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Schutzengel mit Luxuskörper

 ·  Kulturkritik auf litauisch: Ein Roman von Jurga Ivanauskaite

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Im kleinen Boomland Litauen, nach einem halben Jahrhundert Sowjetokkupation Vollmitglied der Europäischen Gemeinschaft, kann die dynamische Integration in die Weltwirtschaft sich ausnehmen wie eine antiutopische Parodie. Zumal wenn man Jurga Ivanauskaite heißt, litauische Buddhistin und Bestseller-Autorin ist und sich vom Feminismus, östlicher Philosophie und gnostischen Schriften gleichermaßen inspirieren läßt. Im baltischen Kleinstaat ist die Erinnerung an den bürgerrechtlichen Aufbruch während der achtziger Jahre noch frisch genug und zugleich das internationale Eigengewicht schwach genug, daß die Globalisierungsfluten ein apokalyptisches Lebensgefühl zwischen Orwells "1984", Huxleys "Schöner neuer Welt" und dem Kinofilm "Matrix" erzeugen mögen.

Beschworen wird es in Jurga Ivanauskaites zweitem in deutscher Übersetzung bei dtv herausgekommenen Roman, der vorführt, wie nicht nur einstmals authentische Inhalte unseres Lebens systematisch durch Produkte, kommerzielle Ersatzstoffe verdrängt werden, sondern auch die Gesellschaft sich in eine vollautomatisierte Legebatterie verwandeln will. In deren Schaltzentrale plaziert Frau Ivanauskaite eine weltweit operierende Geheimgesellschaft, deren programmatischer Name Placebo, welcher dem Roman den Titel gab, die Substanzlosigkeit aller Dinge zum Ideal erhebt.

Aber noch finden sich selbständig suchende Seelen selbst unter Prominenten der Hauptstadt Vilnius. Das heißt: fanden sich, denn die schillernde Hauptheldin, eine Wahrsagerin, die Verehrer umschwirrten wie Motten das Licht, stirbt gleich zu Beginn des Buches eines unnatürlichen Todes. Ob es Mord oder Selbstmord war, ob das Placebo-Syndikat dahintersteckte, für das die weise Frau eine Zeitlang gearbeitet hatte, erfährt der Leser nach gut vierhundert Seiten, auf denen er eine Boulevardjournalistin bei ihren Recherchen des Falles und bei ihrer Zähmung zur Batteriehenne begleitet, zwei mit der Heldin befreundete Brüder, Placebo-Agenten, aber auch die abschiednehmend umherschweifende Seele der Dahingegangenen.

Mit dem pastosen Pinsel ihrer Frauenzeitschriftsprosa, die Werbesprache, Esoterik und literarische Zitate griffig zusammenrührt, entwirft Frau Ivanauskaite ein Menschheitsgemälde, in dem Gottesdienst von Werbung, Priester von Showmastern und das gelebte Leben von Fernsehkrimis beinahe vollständig ersetzt sind. Ein Sex-Agent führt die charakterschwache Reporterin auf den rechten Pfad des Konsumparadieses. Ein Ex-Freund der Heldin, der sich als Medienstar dem Industriediktat nicht beugt, wird per Persönlichkeitszerstörung entsorgt. Unter großer seelischer Kraftanstrengung versuchte die Heldin sich in die Geschlechtsliebe zu retten, während der von ihr als "Schutzengel" angebetete Mann zur himmlischen Liebe strebt.

Doch der Leser wird den Verdacht nicht los, daß auch hier schon Placebo die Fäden zieht. Allzugut passen das Ableben der verliebten Hellseherin und ihr moralisch zersetzender Einfluß auf ihr Herzblatt ins Konzept des Syndikats, wonach die neue Menschheit frei sein muß von Querdenkern und jeglicher Metaphysik. Vor allem aber stellte die Hauptseele des Romans zu Lebzeiten ihrem Asketen mit dem Luxuskörper mit einer Hoffnung auf die "wahre Liebe" nach, so daß sich der Leser in einen Groschenroman versetzt glaubt. Auswege aus dem Placebo-Kosmos scheinen nicht einmal durch literarische Substanz auf. Das Thema der Substanzvernichtung triumphiert auch über den Text.

KERSTIN HOLM

Jurga Ivanauskaite: "Placebo". Roman. Aus dem Litauischen übersetzt von Markus Roduner. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 433 S., br., 16,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2005, Nr. 147 / Seite 38
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