, und in Brasilien hat man eben Goldminen entdeckt, die Hunderte Kolonisten anlocken.

Kolonien zu gründen ist überhaupt gerade kräftig in Mode. Einen dieser Gründungsväter lässt Ouredník im ersten Teil in Liebesbriefen an eine nie vergessene "Madame" von seinen utopistischen Ideen und deren Umsetzung in Brasilien berichten. Im etwas blasierten, leicht pathetischen Tonfall offenherziger Seelenschilderungen des neunzehnten Jahrhunderts leuchtet noch Jahre danach seine offenbar alterslose fixe Idee: der Abscheu gegen die Gesellschaft, vor allem gegen die Ehe, die Frauen knebelt und jede Erneuerung bremst. Nicht Brasiliens Gold reizte diesen Tierarzt aus Genua, sondern sein unschuldiger, idealistischer Gedankenwildwuchs, ein pazifistischer Anarchismus, den diese Zeit so prägte - die entsprechenden Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts sind ein Echo darauf. Bekannte Inhalte hier in altmodischer Sprache präsentiert zu bekommen lässt aufhorchen.

In Brasilien landete der Tierarzt mit anderen "Brüdern" (und auch Schwestern) eher zufällig - als Resultat eines groben Abwägens: Europa sei kein guter Ort für Kolonien, Kanadas Boden zu teuer, Amerika im Griff von "Revolverhelden und Puritanern", Brasilien dagegen großzügig gegenüber Einwanderern. Warum also nicht?

Vergessen wir aber nun wieder getrost die historischen Daten. Denn das Spannende an diesem Roman ist die Tatsache, dass Weltgeschichte höchstens als Kulisse tauglich ist für ein zeitloses Gruppendrama, das kleinbürgerlicher nicht sein kann, obwohl doch alle Gruppenmitglieder so unbedingt anders sein wollen. Für das Kommunenschicksal, das hier wie eine Realsatire ausgebreitet wird, ist der Erdfleck fast egal. Brasilien aber hat den Vorteil der langen Anreise, und allein daran lässt sich die gewaltige Aufbruchsenergie messen, die hinter solchen Projekten damals gestanden haben muss.

Ouredník fährt das Menschenexperiment schon auf der Reise brachial vor die Wand - und das ist eine wunderbare Erzählkonstruktion, weil sie sich auf unzählige Varianten ähnlicher Wohnprojekte anwenden ließe: Im Bild des sich über zwei Monate dem Festland nähernden Schiffes, im Bild der beständig über bürokratische Nichtigkeiten streitenden Utopisten verliert sich klammheimlich die Utopie selbst. Sie gerinnt zur ewigen Annäherung - ein Un-Ort ohne Grund. Und ebendas charakterisiert ja Utopien.

Das Schlingernde schlägt sich auch im Ton nieder, der im zweiten Teil die Liebessprache ablöst: Tagebuchnotizen eines Mitreisenden fangen die fortschreitende Verrohung auf dem Schiff mit dem Namen "Kreuz des Südens" ein. Bizarre und makabre Diskussionsrunden über die Gleichheit der Rassen spalten die Gruppe freier Kolonisten, die aus Franzosen, Deutschen, Italienern, Slawen, aus Egalitaristen, Anarchisten und anarchistischen Kommunisten besteht. Bald geht es in den Sitzungen aber nur noch um Abstimmungsmodi, und der anfangs noch optimistische Chronist, der die Idee für sein Tagebuch dem "Kleinen Handbuch für Kolonisten" entnahm, wirkt zusehends verunsicherter.

Trocken listet er Dialoge auf - und lässt satirische Szenen auferstehen wie aus einem Lehrbuch für Demokratie: "Dumas sagte, dass er Argia schon geantwortet habe, und Umberto sagte, dass die Frauen lieber zu Hause bleiben sollen, wenn sie ihre Tage haben, weil es dann für alle besser sei, nicht nur für sie. Der Deutsche sagte, dass er die italienische Frau keinesfalls habe beleidigen wollen, und Cattina sagte, dass dies eine typisch männliche Bemerkung sei. Der Deutsche sagte, dass er nicht verstehe, was daran typisch männlich sein soll, und Umberto sagte, er dürfe sich nichts daraus machen." Ach, Diskutanten! Und auch das Credo von der freien Liebe erweist sich als weitaus schwieriger zu verwirklichen als gedacht. "Manchmal streichelt sie mein Gesicht, aber wenn ich ihr an den Busen fassen will oder zwischen die Beine, sagt sie: ,Nein, Bruno, noch nicht.' Und sie sagt nicht wann, sie sagt nur: ,Nicht jetzt.'" Das Experiment im Paradies endet vorhersehbar desaströs: "Nahezu alle waren betrunken."

Ouredníks Gespür für den richtigen Ton, für Komik durch zurückhaltendes Erzählen ist es zu verdanken, dass der Stoff durchaus als Modell gelesen werden darf. In Michael Stavaric' Übertragung aus dem Tschechischen ist diese ironische Note auf unaufdringliche Weise präsent, und es vermittelt sich die merkwürdige Verdampfung eines emphatischen Credos, das einst ein Schlachtruf war und von dem nur Sprechblasen zurückgeblieben sind. Es ist dann schon bitterer Sarkasmus, wenn der Autor am Ende die redlich erschlafften, aber allmählich gewaltbereiten Ansiedler arglos über die Einführung der Todesstrafe diskutieren und dann doch lieber gemeinsam singen lässt - Problemlösungsstrategien, ganz leger. Spätestens hier weht ein Hauch von Flower Power durch den Roman und löst das neunzehnte Jahrhundert endgültig ab.

ANJA HIRSCH

Patrik Ouredník: "Die Gunst der Stunde, 1855". Roman. Aus dem Tschechischen übersetzt von Michael Stavaric. Residenz Verlag, Salzburg 2007. 169 S., geb., 17,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2007, Nr. 261 / Seite 38

 
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Veröffentlicht: 09.11.2007, 12:00 Uhr