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: Schund ist gefährlich für kleine Seelen

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Es war einer der überraschendsten und sonderbarsten Bucherfolge der deutschen Nachkriegsliteratur, diese Liebesgeschichte zwischen der ehemaligen KZ-Wärterin Hannah Schmitz und dem fünfzehnjährigen Jungen Michael Berg, die in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" im Mittelpunkt stand. Zehn Jahre ...

          Es war einer der überraschendsten und sonderbarsten Bucherfolge der deutschen Nachkriegsliteratur, diese Liebesgeschichte zwischen der ehemaligen KZ-Wärterin Hannah Schmitz und dem fünfzehnjährigen Jungen Michael Berg, die in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" im Mittelpunkt stand. Zehn Jahre ist das her, und der Erfolg, den das Buch in Deutschland hatte, war nichts im Vergleich zu dem überwältigenden Triumph, den es in Amerika feierte. Platz eins der Bestsellerliste, binnen kurzer Zeit war die Geschichte der reumütigen KZ-Wärterin, die nicht lesen kann und später, nach ihrer Verurteilung in Westdeutschland, das Lesen lernt, Bücher von Primo Levi, Elie Wiesel und Hannah Arendt geradezu verschlingt und sich nach der Entlassung das Leben nimmt, mehr als eine Million Mal verkauft. Ein deutscher Roman über Nazi-Schuld und Nazi-Reue - was für ein Schlager!

          Kritische Stimmen gab es kaum. Bis - fünf Jahre später - ein harmloser Erzählungsband Schlinks erschien und sich plötzlich zahlreiche Menschen meldeten, Leser, kaum professionelle Kritiker, einige Germanistik-Professoren, und mit einer Wut von ihrer Lektüre des "Vorlesers" berichteten, die kaum zu überbieten war: "Nazi-Propaganda", "Kultur-Pornographie", "keine Literatur". Die Wucht der Empörung war erstaunlich, und so ging der "Vorleser" in eine zweite Runde der Rezeption, und nun fanden sich auch unter Literaturkritikern immer mehr, die feststellten, daß hier doch ein etwas merkwürdiges Geschichtsbild verfolgt würde und die Sprache des Romans wahnsinnig kitschig sei.

          Das war das erzählerische und erzieherische Programm des 1944 in Bielefeld geborenen Verfassungsrichters Bernhard Schlink, seit er zu schreiben begann, seit er 1992 seinen ersten Kriminalroman um den ehemaligen NS-Staatsanwalt Gerhard Selb vorgelegt hatte: die Unmöglichkeit der pauschalen Verurteilung einer Tätergruppe, die Gefährlichkeit von Denkschablonen, die Ungerechtigkeit pauschaler Urteile. Schlink schreibt über deutsche Täter, und das ist im Umfeld einer deutschen Nachkriegsliteratur, die sich fast ausschließlich auf die bequemere Seite der Opfer geschlagen hat, erst einmal interessant. Es ist aber auch außerordentlich schwierig, dabei nicht auf die schiefe Bahn der Relativierung, der Geschichtsklitterung, der Verharmlosung zu geraten. Und Schlink ist leider nicht der Mann, diesen Gefahren aus dem Weg zu gehen.

          Auch in seinem neuen Roman "Heimkehr" steht ein Ex-Nazi im Mittelpunkt. Er steht im leeren Zentrum. Er ist der abwesende Vater des Ich-Erzählers Peter Debauer, der als kleiner Junge bei seinen Großeltern in der Schweiz Ferien macht. Die redigieren fleißig Groschenromane, um sich zu ihrer Rente etwas hinzuzuverdienen, die überflüssigen Rückseiten darf der Enkel zum Malen und Schreiben verwenden - unter dem strengen Verbot, die Vorderseiten zu lesen. Denn Schund ist gefährlich für kleine Seelen.

          Natürlich liest der freche Junge doch, und er liest eine tragische Heimkehrergeschichte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Soldat kehrt heim aus dem Krieg, aus Sibirien, und muß erfahren, daß seine Frau inzwischen einen neuen Mann hat und zwei Kinder. Und dann? Das Ende des Romans ging verloren, und Peter Debauer, dessen Vater, wie es heißt, im Krieg gefallen ist, macht sich auf die Suche nach dem Ende der Geschichte. Und nach ihrem Autor. Mit einer Manie und einer Ausdauer, daß der Leser schon früh ahnen muß: Aha, der Autor, das wird sein Vater sein.

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