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Schule der Verrohung

Die ungleichen Zwillinge: Was Max Aues Schwester uns verrät / Von Julia Voss

Um es an einem Beispiel zu erklären: Während der Schulzeit hatte ich einen Freund, dessen Großeltern den Holocaust überlebten. Sie wohnten nach 1945 in Frankfurt, sprachen Jiddisch, Polnisch und Russisch. Als Wislawa Szymborska viel später, wir hatten bereits Abitur, den Literaturnobelpreis erhielt, las uns die Großmutter meines Freundes die Gedichte auf Polnisch vor. Das Haus verließen die Großeltern fast nie, sie gingen nicht ins Café oder in den Park wie andere alte Leute. Den Grund erklärte mir mein Freund: Sie wollten weder bei Kaffee und Kuchen noch auf einer Parkbank unter Menschen sein, die sie früher nach Auschwitz geschickt hätten. Zum ersten Mal begriff ich, dass "die Nazis", von denen ich in Geschichtsbüchern wie von einem wilden Stamm gelesen hatte, mitten in Frankfurt waren und Kuchen aßen. Wenn ich meine Großeltern fragte, was damals zwischen 1933 und 1945 geschehen war, hörte ich die Antwort, die wir alle kennen: "Du kannst dir das doch gar nicht vorstellen." Ich konnte es mir nicht vorstellen.

Jonathan Littell, Jahrgang 1967, hat es sich bis in kleinste Einzelheiten ausgemalt. Die Vernichtung der Juden, den Krieg, die Erschießungen, die Konzentrationslager, den Antisemitismus, 1359 Seiten lang, aus der Ich-Perspektive. Uns, die dritte Generation, hat die Frage, die er in seinem Buch zu klären versucht, anders beschäftigt als die zuvor: Die erste Generation, die die NS-Zeit noch erlebt hatte, schämte sich und schwieg; die zweite grenzte sich gegen die erste ab und gefiel sich in maximaler Distanz. Wir, die dritte Generation, lernten die Nationalsozialisten von damals als alte Leute kennen, kahl, gebrechlich, banal. Ebendas machte sie unheimlich. "Wie die meisten Menschen", erklärt uns Max Aue, "habe ich nie zum Mörder werden wollen." Dass wir unter den gleichen Umständen wahrscheinlich auch zu Mördern werden würden, davon will er uns überzeugen. Würden wir? "Die Wohlgesinnten", der Entwicklungsroman über einen SS-Obersturmbannführer, ist also so etwas wie eine Versuchsanordnung, ein Experiment, das man am besten versteht, wenn man sich über Aues Gegenstück nähert: seine Schwester Una. Es ist Stärke und Schwäche zugleich dieses Romans, dass er Aue eine Fülle von Begleitpersonal zur Seite stellt, bespiegelnd, ergänzend, kommentierend. Max und Una, Zwillinge, verbunden durch einen Inzest, werden im Rahmen der Erzählung wie zwei Probanden ins Rennen geschickt: Sie sind Menschen, die sich als Zwillinge ähnlicher nicht sein könnten, der eine wird zum Massenmörder, die andere nicht.Was unterscheidet beide?

Ihre gemeinsame Geschichte ist schnell erzählt. Soweit wir Aue glauben können, empfand er Glück nur in der Kindheit, zusammen mit der Schwester. "Die Freiheit hatte von uns, unseren kleinen, schmalen gebräunten Leibern Besitz ergriffen", erinnert er sich über einen Urlaub in Saint-Jean-Cap-Ferrat am Meer, "wir schwammen wie die Seehunde, durchstreiften den Wald wie die Füchse, rollten und krümmten uns gemeinsam im Staub, nackte ununterscheidbare Körper, weder Mädchen noch Junge, nur zwei ineinander verknotete Schlangen." Als jedoch der Inzest, aus dem wiederum Zwillinge hervorgehen, entdeckt wird, schickt man sie auf getrennte Internate. Nie wieder wird Max eine Beziehung zu einer Person aufbauen. Er hasst seine Mutter, die Schwester begehrt er weiter, von einem einzigen Zusammentreffen abgesehen umsonst. Aues Internatszeit könnten wir ebenso gut in Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" nachlesen: eine Sadismusschmiede, ein Junge erhängt sich, Aue sieht, wie er vom Strick genommen wird.

Wie wir im Fortgang der Geschichte erfahren, tragen beide einen Knacks davon. Bei Max sind Liebe und Sexualität danach entkoppelt, er trifft sich zur schnellen Lustbefriedigung mit anonymen Liebhabern. Una heiratet den Komponisten Berndt Üxküll, viel älter, im Rollstuhl; sie lebt mit ihm in Zürich und studiert bei C. G. Jung. Una löst das Problem also, indem sie einen impotenten Mann heiratet, sie schlafen in getrennten Zimmern. Max entscheidet sich für Sexualität ohne Liebe, Una für Liebe ohne Sexualität.

Was nun den Bruder, aber nicht die Schwester zum Massenmörder macht, darüber ist der Roman so deutlich, wie er nur sein kann. Er wiederholt es in zahlreichen Gesprächen, im Prolog, durch die Handlung hindurch, am Beispiel Aues, an Offizieren, Soldaten, durch alle Dienstgrade. "Und du", fragt ihn Una, als sie sich in Potsdam in einem Restaurant in der Nähe der Garnisonskirche treffen, "hast du auch Menschen getötet?" Aue erzählt darauf von seinem bisher einzigen - wir befinden uns auf Seite 674 - tödlichen Schuss. "Nachschuss" nennt er rückblickend seine Handlung, er war über einen Berg von Leichen gestiegen, die Opfer eines Erschießungskommandos in Russland, um das Leben von einem Angeschossenen, der noch lebte, mit einer zweiten Kugel zu beenden. Aue behauptet seiner Schwester gegenüber, nichts dabei empfunden zu haben. Wir Leser aber wissen, dass er lügt: In Russland, angesichts der Toten und Verstümmelten, war dauernd von Mitleid die Rede, von Scham, Schock, Zittern oder Erbrechen. "Mochten unsere Männer noch so brutalisiert und abgestumpft sein", hatte Aue fast vierhundert Seiten zuvor ausgeführt, "keiner von ihnen konnte eine jüdische Frau töten, ohne an seine Frau, seine Schwester oder seine Mutter zu denken, ein jüdisches Kind töten, ohne die eigenen Kinder vor sich im Massengrab zu sehen. Ihre Reaktionen, ihre Gewalttätigkeit, ihr Alkoholismus, ihre Nervenzusammenbrüche, ihre Selbstmorde, meine eigene Traurigkeit - das alles bewies, dass es den Anderen gibt, dass es ihn als Anderen, als Menschen gibt und dass kein Wille, keine Ideologie, kein noch so großes Maß an Dummheit und Alkohol dieses Band zerreißen kann." Wir haben richtig gelesen: Das alles sagt Aue.

Was dazwischenliegt, ist die Entleerung Max Aues, die Verflüssigung in einen ekelhaften Brei, der ihm in der Hose klebt und aus dem Hals stinkt. In Russland erbricht sich Aue fast ohne Pause, kein Essen behält er bei sich, es fließt aus ihm ohne jede Kontrolle. Davon erzählt er seiner Schwester nicht. Sie findet ihn verwandelt vor, kühl, abgebrüht, was er erlebte, hat er bereits nachrationalisiert. Una hört ihrem zurückgekehrten Bruder zu und sagt darauf den entscheidenden Satz: "Ich bin froh, dass ich kein Mann bin."

Una, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, meint damit nicht, dass Frauen friedfertiger, moralischer oder sonst bessere Menschen seien. Sie wiederholt nur, was ihr Bruder bereits zu Beginn des Buches sagt. Männer verlieren in Kriegszeiten zwei entscheidende Rechte: erstens, das Recht zu leben. Und zweitens: "das Recht, nicht zu töten". Dahinter verbirgt sich also die Annahme, dass andere zu töten keineswegs in der Natur des Menschen liegt, weder der von Männern noch von Frauen.

In den Interviews, die Jonathan Littell gegeben hat, kam er stets auf die Erfahrungen zurück, die er in Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien und Kongo sammelte, wo er zwischen 1993 und 2001 für die humanitäre Organisation "Aktion gegen den Hunger" arbeitete. Dort erlebte er junge Männer in Kriegssituationen. "Es sind nicht nur Sadisten und Geisteskranke, die entgleisen, wenn alles um sie herum entgleist", sagte Littell vor kurzem im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit und erinnerte an Abu Ghraib. Das gilt auch für Frauen, wie der Fall von Lynndie England gezeigt hat. Im Gefängnis von Abu Ghraib zog sie ebenfalls alle Register des Sadismus, sexuelle Demütigung mit eingeschlossen.

Das ist, zusammengefasst, der eine Teil der Antwort, die Max Aue auf die Frage gibt, wie er wurde, was er ist: Seine Gewalt, seine Brutalität ist nicht natürlich. Sie brodelt nicht unter der dünnen Decke der Zivilisation, wie sich das manche vorstellen. Im Gegenteil. Sie ist ein Kulturprodukt, erlernt und trainiert. Aues Weg in den Sadismus ist lang, es ist eine Bildungsgeschichte: Die Schule der Verrohung, die er durchläuft, wird im Buch wie ein Splatter-Film geschildert, mit fliegenden Fleischklumpen, platzenden Köpfen und abgerissenen Beinen.

Der zweite Teil der Antwort: Max Aue hat ein Gewissen. Parallel zur Schule der Verrohung verfolgen wir als Leser, wie Aue sein Gedächtnis zu einem verschachtelten System von Geheimtaschen und verborgenen Fächern ausbaut, ein Labyrinth der Selbsttäuschung, in dem nichts wiederkehrt, wie es war, sondern jedes Erlebnis in einer neuen Verpackung verschwindet: als Neurose, Albtraum, Halluzination, sexuelle Phantasie, Delirium. In der ersten Stufe, in Russland, wechselt Aues Gewissen den Aggregatzustand: Es wird zum physiologischen Reiz, zum Erbrechen. In der zweiten Stufe wird es wieder verinnerlicht: als Wahnsinn.

Spätestens jetzt wird einem der reale SS-Obersturmbannführer einfallen, der auch im Roman auftaucht: Adolf Eichmann. Seine Äußerungen, die Hannah Arendt in ihren Gerichtsreportagen "Eichmann in Jerusalem" aufgezeichnet hat, können wie die Kurzanleitung für den Roman gelesen werden: "Einfach dahier hineinknallen - auf eine Frau und Kinder?", sagt Eichmann rückblickend vor Gericht. "Die Leute müssen entweder wahnsinnig werden oder sie werden Sadisten". In Minsk hatte Eichmann gesehen, wie die Leichen von Juden aus Vergasungswagen in den Straßenrand gekippt wurden; in Lemberg spritzte aus einer bereits zugeschütteten Grube vor seinen Augen ein Blutstrahl "wie ein Geiser" nach oben. Vier Wochen lang, schreibt Arendt, funktionierte Eichmanns Gewissen, wie man es normalerweise erwarten durfte: "Danach kehrte es sich gleichsam um und funktionierte in genau der entgegengesetzten Weise." Eichmann wird in der unglaublich komplizierten Zerstörungsmaschinerie den Posten des Schreibtischtäters besetzen. Von Berlin aus organisiert er die Deportationen in die Gaskammern. Sein Gedächtnis lässt für die vor Ort gesehenen Erlebnisse ein separates Tonband laufen.

Littell hat mit Aue nur eine Position im nationalsozialistischen Vernichtungsapparat beschrieben. Aue ist nicht der Führer, der den Befehl zur Endlösung gibt, nicht der Architekt, der die Vernichtungslager baut, nicht der Arbeiter, der das Gold aus den Zähnen der Toten bricht und die Gaskammern putzt. Er ist nicht Eichmann, der Massenmordverwalter. Aue nimmt an der Front an den Erschießungen teil, nachdem ihm das Morden zur Routine geworden ist, tötet er die Mutter, den Stiefvater, den besten Freund.

Mit Eichmann teilt er das schaurige Talent, sich mit Klischees zu trösten, beide fühlen sich im Überzeitlichen wohler als in ihrer eigenen Geschichte. Wo der Erste sein Leben als von den "Kummer- und Leidfäden der Unglücksnorne" durchwoben nennt, halluziniert Aue von Platon und den Klassikern. Leider überlässt es Littell nicht nur seiner Romanfigur, sich so zu stilisieren. Mit Mythenversatzstücken - Inzest, Muttermord - verleiht der Autor seiner Hauptfigur immer wieder die Aura eines tragischen Helden. Es war das Verdienst von Hannah Arendt, darauf zu bestehen, dass Eichmann eben kein Macbeth war. Sie nannte ihn einen Mann von "unbestreitbarer Lächerlichkeit". Mit ihr würden wir ebenfalls darauf bestehen: Das Böse ist auch hier banal. Dennoch folgt aus Littells "Die Wohlgesinnten" eine wenig beruhigende Lehre: Wer zum Mörder wird, entwickelt die Begabung, es nicht zu merken.

Jonathan Littell: "Die Wohlgesinnten". Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin 2008. 1359 S., geb., 36, - [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2008, Nr. 61 / Seite L7

 
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Veröffentlicht: 12.03.2008, 12:00 Uhr