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Schöner als in Peking: Die Faszination des Wassers

 ·  Nun schwimmen sie wieder. Jagen beim Schuss vom Startblock wie Krähen vom Draht, fliegen wie Adler durch die Luft. Dann tauchen sie ein ins Wasser wie Pinguine und schießen Delphinen gleich durchs Becken. Der Rekordschwimmer Michael Phelps tut dies für olympischen Ruhm und Ehre. Der Protagonist des Comicalbums ...

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Nun schwimmen sie wieder. Jagen beim Schuss vom Startblock wie Krähen vom Draht, fliegen wie Adler durch die Luft. Dann tauchen sie ein ins Wasser wie Pinguine und schießen Delphinen gleich durchs Becken. Der Rekordschwimmer Michael Phelps tut dies für olympischen Ruhm und Ehre. Der Protagonist des Comicalbums "Le goût du chlore" (Edition KSTR/Castermann) von Bastien Vivès tut es, weil er ein schmalbrüstiger Jüngling mit Rückenproblemen ist - leider mehr Stein als Fisch. Zum Glück lernt der ungelenke Mann im Schwimmbad Pontoise, im 5. Arrondissement von Paris gelegen, eine echte Schwimmchampionne kennen. Diese erbarmt sich seiner und zeigt ihm, wie er seine Bewegungen koordinieren muss, um nicht unterzugehen. Kein Wunder, dass sich der Protagonist, dessen Namen wir nie erfahren, in die grazile Athletin verliebt.

Der erst sechsundzwanzigjährige französische Autor und Zeichner Vivès setzt diese romantische Geschichte einer jungen Liebe - es ist sein zweiter Comicband nach dem Debüt "Elle(s)" - in atemberaubend schöne Bilder. Er benutzt dafür eine Variation des klassischen Ligne-claire-Stils von Hergé ("Tim und Struppi"). So umreißt auch er die Körper mit einer äußert präzis gesetzten Kontur. Zugleich verflüssigt er deren Bewegungen, ebenso wie dies der belgische Zeichner Jijé ("Jean Valhardi", "Tanguy und Laverdure", "Der rote Korsar") konnte, indem er die anatomischen Gesetze mehr als beugt. Dadurch wirkt ein Einzelbild bei Vivès wie ein Abbild und ein Film zugleich. Jedes einzelne berauscht die Sinne des Betrachters, als hätte er beim Eintauchen in diese Bildwelten zu viel reinen Sauerstoff eingeatmet.

Vivès erzählt in "Le goût du chlore" die zufällige Begegnung zweier Menschen mindestens so berührend, wie dies Manu Larcenet ("Der alltägliche Kampf") mit dessen Comics gelingt. Natürlich interpretiert man das Erlernen der Schwimmkunst als Allegorie auf das Erlernen der Liebe. Aber die Geschichte ist von keinem Tropfen Kitsch benetzt. Vivès zeichnet die Akteure durchs Wasser gleitend, ins Wasser tauchend, halb drin, halb draußen. Durch ihre Gestalt glauben wir, die Gefühle der Akteure erahnen zu können, und doch bleiben diese dem Betrachter in vollem Umfang verschwommen. So harmonieren die verschleierten Bilder, der spärliche Text und die präzise eingefangenen Mikrogesten zu einem Werk, das wie aus einem Guss daherkommt.

Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass der französische Autor, Zeichner und Szenarist Bastien Vivès etwas geschaffen hat, das man ein immediate icon nennen könnte - eine Legende vom Start weg. In Frankreich ist der junge Künstler, der in Paris Graphik und Animation studiert hat und unter dem Namen "Chanmax" auch im Internet veröffentlicht, bereits ein Star. Michael Phelps mag im Wasser noch um Goldmedaillen kämpfen; wäre Comiczeichnen olympische Disziplin, dann gewänne Vivès für "Le goût du chlore" mit einigen Längen Abstand eine Goldmedaille.

ROGER AESCHBACHER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2008, Nr. 188 / Seite 41
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